O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
CUM-EX PAPERS
(Lichthof-Theater)
Besuch am
15. Juli 2019
(Premiere)
Auch heute ist die Glashalle im Weltkunstzimmer beim Düsseldorfer Asphalt-Festival wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Dabei ist das Thema alles andere als gefällig. Und es ist für den Laien so undurchschaubar, dass die Zeitungen allenfalls im Finanzressort darüber berichten. Wenn überhaupt. Wen das noch nicht abschreckt, der sollte den Untertitel nicht außer Acht lassen: Eine Recherche zum entfesselten Finanzsystem. Alles egal. Die Menschen strömen ins politische Theater.
Franziska Bulban und Alexandra Rojkov haben ihrem Buch einen Text zugrunde gelegt, den es gibt. Es ist das Interview mit Bernd Frey. Der Kronzeuge im größten Steuerbetrug aller Zeiten heißt eigentlich anders, aber für jemanden, der sich von seiner Schuld freisprechen will, ist doch B. Frey nicht schlecht. Um diese metaphorischen Aussagen herum haben die Autorinnen einen Text geflochten, der den Skandal, moralische und rechtliche Schuld und die Beteiligten näherbringen will. Cum-ex Papers ist die Geschichte von der entfesselten Gier der Finanzmärkte, die längst jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren haben, sich über jede Moral erhaben fühlen und ein System, das drei Finanzminister nicht ändern wollten, gnadenlos ausnutzen, um den Steuerzahler allein in Deutschland um 31 Milliarden Euro in zehn Jahren zu erleichtern. Erschreckend ist, dass es sich hier nicht um Fiktion oder ein Ereignis der Vergangenheit handelt, sondern alles weiterläuft wie bisher. Helge Schmidts Aufgabe als Regisseur ist es, die komplexen Inhalte mit theatralen Mitteln auf der Bühne umzusetzen. Und das war beileibe nicht einfach, gibt er unumwunden zu. Bis zuletzt habe man sich sehr auf die Sachverhalte konzentriert, beinahe übersehen, was eigentlich die Aufgabe des Künstlers sei. Aber zum Schluss ist doch noch alles gut gegangen.

Im Zentrum der Bühne gibt es einen Lamellenvorhang, der nicht nur verschiedene Räume eröffnet, sondern auch gleich eine Projektionsfläche für die zahlreichen Videoclips bietet, in denen am Skandal Beteiligte, der Kronzeuge und Experten zu Wort kommen. Johanna Seitz hat die Sequenzen sehr aussagekräftig zusammengestellt. Für die Ausstattung sind Lani Tran-Duc und Anika Marquardt zuständig. Sie haben die drei Darsteller in Anzüge gesteckt. Da gibt es den erfolgreichen Junganwalt im blauen Anzug mit Krawatte und dazugehöriger Möchtegern-Intellektuellen-Brille, die Bankerin im Kostüm mit weißer Bluse, der ihre körperlichen Vorzüge betont, und den älteren Banker im grauen Anzug, der zwischendurch auch mal als Butler auftreten wird. Ein paar Requisiten sind seitlich gelagert und kommen im Laufe des Abends zum Einsatz. Darunter ein paar Säcke voller Flitter, der den unermesslichen Reichtum der Banker, Berater und Anwälte darstellt und für ein paar erstaunliche Effekte sorgt. Die wären nicht ohne das sorgfältig und überzeugend gesetzte Licht von Sönke C. Herm möglich. Slow-Motion-Effekte im Spiel erfordern eine eigene Choreografie, die Jonas Woltemate nicht ohne Humor entwickelt hat.

Alle drei Darsteller haben im Laufe des Abends unterschiedliche Rollen zu vertreten, wobei es eigentlich nicht so sehr auf die Person, sondern mehr auf das Geschehen ankommt. Bevorzugt als Kommentatorin tritt Ruth Maria Kröger auf, besticht mit Sachlichkeit, leistet sich aber auch mal einen Ausflug ins Anzügliche, ehe sie einen grandiosen Text über die philosophische Frage über die Ungleichheit der Gesellschaftsschichten vorträgt. Der haut einen um und ist sicher Höhepunkt des Abends. Jonas Anders – was für ein Name für einen Schauspieler – brilliert vor allem als Junganwalt, der die Blitzkarriere in einer Anwaltsfabrik überzeugend darstellt. Als Finanzminister mit drei Gesichtern, die er sich als Pappmasken vors Gesicht hält, wird Günter Schaupp im Gedächtnis bleiben, wohl auch, weil diese Rolle die perfideste im ganzen Skandal ist. Spätestens an der Stelle, an der die drei den Mechanismus des Betrugs erklären – die schwierigste Stelle im Stück, wie Kröger freimütig erzählt – haben die drei das Publikum für sich gewonnen. Endlich hat man das Gefühl, das Geschehen verstanden zu haben, wenngleich die Dimensionen des Vorgangs unvorstellbar bleiben. Klar wird entgegen aller Beteuerungen, dass sich hier nichts zufällig entwickelt hat, sondern Menschen, nein, Banker, ein Geschäftsmodell geplant haben, um Milliarden vom Fiskus abzukassieren.
Wenn Schmidt die drei zuletzt als Aliens mit einer Kopfmaske von Bernd Frey auftreten lässt, ist das ein wunderbarer Effekt, aber es möchte keine rechte Freude aufkommen. Außerirdische werden das System nicht retten. Auch wenn sie die Wahrheit bringen. Als Helge Schmidt nach tosendem Applaus im anschließenden Publikumsgespräch darauf angesprochen wird, dass er doch eigentlich etwas Leichtes wie Pop in Hamburg, wie er es ursprünglich geplant hatte, auf die Bühne bringen wollte und wann das wohl komme, erwidert er, dass in dieser Zeit das politische Theater viel wichtiger sei. Recht hat er.
Michael S. Zerban