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Foto © Marc Andrea

Endzeitstimmung

365FALLS
(Via negativa)

Besuch am
8. November 2019
(Premiere)

 

Forum Freies Theater, Kaser­nen­straße, Düsseldorf

Der Mensch scheint nicht ohne Weltun­ter­gangs­sze­narien auszu­kommen. Dem trägt das Forum Freies Theater in Düsseldorf in dieser Spielzeit gleich mit einer ganzen Reihe Rechnung. Fünf inter­na­tionale Produk­tionen werden unter dem Titel Eve of Destruction gezeigt. Vorabend der Vernichtung oder auch Endzeit­stimmung klingt eigentlich noch stärker, und vielleicht hätten sich davon auch mehr Düssel­dorfer angesprochen gefühlt. Wer weiß das schon?

Viel weiter hilft auch der Titel 365falls nicht, den das Kollektiv Via negativa für diesen Abend ausge­wählt hat. Die Truppe wurde 2002 als „inter­na­tionale Plattform für die Forschung, Entwicklung und Produktion zeitge­nös­si­scher Perfor­mance-Kunst“ in Slowenien gegründet. Heute treten sechs Akteure an, um sich mit der Groteske der schein­baren Sicherheit ausein­an­der­zu­setzen. Wir unter­nehmen alles auf allen Ebenen, um uns abzusi­chern, und landen doch nur wieder in der nächsten Kalamität. Olja Grubić hat dazu eine konge­niale Bühne entwi­ckelt. Mittels verschie­dener Vorhänge teilt sie den Bühnenraum in Vorder- und Hinter­räume. Das ermög­licht blitz­schnelle Umbauten und Szenen­wechsel, ohne den Fortgang der Ereig­nisse zu bremsen. Eine weiße Rückwand dient Projek­tionen. Ansonsten gibt es eine ungeheure Vielzahl von Requi­siten. Die Kostüme reichen von viel nackter Haut über Alltags­kleidung bis hin zu grotesken Verklei­dungen. Mit dieser Ausstattung kann man großar­tiges Theater zeigen, ohne eine Handlung zu erzählen. Zwei Stunden lang werden die Zuschauer permanent mit neuen Situa­tionen konfron­tiert. Das können Handlungs­frag­mente, kleine Geschichten oder Still­leben sein, die eigentlich alle nur eines gemeinsam haben: Sie zeigen den Fall. Wie viele Fallarten es gibt, wird mittels Projektion ausgehend von 365 herun­ter­ge­zählt. Eine scheinbar sichere Ausgangs­these. Denn nach 365 sollte dann ja eigentlich Schluss sein. Aber auch da täuscht der Zuschauer sich.

Foto © Marc Andrea

Der Künst­le­rische Leiter der Truppe, Bojan Jabla­novec, ist zugleich für Konzept und Regie zuständig. Mit unglaub­lichem Feinsinn, Poesie, über grobe Späße bis hin zum Exzess entwi­ckelt er immer wieder neue theatrale Momente, die so fantas­tisch sind, wie Theater im besten Sinne nur sein kann. Hochge­haltene Bilder, die selbst­ver­ständlich letztlich immer herun­ter­fallen, zeigen Situa­tionen und bedeu­tende Personen der Weltge­schichte, die das Geschehen auf der Bühne von der persön­lichen auf eine höhere Ebene entführen. Alle Versuche, nach ganz oben zu kommen, sich eine sichere Position zu suchen, sind hier von vornherein zum Scheitern verur­teilt. Und wenn es endlich mal jemand auf den roten Teppich geschafft hat, kann man sicher sein, dass ihm der unter den Füßen wegge­zogen wird.

Grega Zorc, Anita Wach, Vito Weis, Kristina Aleksova, Loup Abramovici und Nataša Živković schonen sich keine Sekunde, um die origi­nellen Einfälle, die nie zum Slapstick geraten, reihen­weise auf die Bühne zu bringen. Ob als fallende Ballerina, Bergsteiger oder aus dem Ruder gelau­fenes Model wechseln sie permanent die Kostüme, besteigen Stühle, Leitern, Bücher­stapel oder verharren in grotesken Situa­tionen auch schon mal minutenlang in völliger Erstarrung. Versuchte Tabubrüche wie die Zigarre im entblößten Hintern oder das lustvolle Zerfleddern von Buchseiten können heute niemanden mehr erschrecken, trotzdem bleibt so manchem Zuschauer bei anderer Gelegenheit, hinter der er zunächst einen Schen­kel­klopfer vermutet, das Lachen verun­si­chert im Halse stecken. Stundenlang könnte man diesem teils zirzen­si­schen Treiben zuschauen, gäbe es da nicht jenen erschre­ckenden Moment, in dem Flücht­linge ihre Schuhe zurück­lassen. So banal ist das Grauen.

Auch wenn das Stück gänzlich ohne gespro­chenes Wort auskommt, darf doch die Musik nicht fehlen. Tomaž Grom schafft ein rusti­kales Sound­design, das keine Angst vor Lautstärke kennt und sehr lautma­le­risch die Szene unter­stützt. Von Let’s twist again über Punk bis zum Satis­faction von den Rolling Stones in eigenem Arran­gement, von Mozarts Requiem über den Schwa­nensee, das Rheingold bis zu Iánnis Xenákis Metasta­sierung reicht das musika­lische Spektrum. Rabiat in den Schnitten, rücksichtslos in der Klang­qua­lität wird schnell klar, dass es hier nicht um den Hörgenuss, sondern darum geht, die Szene zu bedienen. Und das funktio­niert ganz hervorragend.

Jabla­novec hat mit diesem fanta­sie­vollen, origi­nellen und hinter­grün­digen Panop­tikum ein Stück auf die Bühne gebracht, nach dessen Urkraft große Bühnen schon lange nur noch suchen. Erschöpft von so viel Sinnes­ein­drücken und Theater­zauber gelingt dem Publikum am Ende doch noch langan­hal­tender Applaus, und damit ist zumindest das Werk nicht zu Fall gekommen.

Michael S. Zerban

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