O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ungeahnte Dimensionen

11.000 SAITEN
(Georg Friedrich Haas)

Besuch am
15. September 2024
(Zweites Konzert)

 

Düsseldorf-Festival, Messe, Halle 7A, Düsseldorf

Gib einem Festival die Unter­stützung, die es sich wünscht. Dann kann es sich beweisen. Eine solche Chance bekamen Chris­tiane Oxenfort und Andreas Dahmen, die künst­le­ri­schen Leiter des Düsseldorf-Festivals. Und sie haben sie genutzt. Das heutige Konzert sprengt alle Dimen­sionen, die das Düssel­dorfer Musik­leben bislang kannte. Damit dürfte sich das Festival nicht nur ein Denkmal setzen, sondern auch in die Musik­ge­schichte der Stadt eingehen.

Und das kam so: Der künst­le­rische Leiter des Klang­forums Wien, einem Ensemble für neue Musik, Peter Paul Kainrath, besuchte auf einer China-Reise den Klavier­bauer Hailun. Dort wurde er in einen Raum geführt, in dem etwa 100 Klaviere maschinell bespielt wurden. Kein Klavier, so erfuhr er, verlasse die Fabrik, ehe es nicht die 48 Stunden dauernde Prüfung bestanden hat. Kainrath war begeistert. Er rief den Kompo­nisten Georg Friedrich Haas an, ob der nicht ein Werk für 50 Klaviere kompo­nieren wolle. Nach kurzer Bedenkzeit willigte Haas ein, sofern Kainrath in der Lage sei, die Klaviere zu besorgen. Gesagt, getan. Hailun stellte die Klaviere, und so konnte das Werk 11.000 Saiten für 50 im Raum verteilte Klaviere im Hundert­s­tel­ton­ab­stand und Kammer­or­chester am 1. August vergan­genen Jahres in Bozen urauf­ge­führt werden. Weitere Auffüh­rungen folgten in Wien, Prag und Amsterdam.

Foto © Susanne Diesner

Jetzt ist es Oxenfort, Dahmen und ihrem Team gelungen, die deutsche Erstauf­führung nach Düsseldorf zu holen. Mithilfe dreier finanz­kräf­tiger Förderer und der Messe Düsseldorf, die als Gastgeber eine Messe­halle zur Verfügung stellt, kann der immense organi­sa­to­rische Aufwand gestemmt werden. Zwei Klavier­stimmer reisen aus China an, um die Klaviere passgenau in die richtige Tonlage zu bringen. Zwei Tage brauchen sie dafür. Die Maßgabe Haas‘, die baugleichen Klaviere mit Pianisten aus der Region zu besetzen, kann immerhin zu großen Teilen erfüllt werden. Zusätzlich reisen 25 Musiker vom Klang­forum Wien an. Die musika­lische Leitung obliegt Tim Anderson.

Wer die Messe Düsseldorf und ihre Parkpo­litik kennt, genießt jeden Augen­blick der Ankunft. Freund­liches Personal verlangt keine absurden Parkge­bühren, sondern weist einen höflich auf die Parkplätze in unmit­tel­barer Nähe zur Halle ein. Da möchte man ja schon eupho­risch werden. Eine Mitar­bei­terin ruft recht­zeitig in die wartende Menge, dass der Kassen­stand sich auf der anderen Seite des Einlasses befindet. Zwar wäre es nicht schlimm gewesen, die Türen ein paar Minuten eher zu öffnen, wie kurze Zeit später lange Warte­schlangen vor den Toiletten zeigen, aber dank des verspä­teten Beginns findet jeder entspannt auf seinen Platz. Bei freier Platzwahl ist eine gewisse Unruhe unver­meidbar, aber schnell zeigt sich, dass die Sitzordnung „demokra­tisch“ ist, es also keine besseren oder schlech­teren Sitzplätze gibt.

Foto © Susanne Diesner

Der erste Eindruck ist schon mal kolossal. In der Mitte der Halle ist ein Regie-Zentrum errichtet, auf dem digitale Riesen­uhren später die Spielzeit anzeigen. Darum herum sind die rücken­feind­lichen Klapp­stühle für die Besucher angeordnet, die von einem Kreis von Klavieren umgeben sind. Vor den Klavieren und in den Eckpo­si­tionen sind die Spiel­sta­tionen der Kammer­mu­siker und die Schlag­werke aufgebaut.

Wenn ich als Komponist eine solch opulente Einladung bekomme, werde ich natürlich, sofern ich über die geistigen und handwerk­lichen Fähig­keiten verfüge, alles daran setzen, so viele Effekte wie nur irgend möglich einzu­bauen. Und Haas nutzt in 66 Minuten seine Möglich­keiten. Ein Sirren und Dröhnen erfüllt die Luft in Wellen, wie man es sonst nur aus der elektro­ni­schen Musik kennt. Das ist eindrucksvoll als Effekt, musika­lisch gefäl­liger wird es aber vor allem, wenn Haas Klang­inseln einwirft, ehe die Pianisten in einem furiosen Finale ihre Klavia­turen mit Handschuhen bearbeiten.

Nicht jeder erträgt die teils bombas­ti­schen Klang­land­schaften und verlässt das Konzert vorzeitig. Wer bis zum Schluss durchhält, allein schon, weil die Leistungen der Musiker überaus beein­drucken und damit der Akt der Aufführung als solcher noch einmal eine eigene Qualität gewinnt, ist erschöpft und so fällt der Applaus unver­dient müde aus. Noch während des Schluss­ap­plauses beginnen die Besucher, die Halle zu verlassen. Vielleicht hat sich mancher doch anderes erhofft, sich von dem Aufwand mehr versprochen – aber was sollte das gewesen sein? Während die in der Halle Verblei­benden über die Musik „aus dem Universum“ disku­tieren, bleibt von diesem Abend in jedem Fall die Erinnerung, bei einem für Düsseldorf einma­ligen Ereignis dabei gewesen zu sein.

Michael S. Zerban

Mehr Bilder vom Konzert gibt es hier.

Teilen Sie O-Ton mit anderen: