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Foto © Jochen Quast

Arienkonzert mit Längen

ALCINA
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
14. Februar 2020
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf

Im für ihn besonders erfolg­reichen Opernjahr 1735 stand Georg Friedrich Händel auf der Höhe seines Ruhms und seiner Schaf­fens­kraft. An psycho­lo­gi­scher Feinarbeit nimmt die in jenem Jahr entstandene Ballett- und Zauberoper Alcina einen Höhepunkt im Gesamtwerk seiner 42 Opern ein. Lotte de Beer konzen­triert sich in ihrer ersten Regie­arbeit für die Deutsche Oper am Rhein, völlig legitim, auf die seeli­schen Konflikte der Figuren. Leider nicht durchweg konse­quent und einleuchtend, so dass die auf ein dreistün­diges Arien­konzert kompri­mierte Produktion immer wieder an Spannung verliert.

Auf Ballett­ein­lagen, die ohnehin kleine Chorpartie und plaka­tiven magischen Bühnen­zauber kann man bei diesem Stück zwar gut und gern verzichten. Aller­dings bringt es nicht viel, wenn statt­dessen als junge und alte Kopien der Titel­heldin kostü­mierte Statisten über die Bühne wieseln und für Verwirrung sorgen. Und wenn sich die Regis­seurin von den Wieder­ho­lungen der da-capo-Arien in ratlose Verle­genheit bringen lässt, werden die Arien zu Brems­klötzen der Handlung anstatt zu Katalysatoren.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und General­mu­sik­di­rektor Axel Kober ist, ungeachtet der hohen Qualität der „Neuen Düssel­dorfer Hofmusik“, nicht in der Lage, die szeni­schen Defizite musika­lisch aufzu­fangen. Er pflegt einen kulti­vierten, histo­risch orien­tierten, aber zu gleich­för­migen Musizierstil mit breit und bisweilen lähmend phrasierten Legato-Bögen. Dabei bedarf gerade dieses Stück einer rheto­risch extrem flexiblen und wandlungs­fä­higen Umsetzung, um die filigranen Feinheiten der Musik effektiv zum Ausdruck kommen zu lassen. Von den fanta­sielos gestal­teten Rezita­tiven ganz zu schweigen.

Foto © Jochen Quast

Alcina auf ihrer Zauber­insel, auf der sie mit ihren magischen Kräften Männer in Pflanzen und Tiere verwandelt: Diese Episode aus Ariosts Orlando furioso versetzen die Regis­seurin und ihr Bühnen­bildner Christof Hetzer auf eine mondäne, schick gestylte mediterrane Urlaubs­insel, die im Laufe des Stücks in ein Säulen­la­by­rinth zerfällt. Das entspricht durchaus der Entwicklung der mächtigen Zauberin, die letztlich ihre Macht­lo­sigkeit erkennen muss und als tragische Verlie­rerin hervorgeht. Mit dem Fazit: Mit List, Gewalt und Magie lassen sich Menschen zwar fesseln und zu willen­losen Werkzeugen formen, aber nicht zu aufrecht liebenden Partnern. Händel kleidet diesen Verfall­prozess der „Heldin“ in immer dunkler gefärbte Klage­ge­sänge, die Jacquelyn Wagner mit überzeu­gender Inten­sität zum Klingen bringt. Alcinas Krise setzt Bradamante in Gang, die, als Mann verkleidet, ihren Geliebten Ruggiero den Fängen der Zauberin entreißen will. So sehr Alcina im Verlauf der Oper verfällt, so sehr wächst die Energie Bradamantes, die Wallis Giunta mit ihrer kraft­vollen, aber präzise und in den Kolora­turen absolut sicher anspre­chenden Stimme einbringt.

Auf eine Besetzung Ruggieros mit einem Counter­tenor oder ‑sopran hat man verzichtet und die Rolle der Mezzo­so­pra­nistin Maria Kataeva anver­traut. Angesichts der weiblichen Übermacht geht der Besetzung dadurch ein markanter klang­licher Kontrast verloren, was aber nichts an der adäquaten Leistung der Sängerin ändert. Mit dem rundum hohen vokalen Niveau der Produktion unter­streicht die Rheinoper ihre vorbild­liche Ensem­b­le­pflege, auch wenn kurzfristig Shira Patchornik von der Wiesba­dener Oper für ihre erkrankte Kollegin einspringen muss. Sie übernimmt die kokette Partie Morganas, der Schwester Alcinas, mit beein­dru­ckender Souve­rä­nität. Singende Männer haben in dieser Produktion nicht allzu viel zu sagen. Gleichwohl runden Andrés Sulbarán als Oronte und Benjamin Pop als Melisso die Gesamt­leistung nahtlos ab. Und ein Sonderlob verdient Maria Carla Pino Cury, wie Sulbarán noch Mitglied des Opern­studios, für ihre perfekte Darstellung des Knaben Oberto.

Drei Stunden psycho­lo­gi­sches Theater in gedie­gener szeni­scher Qualität unter nur bedingt zündender musika­li­scher Leitung. Trotz des erfreu­lichen vokalen Niveaus fällt die Deutsche Oper am Rhein damit hinter eigenen Barock-Produk­tionen wie etwa Händels Xerxes mit dem erheblich spannungs­reicher agierenden Dirigenten Konrad Junghänel zurück.

Pedro Obiera

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