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Festivalbühne - Foto © Ralf Puder

In den Teich gesetzt

Anstatt ihr Sommerfest einfach abzusetzen, haben die beiden künst­le­ri­schen Leiter Bojan Vuletić und Christoph Seeger-Zurmühlen alle Hebel in Bewegung gesetzt, das Asphalt-Festival in Düsseldorf trotz aller Widrig­keiten durch­zu­führen. An neuer Spiel­stätte finden vom 9. bis 19. Juli mehr als 40 Auffüh­rungen statt. Gleich am Eröff­nungs­abend stellt sich echte Festival-Atmosphäre ein. Schon nach den ersten drei Stunden ist klar: Dieses Festival wird in die Geschichte eingehen.

OB Thomas Geisel bringt Bojan Vuletić und Christoph Seeger-Zurmühlen zur Bühne – Foto © Nana Franck

Wer in diesem Sommer ein Festival veran­stalten will, braucht eine Menge Dinge. Viel frische Luft, Platz für Abstand, einen unglaub­lichen Personal- und Organi­sa­ti­ons­aufwand, mindestens eine Stadt, die sich flexibel zeigt und – nicht zuletzt – zahlungs­kräftige Unter­stützer. Denn Geld lässt sich damit nicht verdienen. Genügend Gründe für viele Veran­stalter, sich in diesem Jahr nicht auf das Abenteuer Festival einzu­lassen. Denn selbst, wenn es gelänge, das alles zu bewerk­stel­ligen, braucht es immer noch eine gehörige Portion Einfalls­reichtum und Künstler, die sich auf schier unmög­liche Arbeits­be­din­gungen einlassen.

In der Vergan­genheit wurde das Asphalt-Festival von Jahr zu Jahr erfolg­reicher. Zu verdanken ist das nicht nur einem höchst engagierten Team, sondern auch den künst­le­ri­schen Leitern, Christoph Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić, die nicht nur Schwach­stellen konse­quent behoben, sondern auch mit Programmen glänzten, die konti­nu­ierlich mehr und mehr Publikum anlockten. Eigentlich wäre in der anste­henden achten Ausgabe nicht nur ein weiterer Super­lativ zu erwarten gewesen, sondern auch ein erster Zeitpunkt, einmal Lorbeeren einzu­streichen. Statt­dessen drohte spätestens im April die zweijährige Planung in Schutt und Asche aufzugehen.

Doch zu lange sind die beiden, im Haupt­beruf Regisseur und Komponist, an ihren Aufgaben gewachsen, um sich jetzt von einem Virus klein­kriegen zu lassen. Im Gegenteil sei es doch gerade jetzt an der Zeit, als Künstler Flagge zu zeigen. Betonte Seeger-Zurmühlen noch einmal in seiner Eröff­nungsrede. Und das Asphalt-Festival zeigte, was man in den vergan­genen Monaten so schmerzlich vermisst hatte: Kreati­vität. Statt in verkrus­teten Struk­turen zu verhaften, suchten Vuletić und Seeger-Zurmühlen nach einer neuen Spiel­stätte, mit der sie den gefor­derten Einschrän­kungen Rechnung tragen konnten. Und so kamen sie darauf, das Festival in den Teich zu setzen. Heute noch existieren die Terrassen eines ehema­ligen Boots­ver­leihs am Kaiser­teich, einem idylli­schen Gewässer in der Nähe der Düssel­dorfer Altstadt. Wenn man davor, so die Überlegung, eine schwim­mende Bühne instal­liert, könnte Kunst stattfinden.

Der erste Eindruck am Eröff­nungs­abend: Hier ist alles streng und wohlüberlegt organi­siert. Eine ganze Kette von Personal geleitet die Gäste zu ihren Plätzen und weist sie ein. Wer auf seinem Platz ankommt, darf die Maske vom Gesicht nehmen, durch­atmen, den Liege­stuhl oder das Sitzkissen auf dem Stuhl genießen, zum Stift greifen, der selbst­ver­ständlich am Stuhl befestigt ist, um seinen „Melde­zettel“ auszu­füllen. Es gibt Überzieher für die Muscheln der Kopfhörer, die nach jedem Besuch desin­fi­ziert werden. Man versucht, das als Selbst­ver­ständ­lichkeit wegzu­stecken, um sich auf die Inhalte zu konzen­trieren, aber so ganz gelingen will das nicht.

soMer­maids – Foto © Ralf Puder

Vor den Besucher­sitzen liegt die überdachte Bühne im Wasser, die über einen Steg zu erreichen ist. Hier findet vor der offizi­ellen Eröffnung bereits die Aufführung Wann hast du das letzte Mal auf der Spitze eines Berges Sex gehabt? statt. Adrienn Bazsó, Julia Bihl und Panni Néder sind soMer­maids und aus Berlin angereist, um ihr Erfolgs­stück zu präsen­tieren. Das ungarisch-deutsche Kollektiv kümmert sich in vierzehn Sprachen darum, was biogra­fi­sches Theater ist. Da geht es um Sex, politische Ansichten, die depressive Ost-Seele, Heimat und mehr, präsen­tiert in Wort, Gesangs­fetzen und Bewegung. Kurzweilig, bisweilen humorvoll, häufiger nachdenklich, verbrämt im Mantel der Poesie. Da weiß man oft nicht, ob man lachen, weinen oder in den weiten Himmel hinter der Bühne schauen soll, in den sich die Hochhäuser der Wohlstands­ge­sell­schaft recken. Irgendwann erschöpfen sich die Mecha­nismen der Sprache, weil es sich ein wenig im Kreise dreht und dann ist es nach einer Stunde auch wirklich gut.

Nach einer längeren Pause, in der das Publikum zu großen Teilen wechselt, denn jetzt steht der „offizielle Teil“ an, zu dem sich Sponsoren und Funkti­ons­träger von Stadt und Land einfinden, werden abermals Getränke angeboten, die man nur am Platz bekommt. Und dann startet das Festival mit einem Clou. Oberbür­ger­meister Thomas Geisel rudert einen Kahn über den Kaiser­teich zur Bühne, um die künst­le­ri­schen Leiter dort hin zu bringen. Deutlicher kann die Stadt ihre Wertschätzung des Festivals wohl kaum zum Ausdruck bringen. Solche Gesten kann man in diesen Tagen nicht hoch genug schätzen. Die Reden fallen erfri­schend kurz aus, bieten aber noch einmal Gelegenheit, die Leistung der Akteure zu bewundern, die in kürzester Zeit ein neues Festival aus dem Boden gestampft haben an einem Ort, der unter freiem Himmel viel Intimität bietet und so das nötige Festival-Ambiente verströmt. Nein, hier wirkt nichts halbherzig, impro­vi­siert oder wie halbe Fahrt. Und das Publikum, auf 96 Stühlen platziert, ist begeistert.

Zu einem anschlie­ßenden Impuls­vortrag wurde der Verfas­sungs­rechtler Maximilian Steinbeis einge­laden, der ausge­sprochen kurzweilig Shutdown und Folgezeit rechtlich einordnet, um sachlich zu belegen, dass der Rechts­staat nicht unter­ge­gangen sei, sondern durchaus funktio­niert habe. Da wird doch so manchem Besucher das Unwohlsein entzogen, das man in den vergan­genen Wochen bezüglich der getrof­fenen Maßnahmen seitens der Regierung empfinden konnte. Auch dem General­vorwurf, Kunst und Kultur würden im „Schlach­ten­ge­tümmel“ außer Acht gelassen, vermag Steinbeis einige kluge Gedanken entge­gen­zu­setzen. Trotzdem bleibt Diskus­si­ons­bedarf, der aber an diesem Abend nicht gestillt wird.

Statt­dessen gibt es – nach einigen techni­schen Schwie­rig­keiten, in der Pause war ein Koffer mit techni­schem Equipment ins Wasser gefallen, was sich jetzt rächt – Jazz vom Feinsten. Saxofonist Reiner Witzel und Bassist Joscha Oetz treten hier erstmalig als Duo auf.

Ein erstes Fazit nach diesem langen Abend muss positiv ausfallen. Die Organi­sation ist gelungen, die Atmosphäre entspannt, das Vergnügen groß. Und wenn die Vorbe­rei­tungen dieses Ereig­nisses auch manchen Helfer an die Grenzen seiner Kräfte getrieben haben mag: Es hat sich gelohnt. Wenige Karten sind noch für einzelne der kommenden Auffüh­rungen zu haben – wenn man jetzt schnell genug ist.

Michael S. Zerban

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