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Foto © Gert Weigelt

Neue Welten

B.35
(Ohad Naharin, Ben J. Riepe, Remus Şuceanā)

Besuch am
27. April 2018
(Urauf­führung)

 

Ballett am Rhein, Opernhaus Düsseldorf

Derzeit macht Kultur in Düsseldorf richtig Spaß. Vielleicht findet gerade so etwas wie ein Bewusst­seins­wandel statt, in dem sich die Kultur­in­sti­tu­tionen nicht mehr als Wettbe­werber begreifen, sondern beginnen, an einem Strang zu ziehen. Und wenn die Berüh­rungs­ängste angegangen werden, wäre das sicher nicht nur für die Stadt, sondern auch für die einzelnen Anbieter ein Gewinn. Oberbür­ger­meister Thomas Geisel jeden­falls sendet ein wichtiges Signal, wenn er häufiger als sein Kultur­re­ferent bei Auffüh­rungen aller Größen­ord­nungen zu sehen ist. Und „selbst­ver­ständlich“ ist er auch zugegen, wenn der neue Ballett­di­rektor, Remus Şuceanā, mit b.35 im Düssel­dorfer Opernhaus sein Debüt gibt.

Mit seinem ersten Abend öffnet Şuceanā das Ballett dem zeitge­nös­si­schen Tanz und vor allem dem Düssel­dorfer Choreo­grafen Ben J. Riepe. Damit ist dann hoffentlich ein für allemal Schluss mit der scheinbar elitären Einsie­delei des Balletts am Rhein. Und womöglich wird man zukünftig dem Direktor des Balletts am Rhein auch im Tanzhaus NRW oder beim Forum Freies Theater begegnen. Schaden wird es sicher keinem. Bis dahin steht aber erst mal sein eigenes Werk an. Zu seinem dreitei­ligen Abend hat er Ohad Naharin mit Decadance und Ben J. Riepe mit Environment einge­laden. Er selbst lässt Franz Schuberts Abendlied im klassi­schen Ballett uraufführen.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Zu Beginn des Abends dröhnen nicht etwa die Düssel­dorfer Sympho­niker aus dem Graben. Statt­dessen fetzt eine E‑Gitarre Hava Nagila, das hebräische Volkslied von Dick Dale, das so viel heißt wie „Lasst uns glücklich sein“, aus den Lautspre­chern. Es wird nicht die letzte Überra­schung für die an Betulichkeit gewöhnten Stamm­be­sucher des Balletts bleiben. Wie ein frischer Wind putzen die rockigen Klänge die Ohren durch. Eine Fanfare, die verkündet, dass der Wechsel begonnen hat. Besser kann man das nicht machen. In der Choreo­grafie von Naharin beginnt damit ein Wechselbad der Gefühle, verbunden mit außer­or­dentlich starken und farben­frohen Bildern sowie einer Musik, die von Vivaldis Stabat mater über The Pearl von Harold Budd bis zum You’re welcome von den Beach Boys reicht. Decadance ist aus Naharins Sicht ein Oberbe­griff für Collagen, die er aus früheren Stücken zusam­men­stellt. Bewusst verzichtet er dabei auf Homoge­nität, was durchaus zu Brüchen führt, die aber erträglich bleiben und den Gesamt­ein­druck wenig behindern. Im Vorder­grund bleibt das reich­haltige Bewegungs­ma­terial und die Farbigkeit. Die Tänzer des Düssel­dorfer Ballett-Ensembles tragen bunte T‑Shirts zu Jeans, die ihnen Rakefet Levy auf den Leib geschneidert hat. Avi Yona Bueno hat teils drastische Licht­ef­fekte entwi­ckelt. So entstehen großartige Bilder, die rasant durch die gute halbe Stunde tragen. Und das Ensemble scheint den Ausbruch in die Welt des zeitge­nös­si­schen Tanzes zu genießen.

Dabei haben die Tänzer eine denkbar anstren­gende Vorbe­rei­tungszeit hinter sich. Die Arbeiten von drei Choreo­grafen, die unter­schied­licher kaum sein können, immer wieder quer durch die Bank in einzelnen Trainings­ein­heiten eingeübt, verlangen ein Höchstmaß an körper­licher Leistung und mentalem Training. Da ist der Wechsel aus der Proben­si­tuation im Balletthaus auf die Bühne des Opern­hauses fast schon ein freudiges Ereignis. Endlich gibt es die richtigen Kostüme, endlich können die richtigen Räume im Durchlauf durch­schritten werden. Ja, und heute Abend sind die Tänzer auf der Zielge­raden angekommen, das ist zu spüren.

Foto © Gert Weigelt

Vor allem bei Ben J. Riepes genre­spren­genden Tanztheater Environment, das völlig konträr zu den üblichen Arbeits­ab­läufen im Ballett funktio­niert, ist ihnen die Spiel­freude anzumerken. Aber es ist auch im Wortsinn fantas­tisch, was Riepe da anzubieten hat. Ein Sprecher in Frack und Zylinder, der unter anderem Texte von Joshua Groß, Milo Rau, Susan Sontag und Francis Bacon rezitiert. Die Kostüme der Tänzer sind in ihrer Fantasie preis­würdig. Licht, Nebel und gefühlte 20 Vorhänge schaffen eine Theaterwelt, die die meisten Besucher noch nicht gesehen haben dürften. Die Klang­col­lagen von Roman Pfeifer sprengen jede Dimension, erschüttern bisweilen bis ins Mark, sind aber eingängig und unter­streichen die Wirkung der Bilder. Und den Tänzern werden Bewegungs­formen abver­langt, von denen sie bis Proben­beginn vermutlich nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Dass das ansonsten eindrucks­volle Licht unter Mitarbeit von Thomas Diek zwischen­zeitlich die Zuschauer blendet, ist ein zwar in Theater­kreisen gern genom­mener Fehler, aber trotzdem unver­zeihlich. Und bis die schwarzen, tanzenden Punkte vor den Augen wieder verschwinden, dauert es eine Weile. Auch der Titel ist so überflüssig wie ein Kropf. Bevor die Künstler ihre Stücke auf den inter­na­tio­nalen Markt ausrichten, sollten sie erst mal im heimi­schen Markt erfolg­reich werden. Aber nach diesem Abend darf man Riepe selbst solche grund­le­genden Fehler verzeihen. Als er die Einladung an die Rheinoper erhielt, war es vermutlich eine Ehre für ihn. Nach diesem Abend darf sich die Rheinoper geehrt fühlen, dass sie ein Stück von Ben J. Riepe aufge­führt hat.

Das kann man von Şuceanās eigener Urauf­führung nicht behaupten. Die Fallhöhe von Riepe zu Şuceanā ist groß. Weniger wäre hier sicher mehr gewesen. Eine Choreo­grafie über eine Dreivier­tel­stunde ist kein Pappen­stiel. Anderer­seits kann man gut verstehen, dass Schuberts Abendlied geradezu eine tänze­rische Heraus­for­derung darstellen muss. Und dem Ballett­di­rektor gelingt es auch wirklich, das tänze­rische Potenzial der Kammer­musik zu erkennen. Allein, es fehlt noch an choreo­gra­fi­scher Fantasie über die lange Strecke. Handwerklich sauber gearbeitet, mangelt es doch an der Origi­na­lität und dem Einfalls­reichtum der zuvor gesehenen Stücke. Man fühlt sich um Jahrzehnte zurück­ge­fallen. Die Bühne ist leer, ein dekora­tives Element im Hinter­grund über der Bühne aufge­hängt. Mehr ist Darko Petrovic nicht einge­fallen. Auch bei den Kostümen bleibt es beim Tüll-Röckchen für die Damen und Leggins für die Herren. Das Licht von Thomas Diek besteht im Wesent­lichen aus weißen Spots auf weißen Kostümen. Da bleiben spätestens in der neunten Reihe im Parkett kaum mehr als schim­mernde Schemen übrig. Fanta­sie­lo­sigkeit auch bei der Musik. Die wird schlicht im Graben versenkt. Da können sich Alina Bercu am Klavier, Franziska Früh mit der Geige und Nikolaus Trieb am Cello noch so sehr bemühen – der Durch­schnitt siegt. Endlich gibt es aber Spitzentanz, himmel­wärts gerichtete Arme und Blicke und synchron zu tanzende Corps-Auftritte. Immerhin: Bei Letzteren hat das Ensemble eisern an sich gearbeitet und liefert deutlich bessere Ergeb­nisse als in der Vergan­genheit. Dass Şuceanā hier und da bei Naharin abgekupfert hat, ist eher als löblich und für das Geschehen als förderlich anzusehen. Es gibt am Ende des Abends noch viel Luft nach oben. Aber irgendwie lässt sich damit freier atmen. Und auf eine Weiter­ent­wicklung hoffen, die das Ballett weiter­bringt als Sprüche von Glut und Asche.

Das Publikum ist an diesem Abend durch­schnittlich drama­tisch jünger als an voran­ge­gan­genen Abenden. Und das ist gut so. Bei Decadance und Environment gibt es frene­ti­schen Applaus und lautes Johlen, Bravo-Rufe sowieso. Aber auch die Choreo­grafie von Şuceanā wird herzlich gewürdigt. Der Ballett­di­rektor hat an diesem Abend ein Tor geöffnet. Es ist zu hoffen, dass er die Kraft hat, es offen zu halten.

Michael S. Zerban

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