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Abseits der Norm

DIE ANDERE VERNUNFT – RAUSCH. TRANCE. EKSTASE
(Karen Bößer, Beatrix Szörényi)

Besuch am
14. Februar 2020
(Urauf­führung)

 

Weltkunst­zimmer, Düsseldorf

Vor ziemlich genau zwei Jahren stellten Karen Bößer und Beatrix Szörényi ihre erste gemeinsame Arbeit vor. Pieces of Manifesto wollte in der Blackbox des Forums Freies Theater den künst­le­ri­schen Entste­hungs­prozess eines Werkes erklären und erntete einen Achtungs­erfolg. Im vergan­genen Jahr starteten Choreo­grafin und bildende Künst­lerin das Recher­che­projekt Die andere Vernunft. Rausch, Trance, Ekstase. Ein künst­le­ri­sches Forschungs­projekt mit dem Ziel heraus­zu­finden, was in der Bewegungs­cha­rak­te­ristik passiert, wenn „ein Geist in außer­ge­wöhn­liche Bewusst­seins­zu­stände verfällt“. Die Ergeb­nisse dieser Arbeit sind in das neue Stück Die andere Vernunft – Rausch. Trance. Ekstase einge­flossen, das die beiden jetzt im Weltkunst­zimmer als instal­lative Perfor­mance vorstellen.

Foto © Susanne Diesner

Die Ausstel­lungs­fläche A im Weltkunst­zimmer, einer ehema­ligen Brotfabrik, ist norma­ler­weise ein großer, kahler Raum im hintersten Winkel des Fabrik­ge­ländes. Bößer, Szörényi und ihr Team haben diesen Saal mit unglaub­lichem Aufwand in eine Theater­land­schaft verwandelt. Es ist ja Recht und Pflicht der so genannten Freien Szene, nach alter­na­tiven Ausdrucks­formen zu suchen. Aber warum muss es neuer­dings so oft auf Kosten der Bestuhlung für das Publikum gehen? Wäre eine intel­li­gente Stuhl­an­ordnung nicht die viel größere Heraus­for­derung? Die Wände des Ausstel­lungs­raums sind bis zur Decke mit Schaum­stoff abgehangen. Auch der Fußboden ist mit einer doppelten Lage Schaum­stoff ausgelegt. Die Zuschauer müssen sich in der Mitte auf den Boden setzen. Wenigstens ein paar Stühle hat man für ältere Herrschaften am Rand platziert. Ansonsten sind die Außen­be­reiche für die Aufführung reser­viert. Da gibt es rechts vom verhängten Eingang eine Musik­station, links ist eine Bude aufgebaut, die mit ihren Kochplatten und Töpfen an einen Imbiss­stand auf einem Wohltä­tig­keits­basar erinnert. Hier sitzt eine Frau im weißen Unterhemd und starrt reglos vor sich hin. Am hinteren Ende ist eine Nische in die Wand einge­lassen, in der sich ein Berg Party­schaum türmt. Rechts davon sind weitere Schaum­stoff­matten aufge­türmt, die erst später zur Geltung kommen. Ein paar Meter davor sitzt eine weitere Frau, die offen­sichtlich in tiefer Meditation versunken ist. Dafür spricht zumindest die herun­ter­ge­klappte Kinnlade. Verschiedene Projek­ti­ons­flächen sind vorge­sehen. Die größte ist an der Wand neben der Musik­station einge­richtet. Nach Beginn der Aufführung, der vom Musiker Thomas Klein aka Sølyst einge­leitet wird, sind dort histo­rische Stein­statuen zu sehen, bei denen man am ehesten an Frucht­bar­keits­götter fremder Kulturen denkt. Karen Bößer bricht ihre Meditation ab, entkleidet sich bis auf einen Slip und kuschelt sich in die Schaum­stoff­matten, bleibt reglos liegen.

Zehn Minuten währt die musika­lische Einlei­tungs­phase, in der der Saal im Dunkel liegt. Krisselnde Geräusche mischen sich mit Trommeln, später geht die Klang­ku­lisse in ein Fiepen und Motoren­ge­räusche über. Als die Musik ausklingt, beginnt Beatrix Szörényi mit ihrer Arbeit. Aber anstatt Bockwürstchen in die großen Töpfe zu füllen und aufzu­wärmen, beginnt sie, das Büdchen in ein farben­frohes Kunstwerk zu verwandeln. Statt Senf und Mayon­naise gibt es Flüssig­keiten, Pülverchen und andere Substanzen, die über die plastik­fo­li­en­be­wehrten Außen­wände geschüttet werden und sich allmählich zu obskuren Mustern ordnen. Bei der ersten Unter­bre­chung ihrer Arbeit setzt sich Bößer in Bewegung, die man als eksta­tisch oder trance­artig bezeichnen kann. Für die Zuschauer, die auf der „falschen“ Seite sitzen, entfällt die Hälfte ihrer Choreo­grafie wegen fehlender Sicht­barkeit. Das ist überaus ärgerlich, zumal man sich für ihren Part in der Aufführung mehr Zeit gewünscht hätte.

Foto © Susanne Diesner

Immer wieder tritt Szörényi in den Vorder­grund, die inzwi­schen Teige formt und knetet, die alsbald träge an den Außen­wänden herun­ter­rut­schen. Während Kleins wieder­ein­ge­setzte Musik eher im Hinter­grund bleibt, zeigt Bößer denkbare Fortbe­we­gungs­mög­lich­keiten im Rausch­zu­stand und bewegt sich einmal an den Außen­wänden des Raums entlang. Das ist durchaus künst­le­risch angelegt und hat nichts von den parodie­haften Imita­tionen eines Betrun­kenen. Da passt es, dass sie plötzlich aufrecht stehend verharrt, als sei sie aus einer Trance erwacht und wisse nicht, was sie in dieser Wirklichkeit soll. Schließlich stürzt sie sich in den Berg von Party­schaum, hinter dem eine weitere Projektion nicht näher erkennbare Schat­ten­risse zeigt. Gute Gelegenheit für Szörényi, an ihrem Kunstwerk weiter­zu­ar­beiten. Einer der vielen starken Momente des Abends ergibt sich, als Bößer sich aus dem Schaum erhebt und den Körper mit einem Eimer Wasser vom Schaum befreit.

Die ganz große Begeis­terung bleibt an diesem Abend aus. Da entsteht das Kunstwerk Szörényis nur wenig rauschhaft, für die Ekstase der Choreo­grafin hätte es mehr Raum geben dürfen. So fällt der Applaus des Publikums auch eher mäßig aus, was zudem daran gelegen haben mag, dass die meisten Zuschauer schon aus gesund­heit­lichen Gründen froh sind, sich nach einer knappen Stunde wieder vom Fußboden erheben zu können.

Wer sich die großar­tigen Momente des Abends wie die Ekstase Bößers zwischen Schaum­stoff-Matten oder das fertige Kunstwerk Szörényis zu Gemüte führen möchte, hat dazu noch an den beiden darauf­fol­genden Tagen Gelegenheit.

Michael S. Zerban

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