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B.41
(Jiří Kylián, Martha Graham, Martin Schläpfer)
Besuch am
29. November 2019
(Premiere am 23. November 2019)
22 neue Choreografien hat Martin Schläpfer für sein Ballett am Rhein in den letzten zehn Jahren als Direktor der renommierten Tanzcompagnie entworfen. Bevor er im September des kommenden Jahres die Leitung des Balletts der Wiener Staatsoper übernimmt, setzt er im neuen Programm b.41 mit dem etwa 40-minütigen Tanzstück Cellokonzert einen denkwürdigen Schlusspunkt. Schläpfer setzte mit seinem Stil starke neue Impulse und verhalf dem Rheinopern-Ballett zu internationaler Reputation. Allerdings ist nach zehn Jahren der Punkt erreicht, an dem ein Wechsel für alle Seiten vorteilhaft sein dürfte. Die starke Konzentration auf abstrakte Arbeiten führte trotz der beeindruckenden Inspiration Schläpfers und eines entsprechend großen Bewegungsreservoirs in letzter Zeit zu manchen Wiederholungen und Ermüdungserscheinungen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Cellokonzert, sein letztes Geschenk an die treue Ballettgemeinde am Rhein, wirkt wie ein Abschiedsgruß, in dem sich Wehmut und lebensbejahende Energie zusammenfinden und der sich wie ein resümierender Rückblick auffassen lässt. Dabei sind fast alle 46 Tänzerinnen und Tänzer seiner großen Compagnie im Einsatz und Schläpfer wirbelt Ensembleszenen, Pas de deux‘ und Solo-Auftritte so virtuos durcheinander, dass sich kein Tänzer benachteiligt fühlen muss. Es tauchen typische Bewegungsmuster Schläpfers auf, aber auch Anlehnungen an große Vorbilder von Nijinski bis van Manen. Dmitri Schostakowitschs Zweites Cellokonzert bietet ihm eine ideale Vorlage. Ein Spätwerk des kranken, weitgehend resignierten Komponisten aus dem Jahre 1966 mit einem elegischen Grundton, der allerdings durch diverse kraftvolle und ironische Couplets mit einer gehörigen Portion an lebensbejahender Vitalität durchsetzt wird. Schläpfer nutzt die collagenhafte Struktur für eine revueartige Demonstration verschiedenster tänzerischer Elemente, die das Rheinopern-Ballett mit Hingabe auf hohem Niveau ausführt.
Als Abschiedselegie drückt Schläpfers Cellokonzert, wie überhaupt die meisten seiner Stücke, mehr aus als eine rein abstrakte Bewegungsstudie. Am Ende verlässt die Hälfte der Compagnie die Bühne, der Rest bleibt. Wie im zukünftigen Leben des Balletts am Rhein. Denn Schläpfer wird nur sein halbes Ensemble mit an die Wien nehmen.

Wie in den meisten seiner Programme kombiniert er auch diesmal seine eigene Produktion mit Arbeiten junger und alter, teilweise schon verstorbener Kollegen, wobei er diesmal bis in die 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückgreift und mit zwei Arbeiten der amerikanischen Tanz-Ikone Martha Graham an die Anfänge eines besonders körperbetonten Stils des modernen Ausdruckstanzes erinnert. In dem vierminütigen Solostück Lamentation aus dem Jahre 1930 versucht die brillante Virginia Segarra Vidal, sich mit extremer Körperspannung aus einem fliederfarbenen, mumienhaft drapierten Stoffkokon zu befreien. Und in dem zehnminütigen Ensemblestück Steps in the Street aus dem Jahre 1936 agieren die Tänzer wie mechanisch präzise Automaten. Allesamt seinerzeit Sensationen, die heute ein wenig antiquiert anmuten.
Was man von Jiří Kyliáns einleitendem Ballett Forgotten Land gewiss nicht sagen kann. Konzipiert hat es der von Schläpfer hoch geschätzte Kollege 1981 für das Stuttgarter Ballett. Dem Jahr, in dem Kylián mit dem Rheinopern-Ballett, lange vor Schläpfers Amtszeit, zum ersten Mal in Kontakt kam. So elegisch hintergründig der Abend mit den letzten Klängen Schostakowitschs schließt, so brutal beginnt er zu Kyliáns Stück mit der herben, alles andere als versöhnlich klingenden Sinfonia da Requiem Benjamin Brittens aus dem Kriegsjahr 1940. Inspirieren ließ sich Kylián dafür von den unberechenbaren Bewegungen des Meeres und Edvard Munchs Gemälde Tanz des Lebens, auf dem drei Phasen einer Liebesbeziehung angedeutet werden. In drei Farben, die Kylián mit dem Einsatz von sechs farblich unterschiedenen Paaren verdoppelt. Ein Stück in ständiger Bewegung wie das Meer, in dessen Fluten die Liebespaare mit und in ihren unterschiedlichen Gefühlsphasen wie Bojen auf der Wasseroberfläche um ihr Leben und Glück kämpfen. Ein Anflug von Frieden stellt sich erst am Ende mit dem Ausblick auf den Tod ein.
Ein anspruchsvolles Programm für die hoch motivierten Tänzer, aber auch für die Düsseldorfer Symphoniker, die Generalmusikdirektor Axel Kober persönlich leitet und die unter seiner Führung die Partituren von Britten und Schostakowitsch mit der gebotenen Hintergründigkeit zum Klingen bringen. Ein Sonderlob verdient Düsseldorfs Solo-Cellist Nikolaus Trieb für seine ausdrucksvolle Interpretation des Schostakowitsch-Konzerts.
Langanhaltender Beifall für alle Mitwirkenden.
Pedro Obiera