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B.37
(Robert Binet, Natalia Horecna, Remus Şucheană)
Besuch am
23. November 2018
(Uraufführung)
Er hat zu wenig Ausstrahlung. Beim Schlussapplaus, seinem Applaus, steht er auf der Bühne wie ein Finanzbeamter, der sich verlaufen hat. Hoffentlich wird ihm das nicht zum Verhängnis, denn Ballettdirektor Remus Şucheană hat auch an seinem zweiten Abend an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg Außerordentliches gezeigt. Und da möchte man gern noch eine ganze Menge mehr sehen.
Dabei beginnt der Abend durchaus ärgerlich. Wieder einmal findet eine Premiere an einem Freitagabend statt, und zwar nicht an irgendeinem Freitagabend, sondern exakt dann, wenn in der Stadt der absolute Kaufrausch aufgrund des Marketing-Gags vom schwarzen Freitag ausgebrochen ist und die Weihnachtsmärkte eröffnet sind. Da kann man der Rheinoper wirklich zu ihrem Organisationstalent gratulieren. Parkhäuser, Straßen und öffentliche Nahverkehrsmittel sind hoffnungslos überfüllt. Die Stadt steht vor dem Kollaps, und mittendrin steht das hellerleuchtete, marode Opernhaus und wartet auf seine Gäste, von denen etliche an diesem Abend nicht kommen.
Diejenigen, die sich trotz aller Widrigkeiten durchgeschlagen haben, erleben ein Novum. Ohne jede Erklärung beginnt der Abend mit einer achtminütigen Verspätung. So etwas kennt man bislang nur aus der so genannten freien Szene. Und schon da war es nicht akzeptabel. Immerhin könnten damit die Zeiten vorbei sein, in denen der Oberaufseher einen mit tadelndem Blick und hektischen Gesten um 19.27 Uhr in den Saal scheuchte, um einen pünktlichen Beginn zu gewährleisten. Möglicherweise hat man es auch nicht so ernstgenommen, weil es ja ein offener Anfang ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zwei Tänzer stehen schon vor Beginn der Aufführung auf der Bühne und wärmen sich im Trainingsanzug auf. Die Musiker haben bereits im Graben Platz genommen. Sie werden gleich Four Studies und Honest Music in einer Uraufführung der Fassung für zwei Soloviolinen und Streichorchester sowie Quiet Music für Klavier solo von Nico Muhly intonieren. Und das ist ungefähr so aufregend, wie die Titel klingen. Muhly komponiert irgendwo zwischen Minimalismus und Schlaftabletten. Seine Musik erklingt als Grundlage für eine weitere Uraufführung. Choreograf Robert Binet zeigt als Nachwuchshoffnung New World, ein Ballett, das sich einer Welt entgegenstellen will, die von „Angst, Habsucht und Unsicherheit“ geprägt sei. In dieser neuen Welt soll Platz sein für „positive Assoziationen und Bilder des Vertrauens, Loslassens, des ruhigen Miteinanders und der Zusammenarbeit“, wie Binet es formuliert. Shizuka Hariu hat dazu eine Bühne entwickelt, die rundherum mit Spiegeln verziert ist. Das ergibt interessante Effekte. Bei den Kostümen haben sich Reid Bartelme und Harriet Jung mit dem Erfolg eingebracht, dass die Bekleidung sich zwischen Trainingsanzügen, hautfarbenen Slips und Tattoo-ähnlichen Anzügen bewegt. Binet hat sein Ziel sicher erreicht, die Effekte erzielen ihre Wirkung, aber das Stück erreicht nicht die Tiefe des Themas. Trotzdem bleibt es für einen Nachwuchs-Choreografen eine erstaunliche Leistung.
Müssen wir wirklich inzwischen jeden Titel eines Stücks übersetzen, weil die Kulturschaffenden es so toll finden, sich international zu fühlen? Neue Welt wäre für das Stück von Binet ein großartiger, vielleicht sogar geheimnisvoller Titel gewesen. Und mit The Way Ever Lasting kann das deutschsprachige Publikum schon gar nichts anfangen. Muss es auch nicht. Der – wirklich blöde – Witz ist, dass die Choreografin dieses Stücks nicht aus Limerick stammt, sondern aus Bratislava, wo vermutlich ebenso wenig Menschen den Titel verstehen wie in Düsseldorf. Und wo höchstwahrscheinlich niemand auf die schwachsinnige Idee käme, das Publikum mit englischen Titeln locken zu wollen. Natalia Horecna hat ein wunderbares Stück Tanzgeschichte geschaffen, auch wenn es recht bildlich und durchaus handfest daherkommt. Da gibt es Liebesszenen, Kampfszenen, ein Teufel springt herum, um den einen oder anderen in die eine oder andere Richtung zu verführen. Und das ist durchaus gelungen. Ann-Kathrin Adam und Marcos Menha glänzen als Liebespaar, Eric White bringt einen respektablen Teufel auf die Bühne und Sonia Dvořák läuft allen dreien den Rang ab. Christiane Achatzki hat originelle Kostüme entwickelt, und die grundsätzliche Symbolik von Ring und Dreieck, die sich über der Bühne ausbreiten, hat Darko Petrovic verwirklicht. Volker Weinhart wird mit seinem Licht erst im nächsten Werk zur Höchstform auflaufen. Horecna verlässt sich nicht auf neue Kompositionen, sondern greift auf Altbewährtes zurück. Nach dem Chanson du Matin aus Cinq Chansons pour Percussion von Claude Vivier ist Lurking of a Purple Demon von Peter Breiner und anschließend endlich mal Johann Sebastian Bach zu hören.

In der zweiten Pause macht sich so etwas wie Ermüdung breit. Die vorangegangenen Stücke haben tänzerisch überzeugt, aber der rechte Kick fehlt. Einige Besucher brechen ab. Jetzt steht noch Şucheană selbst mit einer eigenen Uraufführung auf dem Programm. Eine ganze Sinfonie will er vertanzen lassen. So was kennt man von seinem Vorgänger Schläpfer – und das macht nicht unbedingt Mut. Eine erneute Verspätung sorgt kaum für eine gehobene Laune. Fantaisies nennt der Ballettdirektor sein Werk. Die Düsseldorfer Symphoniker werden die Sinfonie Nummer sechs – Fantaisies symphoniques – von Bohuslav Martinů aufführen. Kennt man nicht so wie Mozart, Liszt oder Bruckner. Kann ja was Schönes werden. Wird es auch. Es wird eine fantastische Aufführung.
Mylla Ek zeichnet für Kostüme und Bühne verantwortlich. Auf der leeren Bühne ein unbeschrifteter Wegweiser, der sich auch noch dreht. Orientierung sieht anders aus. Aber es geht ja um Fantasien. So sind auch die Kostüme beschaffen. Fantasievoll, frei von Erotik oder Mainstream. Weinhart läuft hier tatsächlich zur Höchstform auf, wenn er mit weißem Licht in sanften Wechseln ganz subtil ausleuchtet. Und Şucheană? Der setzt ganz auf die Teamarbeit seiner Compagnie. Schafft heutiges, spannendes, abwechslungsreiches Ballett mit einer Truppe, die seine Fantasien auslebt. Mit einer ungewöhnlichen und vielfältigen Bewegungssprache lässt er sich auf die fantastische Musik Martinůs ein – da hat jemand ganz genau zugehört – folgt der Partitur mit Gruppenszenen, die vollkommen frisch und kraftvoll daherkommen. So möchte man Ballett heute sehen. Plötzlich sitzt du hellwach in deinem Sitz und verfolgst jede Bewegung, als sei sie neu erfunden. Kein Blick mehr auf die Uhr, die du bislang fest im Auge hattest. Der Ballettdirektor und seine Truppe fesseln dich. Keine Rede mehr von Solistenleistungen. Man sieht die Früchte harter Arbeit, vor allem auch, was die Synchronität angeht. Was er da auf die Bühne bringt, ist die Zukunft.
Jean-Michael Lavoie steht im Graben und hat die verschiedenen Besetzungen der Düsseldorfer Symphoniker entspannt, aber ganz im Griff. Mit ruhiger Konzentration, also bestens vorbereitet, überblickt er Bühnengeschehen und Sondereinsätze der Musiker. Da überzeugt die Nonchalance.
Am Ende des nahezu dreistündigen Abends haben die Fan-Gruppen von Binet und Horecna mehr Wirbel verursacht, aber Şucheană sorgt für den nachhaltigen Applaus. Schläpfer hat jahrelang auf die Leistungen der Solisten gepocht, Şucheană hat ihn an einem Abend überzeugend widerlegt. Das Team zählt. Und so könnte es der Rheinoper gelingen, aus dem Teufelskreis der Langeweile von – preisgekrönten – Aufführungen auszubrechen und ein modernes Ballett zu präsentieren, das auch junge Leute interessiert. Der derzeitige Ballettdirektor hat das Zeug dazu – auch wenn er selbst auf der Bühne ein wenig steif wirkt.
Michael S. Zerban