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ANTLITZE VON MACHT UND OHNMACHT
(Bojan Vuletić)
Besuch am
13. Juli 2019
(Uraufführung)
Asphalt, das Sommerfestival der Künste, ist mächtig durchgestartet in diesem Jahr. Aufführungen der Extraklasse in dichter Folge, da sind die Ausstellungen oder die Nachtkonzerte noch gar nicht mitberücksichtigt. Die Organisation ist vorbildlich, das Essensangebot sehr gut, wenn auch sehr beschränkt. Was noch fehlt, ist die traditionelle Uraufführung eines Werkes von Bojan Vuletić, des Komponisten, der einer der beiden Künstlerischen Leiter des Festivals ist. Jetzt also, am dritten Tag des Festivals ist es so weit.
Vuletić hat den bisherigen Pfad verlassen, sich mit großen Kunstwerken der Literatur oder Malerei auseinanderzusetzen. In diesem Jahr will er sich mit Menschen befassen, die Geschichte geschrieben haben. Antlitze von Macht und Ohnmacht lautet der Titel des fast anderthalbstündigen Zyklus‘ für Trompete und Klavier. Zur Uraufführung hat Vuletić niemand Geringeres als Markus Stockhausen und Bojan Zulfikarpasić eingeladen, sein neues Werk zu präsentieren. Bereits im Vorfeld erzählte Vuletić, dass Stockhausen seit mehr als einem Jahrzehnt keine Fremdkompositionen mehr gespielt habe, schon das also eine Besonderheit.
Es wäre eine Schande gewesen, wenn das neu geschaffene Werk vor den üblichen 50 an zeitgenössischer Musik interessierten Leuten aufgeführt worden wäre. Also hat man sich beim Asphalt-Festival etwas Besonderes einfallen lassen, um die Glashalle im Weltkunstzimmer bis auf den letzten Platz zu füllen. Jeder Besucher, der an diesem Tag eine andere Aufführung besucht hat, darf dem Konzert kostenlos beiwohnen. Die Schnäppchen-Mentalität der Deutschen ist ungebrochen, und so drängen die Menschen in die Halle, bis auch die Galerie und zusätzlich aufgestellte Bänke besetzt sind. Der Komponist darf auf diese Weise den schönsten Lohn schon während des Konzerts empfangen. Denn hier sitzen – neben Fachkundigen, die von Berufs wegen da sind, und Fans, die ihre Sympathie gegenüber dem Komponisten und den Musikern bezeugen – Menschen mit ungeübten Ohren und frei, jederzeit den Saal zu verlassen. Gerade mal sage und schreibe fünf Personen schleichen vorzeitig von dannen. Das darf man wohl als einen überwältigenden Erfolg bezeichnen.
Vuletić hat, wie er sagt, Porträts von zehn Personen musikalisch umgesetzt. Und sogleich möchte man ihm widersprechen. Denn er hat es sich eben nicht so einfach gemacht, mit bildhafter Melodik, etwa im Sinne eines Peter und der Wolf, das Leben, den Charakter oder die Gesichter der Personen nachzuzeichnen, sondern ist viel mehr mit eigenen Assoziationen in die Geschicke der Menschen eingetaucht. Und so kann man die Namen wohl eher als Überschriften der einzelnen Zyklusteile verstehen, in die der Komponist eine Ideenvielfalt einbaut, die tatsächlich zwei so virtuose Musiker wie Stockhausen und Zulfikarpasić braucht, um sämtliche Nuancen zu erfassen. Gleichwohl sagt die Auswahl der Personen etwas über die Absicht der Komposition aus.
Doaa Al Zamel ist aus Syrien über das Mittelmeer im Schlauchboot geflüchtet. Das Boot kenterte, und sie musste mehrere Tage im Wasser überleben. Die Kraft dazu gab ihr sicher auch das Kind, das sie dabei hatte. Das Kind einer anderen Mutter, die es ihr anvertraute, ehe sie ertrank. Vuletić nutzt hier nicht die Gelegenheit, seine Wut oder Enttäuschung über eine Gesellschaft in die Welt zu blasen, die solche unmenschlichen Erfahrungen zulässt, sondern lässt sich in vielen Klavierläufen und langen Trompetenphrasen auf die Empfindungen Al Zamels ein. Ähnlich verhält er sich bei Milovan Djilas, einem der ersten kommunistischen Dissidenten, der sich in einer hohen Machtposition systemkritisch äußerte und daraufhin viele Jahre im Gefängnis verbrachte. In der ohnmächtigen Situation der Haft nutzte der Schriftsteller die Zeit, seine Kritik in Büchern zu manifestieren, die teilweise auf Toilettenpapier verfasst und aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden. Wesentlich umstrittener ist die Lebensleistung eines Mannes, dessen Konterfei in den 1970-er Jahren die Wände vieler Zimmer heranwachsender Menschen zierte – und das nicht nur wegen seines attraktiven Erscheinungsbildes. An dieser Stelle führt Vuletić ein weiteres „Instrument“ ein. Die Wände des Flügels dienen als Trommel. Auch wenn es naheliegt, hält sich Vuletić von militärischen Bezügen etwa eines Marsches fern.

Auf Anregung von Markus Stockhausen, sagt Vuletić, stellt er die „beschriebenen“ Personen und ihre Schicksale jeweils kurz vor. Die Gruppe der nächsten vier Menschen beginnt mit einem Trompetensolo. Dabei und in der Folge setzt Stockhausen auch immer wieder ein Masterkeyboard ein, um mit Verfremdungseffekten wie Hall oder Echo zu arbeiten. Dass er zwischendurch auch den Flügelkasten als Resonanzraum nutzt, erzeugt ein besonders schönes Echo der Saiten. Später wird er auch noch die eigene Stimme zur Tonerzeugung nutzen. Vorerst aber geht es um Malala Yousafzai, der inzwischen weltbekannten Kinderrechtsaktivistin und jüngsten Friedensnobelpreisträgerin, die einen Kopfschuss durch einen Taliban überlebte. Ihr ist das Solo gewidmet, ehe die Musiker sich Harriet Tubman zuwenden, einer afroamerikanischen Fluchthelferin, die bis zum Ende des amerikanischen Sezessionskrieges Sklaven half, aus den Südstaaten zu fliehen. Ebenfalls für ein menschlicheres Dasein setzte sich Dolores Ibárruri ein, die gegen das faschistische Regime in Spanien kämpfte und dabei die Losung „No pasarán“ – Sie werden nicht durchkommen – prägte, um zum Widerstand zu ermutigen. Unter den weiteren Porträts sei Arturo Ui hervorgehoben. Denn den gibt es nicht. Bertolt Brecht schuf die fiktive Person als Stellvertreter für Diktatoren, die sich der Lächerlichkeit preisgeben. Die Ähnlichkeit mit Adolf Hitler war dabei durchaus gewollt. Und hier kann Vuletić es sich auch nicht verkneifen, sein Publikum mit quäkender Trompete zum Lachen zu bringen.
Wer in dem Werk oder bei den ausgewählten Persönlichkeiten nach einem gemeinsamen Nenner sucht, wird möglicherweise als „Leitmotive“ die immer wiederkehrenden Klavierläufe und langangehaltenen Trompetentöne identifizieren, die Menschen in einer Ohnmacht zeigen, aus der heraus sie viel bewirkt haben. Dabei lässt Vuletić unbewertet, ob ihre Machtpositionen „gut“ oder „schlecht“ genutzt waren. Wo es im variationsreichen Spiel dramatisch wird, ist die Musik nie Wertung oder Stellungnahme, und so wird man auch im Gesamtzyklus einen dramaturgischen Verlauf vergeblich suchen.
Ausgiebig und stehend feiert das Publikum Komponisten und Musiker, die ein fulminantes Konzert abgeliefert und dem Festival damit eindeutig einen weiteren Höhepunkt hinzugefügt haben.
Michael S. Zerban