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BENEFIZKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
4. September 2025
(Einmalige Aufführung)
Es ist eine Schande! Beschämend! Andere Worte kann man eigentlich kaum dafür finden, dass es in einer Stadt wie Düsseldorf die Einrichtung einer Tafel geben muss, also einen Verein, der Menschen mit Lebensmitteln versorgt, damit sie über die Runden kommen. Die Bankrotterklärung eines Staates, der sich der Fürsorge für die Armen und Bedürftigen der Gesellschaft entzieht und sich darauf verlässt, dass die Bürger selbst initiativ werden müssen. Der amtierende Bundeskanzler hat ja bereits angekündigt, dass er den Sozialstaat weiter schwächen will. Die Bedeutung solcher Einrichtungen wie die Tafel wird also zukünftig wachsen anstatt abzunehmen. Ein Skandal, über den es allerdings nicht zu lamentieren gilt, sondern der einfach mit praktischer Hilfe bekämpft werden muss. Die Solidarität jedes einzelnen ist gefragt. Die derjenigen, die die Tafel mit Lebensmitteln versorgen, derjenigen, die sie gerecht verteilen, derjenigen, die von ihrem Vermögen abgeben können, um Logistik und Organisation der ehrenamtlichen Helfer zu finanzieren, aber auch derjenigen, die helfen, Spenden einzusammeln.

Der Stadtstrand Düsseldorf hat den Sänger und Kulturmanager Thomas Huy beauftragt, im Rahmen der Klassik-Reihe, die er für den Stadtstrand kuratiert, ein Benefizkonzert zu veranstalten, um die Tafel Düsseldorf mit Spenden zu unterstützen. Und, so viel darf vorweggenommen werden, Huy hat sich selbst übertroffen. Ein Blick auf das Plakat zeigt, dass es ihm gelungen ist, zahlreiche Künstler aller Couleur zu gewinnen, die sich, wie im Laufe des Abends zu erfahren sein wird, nur allzu gern pro bono auf die Bühne unterhalb der Oberkasseler Brücke begeben, um die Spendenfreude der Gäste anzuheizen. Die schlechte Nachricht ist, dass der Sommer sich an diesem Abend von seiner grauen Seite zeigt und die Wettervorhersage Regen ankündigt. Da bleiben viele doch lieber zuhause. Die gute Nachricht ist, dass diejenigen, die trotzdem gekommen sind, nach Kräften Scheine in die Acrylbox zu schieben. Zwar sind zwei Wimpel der Tafel vor der Bühne aufgestellt, Huy und seinen Freunden gelingt es aber, eine ausgewogene Balance zwischen Spendenaufrufen und Unterhaltung herzustellen. Das ist sehr angenehm und fördert sicher die Spendenbereitschaft. Schon bald stellt sich eine fast familiäre Atmosphäre ein. Denn nicht nur auf der Bühne tauchen etliche bekannte Gesichter auf, auch im Publikum erkennt man viele Gesichter von Menschen, die man wohl schon als Stammgäste bezeichnen darf.
Den Auftakt übernimmt Vlad Solodovnykov mit Etna Soul von Gabriele Denaro am Klavier, nachdem der Soundcheck zu Beginn sich um mehr als eine halbe Stunde verzögert hat. Huy lässt sich bei Ol Man River von Michael Carleton am Klavier begleiten, den viele von der Düsseldorf Lyric Opera kennen. Mit VII bringt Solodovnykov eine eigene Komposition zu Gehör. Elena Ududenko ist eigens aus der Schweiz angereist, um zwei Stücke zu präsentieren. Anschließend wechselt sich Frank Schnitzler mit Because und You’ll never walk alone mit Sopranistin Maria Kiseleva mit ihrer Arie Al dolce guldami aus Anna Bolena von Gaetano Donizetti ab. Inzwischen nimmt auch Stephan Lux am Klavier Platz, begleitet erst Schnitzler, um dann beim Duett La ci darem la mano aus Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart Kiseleva und Huy zu unterstützen. Mit Nessun dorma bringen Schnitzler und Lux einen weiteren Opernschlager auf die Bühne. Gern lässt Huy noch einmal das Halleluja von Leonard Cohen erklingen. Dem Sänger kann heute Abend nichts die Laune verhageln, er freut sich wie ein Honigkuchenpferd, dass seine Kollegen alle erschienen sind. Zwei, drei freiwillige Helfer hätte es allerdings schon noch brauchen können, um Technik, Licht und Umbauten reibungsloser ablaufen zu lassen.

Die Gäste nehmen es mit Gleichmut, freuen sich über die Live-Auftritte, auch wenn sich hier und da mal Unsauberkeiten einschleichen. Schließlich bietet so ein Benefizkonzert nicht die Möglichkeit unzähliger Proben im Vorfeld. Also alles gut, auch wenn der Sänger und Songwriter Adrien mit seinem halbstündigen Auftritt an der Gitarre und ruhigen Songs für ein wenig Länge sorgt. Dafür geht es anschließend umso flotter weiter – und die beiden Höhepunkte des Abends stehen da noch bevor. Nach dem zweiten Auftritt von Ududenko und Solodovnykov bringt Chorong Kim Pie Jesu von Gabriel Fauré, ehe Soya Arakawa japanische Musik zum Besten gibt.
Ende Juni dieses Jahres fand im Freibad, der neuen Spielstätte am Worringer Platz, das Musiktheater Blatt im Wind von Alexander Manotskov in der Regie von Emiliia Kivelevich statt. Nun tragen die Sängerinnen Kyralina Mishchenko und Marfa Umanski in Begleitung des Komponisten am Cello Ausschnitte daraus vor. Gedichte und Texte von Mascha Kaléko werden dabei mit dem Stück Furcht und Elend des Dritten Reiches von Bertolt Brecht verknüpft. Da wird es zu der wunderbar melodienreichen Musik von Manotskov plötzlich höchst poetisch, leise, nachdenklich und die Stimmen der Sängerinnen dringen tief in die Seelen ihrer Hörer vor. Kivelevich hat es sich nicht nehmen lassen, den Auftritt zu gestalten und erreicht mit kleinen Gesten und Aufteilung der Räume noch eine deutliche Steigerung der Wirkung. Da verstummen auch die letzten Gespräche im Publikum, das mit seiner Begeisterung nicht hinter dem Berg hält.

Mit einigen technischen Anlaufschwierigkeiten kann dann der zweite Höhepunkt des Abends beginnen. Denn Huy hat es sich nicht nehmen lassen, dem zeitgenössischen Tanz mit Ballett-Elementen Raum zu geben. Mit Inside the Bubble – Small but Infinite zeigt Karen Yuri bei ihrem Solo, dass es nicht viel Platz braucht, um Tanz zu zeigen, der auch unerfahrene Zuschauer in seinen Bann zieht. Steigern können das eindeutig Alice Hunter und Valeria di Mauro aus der Compagnie von Pascal Touzeau zu dem Stück Piano Piece 1952 des mexikanischen Elektronikmusikers Fernando Corona, der unter dem Namen Murcof auftritt. Seit etlichen Monaten mischt Touzeau mit seinen Tänzerinnen die so genannte Freie Szene auf. Sie lassen keine Möglichkeit aus, Ballett im Alltagsraum zu zeigen und arbeiten permanent an der Erweiterung ihrer Bewegungssprache. Auch für die paar Quadratmeter vor der Bühne des Stadtstrandes finden sie eine neue Choreografie mit Spitzentanz-Elementen, die das Publikum schwer beeindruckt. Schwierig, die beiden Auftritte noch zu toppen.
Huy versucht es gar nicht erst, sondern schlägt mit seiner Kollegin Karin Wöpking und dem Pianisten Thomas Hinz ein neues Kapitel auf. Die drei werden am darauffolgenden Abend erstmalig mit einem Tango-Programm auftreten, und da liegt es nahe, schon mal zwei Kostproben abzuliefern. Es folgen also Yo soy María, der Klassiker von Astor Piazzolla, und Los Mareados des argentinischen Tangopianisten Juan Carlos Cobián.
Extra aus Köln angereist sind Debi & The Psychos, eine „punky Rock-/Pop-Band“, die seit zwei Jahren mit eigenen Songs daran arbeitet, ihren Platz in der Musikszene zu behaupten. Auch beim letzten Auftritt des Abends bleiben die technischen Schwierigkeiten nicht aus. Da hätte die sympathische Debi die Gelegenheit gut nutzen können, ein wenig mehr über die Band zu erzählen, anstatt sich in einem fort für die Technik zu entschuldigen. Denn schließlich funktioniert es ja doch irgendwann.
Mehr als vier Stunden haben die Akteure das Publikum unterhalten, um Geld für die Tafel einzusammeln. Das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen. Vermutlich steht der Ertrag nicht mal in einer vernünftigen Relation zum Aufwand. Aber die Gewissheit, sich solidarisch mit den Armen und ihren Helfern gezeigt zu haben, dürfte bei Publikum und Künstlern gleichermaßen ein gutes Gefühl hinterlassen. Und mindestens dafür hat sich der großartige Abend gelohnt.
Michael S. Zerban