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AM FLÜGEL ZU VIER HÄNDEN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
24. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Mit dem Klavierspiel ist es ein bisschen wie mit dem Autofahren. Am Anfang deines Autofahrerlebens beginnst du mit einer kleinen Krücke, und mit ein wenig Glück darfst du später wechseln, bis du eine Luxuskarosse besitzt, die die Fahrt fast schon von alleine erledigt. Aber wehe, wenn du dann auf ein älteres Modell zurückgeworfen wirst. Dann wird nicht nur die Autofahrt zur Qual. Und mit den Klaviermodellen verhält es sich eben oft wie mit den Automodellen.
Um 1900 explodiert die Nachfrage nach Klavieren in Deutschland. Zwischen 1880 und 1919 werden rund 1,45 Millionen Flügel und Pianinos allein für den Export gebaut. 1889 gründet August Roth in seiner Heimatstadt Hagen eine Klavierfabrik, in die ein Jahr später Heinrich Junius einsteigt. Der Name wird schnell zum Inbegriff für Mittelklasse-Klaviere. Roth & Junius übersteht zwei Weltkriege, erst 1985 ist endgültig Schluss, als die japanische Billig-Konkurrenz den Markt überrennt. Einen lesenswerten Bericht über den Klavierbau in Deutschland hat Monika Willer 2017 in der Westfalenpost veröffentlicht. Der Name Roth & Junius hat bis heute einen guten Klang, auch wenn der Internetanbieter Thomann darunter gegenwärtig nur noch Streichinstrumente und Harfen anbietet.
1957 wurde die Paul-Gerhardt-Kirche erbaut, die heute zur evangelischen Kirchengemeinde Erkrath gehört und sich im Düsseldorfer Stadtteil Unterbach befindet. Tatjana Kisilev ist in der Gemeinde für die Kirchenmusik zuständig und freut sich wie ein Schneekönig darüber, dass die Gemeinde einen Stutzflügel der Firma Roth & Junius geschenkt bekommen hat. Sie verspricht sich von dem proper aussehenden Instrument, in Zukunft mehr Konzerte anbieten zu können. Um das Geschenk in der Kirche einzuweihen, hat sie die Pianistinnen Anna Seropian und Julia Golkhovaya eingeladen. Die bringen nichts Böses ahnend ihr Programm Am Flügel zu vier Händen mit, dass sie zuvor an der Robert-Schumann-Hochschule einstudiert haben, also auf hochwertigen Konzertflügeln. Dementsprechend virtuos fällt das Programm aus. Die Probe in der Kirche lässt die beiden Pianistinnen auf den harten Boden der Wirklichkeit fallen. Um im Bild zu bleiben: Sie müssen von einem aktuellen Mercedes auf einen Fiat 500 der ersten Modellreihe umsteigen.

Seropian, armenischer Herkunft und in Tiflis geboren, studierte zunächst in ihrer Heimatstadt Klavier und Komposition, seit 2002 setzte sie ihre Ausbildung an der Robert-Schumann-Hochschule fort und beendete sie 2009 mit dem Konzertexamen. In St. Petersburg geboren, erhielt Golkhovaya ihren ersten Klavier- und Kompositionsunterricht im Alter von sechs Jahren. Nach einer ersten Ausbildung in der Heimatstadt studierte sie in Detmold, wo sie 2007 mit dem Konzertexamen abschloss. Heute lehrt Golkhovaya in Vollzeit an der Robert-Schumann-Hochschule. Beide Musikerinnen dürfen also mit Fug und Recht als Spitzenmusikerinnen am Klavier bezeichnet werden. Umso ernster klingt die Ankündigung Golkhovayas, man werde sein Bestes versuchen, das optisch so edle Instrument zur gewünschten klanglichen Qualität zu bringen.
Ehe es so weit ist, übernimmt Seropian die Moderation, die sie für das gesamte Konzert schriftlich ausgearbeitet hat. Ausgedacht haben die beiden sich eine musikalische Reise des Tanzes von Norden nach Süden mit „Werken, in denen sich der Rhythmus, Bewegung und Emotion zu Klang verwandeln – Musik, die in den Füßen kitzelt und das Herz bewegt“. Klingt vielversprechend. Den Anfang macht Edvard Grieg, der 1881 seine Norwegischen Tänze für Klavier zu vier Händen veröffentlichte. Für den ersten Tanz verwendete er den populären Sinklar-Marsch, für die übrigen drei Hallings, also traditionelle norwegische Brauttänze junger Männer, die schnell und sehr akrobatisch aufzuführen sind. Daraus erklingen nun die Tänze eins, zwei und drei.

Und die beiden Pianistinnen geben alles. Es gelingt ihnen tatsächlich, dem Flügel warme Klänge in akzeptabler Lautstärke zu entlocken. Golkhovaya verrät später erschöpft, dass das nur durch maximalen Energieaufwand zu erreichen ist. Für das Publikum im gut besuchten Kirchenraum bedeutet das Klanggenuss vom Feinsten. Und schmunzelnd hört es sich die Anekdote von Seropian über die Unterrichtsmethoden von Wolfgang Amadeus Mozart an, der gern im vierhändigen Übungsspiel Fehler einbaute, um die Konzentration seiner Schülerinnen zu testen. Dazu eigneten sich unter anderem die Variazioni in G‑Dur über ein eigenes Thema, die Mozart im Alter von 37 Jahren komponierte. Daraus präsentieren die Musikerinnen das Andante. Es folgt die Prozession Cortège von Claude Debussy.
1849 gab Robert Schumann unter dem Titel Bilder aus Osten sechs Impromptus für vierhändiges Klavier heraus. Wie aus der Vorbemerkung der Erstausgabe hervorgeht, verdankt Schumann die Anregung dazu den Makamen – eine Gattung arabischer gereimter Prosa – des mittelalterlichen Dichters Hariri in der Übersetzung Friedrich Rückerts. Fünf Bilder daraus tragen Golkhovaya und Seropian vor. Obwohl brillant gespielt, kann das Werk Schumanns in diesem Umfeld beim Publikum nicht die gleiche Begeisterung wecken wie die übrigen Komponisten.
Ganz anders bei Alexander Borodin, dem Chemie-Professor, der in seiner knapp bemessenen Freizeit komponierte. Von dem russischen Komponisten aus St. Petersburg ist beispielsweise die Oper Fürst Igor bekannt, in der er die Polowzischen Tänze erarbeitete. Die Polowzen waren ein türkischsprachiges Nomadenvolk aus Zentralasien, das im Mittelalter in der heutigen Ukraine lebte, erzählt Seropian. Das Volk war für seine Kampf- und Reitkunst bekannt. Musik und Rhythmus der Polowzischen Tänze ähneln sehr der kaukasischen Volksmusik, die Borodin bei seinen Erkundungsreisen in den Kaukasus kennenlernte. Mit einem abermals hochvirtuosen Vortrag schließt das gut einstündige Konzert. Oder fast.
In den frenetischen Applaus hinein kündigt Seropian die Zugabe eines Slawischen Tanzes von Antonín Dvořák an. Wunderbar arbeiten die beiden hier die Melancholie heraus, ohne in Traurigkeit zu verfallen. Das Sahnehäubchen auf einem grandiosen Klavierabend, der mit ungewöhnlichem Programm und trotz aller Schwierigkeiten fantastischer Spielweise sicher so manchem noch lange in Erinnerung bleiben wird. Von den beiden Pianistinnen möchte man in genau dieser Kombination noch mehr hören.
Michael S. Zerban