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7 WAYS
(Geumhyung Jeong)
Besuch am
29. März 2019
(Premiere)
Hi, Robot! Das Mensch-Maschine-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf
80 Menschen passen auf die Tribüne des Kleinen Saals im Tanzhaus NRW, und ungefähr so viele werden es an diesem Freitagabend auch sein, die sich die Aufführung von Geumhyung Jeong anschauen wollen. Die Choreografin wurde 1980 in Seoul geboren und studierte Schauspiel, Tanz und Performance an verschiedenen Hochschulen Südkoreas. 2011 führte sie erstmalig ihr Werk 7 Ways am Théâtre National Populaire in Villeurbanne auf. Jetzt zeigt sie es in einer Spätvorstellung im Kleinen Saal am Tanzhaus NRW – und schafft damit nolens volens einen sympathischen Abschluss des Mensch-Maschine-Festivals Hi, Robot!
Einer ihrer Fans, der eigens aus Bochum angereist ist und sie während einer Residenz in Stuttgart kennengelernt hat, weist darauf hin, dass eine wesentlich stärkere Arbeit Oil Pressure Vibrator aus dem Jahr 2010 sei. Aber die räumliche Nähe habe ihn trotzdem nach Düsseldorf getrieben. Die Spannung wächst.
Der Kleine Saal ist nicht dekoriert. „Putzlicht“ prasselt auf den weißen Bühnenboden herab. Zahlreiche Requisiten sind im Raum verteilt. Am linken Bühnenrand sitzt Jeong in Jeans und Sweater. Sie erhebt sich, entkleidet sich bis auf die Unterwäsche, um dann zu einem Wäschestapel zu gehen. Es ist die Bekleidung eines Puppenspielers. An den rechten Fuß ist eine weiße Maske geheftet. Es gibt keine Musik. Die neu entstandene Figur kriecht auf eine Schaufensterpuppe zu, zieht sie von ihrem Podest herunter, setzt sie wieder zusammen, weil sie zwischenzeitlich in zwei Teile auseinandergefallen ist und begattet sie. Mit einem ausgedehnten Orgasmus endet diese erste Szene.

Jeong lässt sich Zeit, vermeidet den Blickkontakt mit dem Publikum. Sehr viel Zeit. Auch zwischen den einzelnen Stationen, um sich auf das nächste Ereignis vorzubereiten. Das ist nach dem Rummel der vorangegangenen Aufführung anstrengend. Es fällt schwer, sich auf die Poesie und das Mystische der einzelnen Situationen einzulassen. Wenn sie etwa den schwarzen Anzug gegen einen blauen wechselt, bei dem eine kleinere Maske am Handgelenkt angebracht wird und im Zusammenspiel mit den Fingern ein Eigenleben entwickelt. Der handwerkliche Reiz liegt darin, dass die neu entstehenden Figuren ihre Aufgaben selbst erledigen, weil Jeong nicht hinschaut.
Neben Masken beschäftigt sich 7 Ways auch mit Puppenköpfen. Die Künstlerin setzt sie ein, um technischen Geräten oder auch mal einem Musikinstrument ein „menschliches Antlitz“ zu verleihen. So wie der silberfarben lackierte Industriestaubsauger, dessen Saugrohr aus dem Mund eines männlichen Puppenkopfes mit silbergrauem Haar herausragt. Da gibt es Raum für wortwörtliche Anzüglichkeiten. Und über allem liegt ein Hauch von Humor. Der selbstfahrende Staubsauger etwa ist dahingehend präpariert, dass vorne eine Zunge angebracht ist, die zur Kopfhälfte gehört, die auf der Oberfläche des flachen Geräts angebracht ist. Und noch schöner wäre es geworden, wenn die Szene wie geplant funktioniert hätte. Dann nämlich wäre das computergesteuerte Gerät mit „sabbernder Zunge“ über den Körper der Künstlerin gefahren. Doch an diesem Abend beschränkt er sich darauf, etwas orientierungslos durch den Raum zu rollen. Aber mit seiner Extratour gelingt es ihm nicht, das Gesamtkonzept des Abends zu stören.
Das Publikum ist begeistert. Und für einen Moment verlässt Jeong ihre spröde Distanz und wagt ein Lächeln. Ein gelungener Abschiedsauftritt für ein Festival, das trotz aller Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine eines geblieben ist: menschlich.
Michael S. Zerban