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Foto © Tim Hillermann

Entfesselte Gier

CUM-EX PAPERS
(Lichthof-Theater)

Besuch am
15. Juli 2019
(Premiere)

 

Asphalt-Festival, Glashalle Weltkunst­zimmer, Düsseldorf

Auch heute ist die Glashalle im Weltkunst­zimmer beim Düssel­dorfer Asphalt-Festival wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Dabei ist das Thema alles andere als gefällig. Und es ist für den Laien so undurch­schaubar, dass die Zeitungen allen­falls im Finanz­ressort darüber berichten. Wenn überhaupt. Wen das noch nicht abschreckt, der sollte den Unter­titel nicht außer Acht lassen: Eine Recherche zum entfes­selten Finanz­system. Alles egal. Die Menschen strömen ins politische Theater.

Franziska Bulban und Alexandra Rojkov haben ihrem Buch einen Text zugrunde gelegt, den es gibt. Es ist das Interview mit Bernd Frey. Der Kronzeuge im größten Steuer­betrug aller Zeiten heißt eigentlich anders, aber für jemanden, der sich von seiner Schuld freisprechen will, ist doch B. Frey nicht schlecht. Um diese metapho­ri­schen Aussagen herum haben die Autorinnen einen Text geflochten, der den Skandal, moralische und recht­liche Schuld und die Betei­ligten näher­bringen will. Cum-ex Papers ist die Geschichte von der entfes­selten Gier der Finanz­märkte, die längst jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren haben, sich über jede Moral erhaben fühlen und ein System, das drei Finanz­mi­nister nicht ändern wollten, gnadenlos ausnutzen, um den Steuer­zahler allein in Deutschland um 31 Milli­arden Euro in zehn Jahren zu erleichtern. Erschre­ckend ist, dass es sich hier nicht um Fiktion oder ein Ereignis der Vergan­genheit handelt, sondern alles weiter­läuft wie bisher. Helge Schmidts Aufgabe als Regisseur ist es, die komplexen Inhalte mit theatralen Mitteln auf der Bühne umzusetzen. Und das war beileibe nicht einfach, gibt er unumwunden zu. Bis zuletzt habe man sich sehr auf die Sachver­halte konzen­triert, beinahe übersehen, was eigentlich die Aufgabe des Künstlers sei. Aber zum Schluss ist doch noch alles gut gegangen.

Foto © Tim Hillermann

Im Zentrum der Bühne gibt es einen Lamel­len­vorhang, der nicht nur verschiedene Räume eröffnet, sondern auch gleich eine Projek­ti­ons­fläche für die zahlreichen Video­clips bietet, in denen am Skandal Betei­ligte, der Kronzeuge und Experten zu Wort kommen. Johanna Seitz hat die Sequenzen sehr aussa­ge­kräftig zusam­men­ge­stellt. Für die Ausstattung sind Lani Tran-Duc und Anika Marquardt zuständig. Sie haben die drei Darsteller in Anzüge gesteckt. Da gibt es den erfolg­reichen Junganwalt im blauen Anzug mit Krawatte und dazuge­hö­riger Möchtegern-Intel­lek­tu­ellen-Brille, die Bankerin im Kostüm mit weißer Bluse, der ihre körper­lichen Vorzüge betont, und den älteren Banker im grauen Anzug, der zwischen­durch auch mal als Butler auftreten wird. Ein paar Requi­siten sind seitlich gelagert und kommen im Laufe des Abends zum Einsatz. Darunter ein paar Säcke voller Flitter, der den unermess­lichen Reichtum der Banker, Berater und Anwälte darstellt und für ein paar erstaun­liche Effekte sorgt. Die wären nicht ohne das sorgfältig und überzeugend gesetzte Licht von Sönke C. Herm möglich. Slow-Motion-Effekte im Spiel erfordern eine eigene Choreo­grafie, die Jonas Woltemate nicht ohne Humor entwi­ckelt hat.

Foto © Tim Hillermann

Alle drei Darsteller haben im Laufe des Abends unter­schied­liche Rollen zu vertreten, wobei es eigentlich nicht so sehr auf die Person, sondern mehr auf das Geschehen ankommt. Bevorzugt als Kommen­ta­torin tritt Ruth Maria Kröger auf, besticht mit Sachlichkeit, leistet sich aber auch mal einen Ausflug ins Anzüg­liche, ehe sie einen grandiosen Text über die philo­so­phische Frage über die Ungleichheit der Gesell­schafts­schichten vorträgt. Der haut einen um und ist sicher Höhepunkt des Abends. Jonas Anders – was für ein Name für einen Schau­spieler – brilliert vor allem als Junganwalt, der die Blitz­kar­riere in einer Anwalts­fabrik überzeugend darstellt. Als Finanz­mi­nister mit drei Gesichtern, die er sich als Pappmasken vors Gesicht hält, wird Günter Schaupp im Gedächtnis bleiben, wohl auch, weil diese Rolle die perfi­deste im ganzen Skandal ist. Spätestens an der Stelle, an der die drei den Mecha­nismus des Betrugs erklären – die schwie­rigste Stelle im Stück, wie Kröger freimütig erzählt – haben die drei das Publikum für sich gewonnen. Endlich hat man das Gefühl, das Geschehen verstanden zu haben, wenngleich die Dimen­sionen des Vorgangs unvor­stellbar bleiben. Klar wird entgegen aller Beteue­rungen, dass sich hier nichts zufällig entwi­ckelt hat, sondern Menschen, nein, Banker, ein Geschäfts­modell geplant haben, um Milli­arden vom Fiskus abzukassieren.

Wenn Schmidt die drei zuletzt als Aliens mit einer Kopfmaske von Bernd Frey auftreten lässt, ist das ein wunder­barer Effekt, aber es möchte keine rechte Freude aufkommen. Außer­ir­dische werden das System nicht retten. Auch wenn sie die Wahrheit bringen. Als Helge Schmidt nach tosendem Applaus im anschlie­ßenden Publi­kums­ge­spräch darauf angesprochen wird, dass er doch eigentlich etwas Leichtes wie Pop in Hamburg, wie er es ursprünglich geplant hatte, auf die Bühne bringen wollte und wann das wohl komme, erwidert er, dass in dieser Zeit das politische Theater viel wichtiger sei. Recht hat er.

Michael S. Zerban

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