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Foto © O-Ton

Dem Höheren zugewandt

BIBLISCHE LIEDER
(Antonín Dvorák)

Besuch am
27. Juni 2020
(Einmalige Aufführung)

 

Maxkirche, Düsseldorf

Die Kultur muss sich klein machen. So will es die deutsche Regierung in diesen Tagen. Und wo die größeren Kultur­in­sti­tu­tionen wie Theater- oder Opern­häuser den Betrieb vorzeitig still­legen, gewinnen kleine Veran­stal­tungen umso mehr an Gewicht. Eine der belieb­testen Veran­stal­tungen in der Landes­haupt­stadt Düsseldorf ist die Markt­musik der Maxkirche in der Altstadt, im Dreieck von Altem Hafen, Karls­platz und Spee’schem Graben gelegen. Hier führte Werner Lechte im Mai 1980 das halbstündige Orgel­konzert am Samstag­vor­mittag ein, das seitdem so gern mit einem Besuch des Wochen­marktes auf dem Karls­platz verbunden wird. Am 14. März dieses Jahres fand das letzte Konzert statt, ehe die Reihe für drei Monate aufgrund staat­licher Restrik­tionen zum Schutz vor der Pandemie einge­stellt werden musste. Seit dem 20. Juni darf Kantor Markus Belmann die Kirche am Samstag wieder für das Konzert öffnen.

An diesem Samstag hat er den Bass-Bariton Rolf A. Scheider einge­laden, um mit ihm gemeinsam die zehn Bibli­schen Lieder von Antonín Dvorák aufzu­führen. Von 1892 bis 1895 hielt Dvorák sich in New York auf, wo er am National Conser­vatory of Music als künst­le­ri­scher Direktor und Professor für Kompo­sition arbeitete. Nach einem erfreu­lichen Einstieg geriet er bereits 1893 in den Strudel der Wirtschafts­krise. Am Ende dieses Jahres kam es knüppel­dicke. Am 18. Oktober starb Charles Gounod, am 6. November Pjotr Iljitsch Tschai­kowski und Hans von Bülow am 18. Oktober 1893. Letztere gute Freunde Dvoráks, der in der Zeit auch erfährt, dass es seinem 80-jährigen Vater gesund­heitlich schlecht geht. Der Vater wird zwei Tage vor der Fertig­stellung der Bibli­schen Lieder am 28. März 1894 sterben. Die Vorkomm­nisse legen die Vermutung nahe, dass der Komponist in seiner Seelenpein, verbunden mit kräftigem Heimweh, Trost in den Psalmen der Bibel suchte. Und dort fand er auch die Textstellen zu einem Werk, das allgemein als Gipfel von Dvoráks Liedschaffen angesehen wird.

Markus Belmann – Foto © O‑Ton

In einer ähnlich verzwei­felten psychi­schen Situation wie Dvorák seinerzeit dürften sich heute viele freibe­ruf­liche Sänger befinden. Die letzten Konzerte fanden Anfang März statt, danach hagelte es Absagen bis zum Sommer kommenden Jahres. Dass der Staat Auftritts­verbote über einen derart langen Zeitraum verhängen darf, ohne für eine adäquate Kompen­sation zu sorgen, muss man als Künstler erst mal verstehen. Bass-Bariton Scheider konnte sich über die Runden retten, weil er nebenbei, aber sehr erfolg­reich als Gesangs­lehrer arbeitet.

Trotzdem ist ihm die Freude über den ersten Auftritt deutlich anzusehen. Der ganz große Auftritt wird es noch nicht. Denn die Auflagen verhindern, dass er auf der Orgel­empore vier Meter Abstand von der Brüstung halten müsste, also für die Besucher im Nirwana verschwände. Belmann hat deshalb vom Einsatz der Orgel abgesehen und ein Klavier in den Altarraum stellen lassen, mit dem er den Sänger begleitet. Gleichwohl ist die Vermutung nicht ganz abwegig, dass das sogar die bessere Entscheidung war. Denn der Klang des Klaviers erweist sich als ganz passabel, und die größere – visuelle – Nähe der Musiker zum Publikum wird von den zahlreichen Besuchern sichtlich genossen.

Während Belmann die Tasten geradezu liebevoll und mit viel Einfüh­lungs­ver­mögen in das Werk bearbeitet, zeigt Scheider, was einen großen Sänger ausmacht. Nach drei Monaten Pause kann er sich auf die Bibli­schen Lieder einlassen, als sei das Werk für ihn verfasst worden. In der Phrasierung übertrifft er sich selbst, arbeitet fein die Drama­turgie heraus, die den Liedern innewohnt, nimmt seine Hörer mit auf die biblische Reise, als sei sie heute aufge­schrieben worden. Im Kirchen­schiff ist es mucks­mäus­chen­still, man glaubt, kein Atmen mehr zu hören, weil es dem Bariton gelingt, die Besucher vollständig in seinen Bann zu ziehen. Eine halbe Stunde lang bleibt die Zeit stehen, existiert nur die Geschichte, die Scheider und Belmann so packend erzählen. Dass dabei jedes Pathos unter­bleibt, unter­streicht den gelun­genen Auftritt.

Der nach einer kurzen Besin­nungs­pause einset­zende Applaus ist verdient. Gewiss, auf die großen Auffüh­rungen werden wir noch lange Zeit warten müssen. Aber die kleinen mit ihrer ganzen möglichen Inten­sität können mehr als nur Ersatz sein. Dabei, das durfte man heute erleben, kann es durchaus passieren, dass sich auch bei vielen Künstlern die Spreu vom Weizen trennt. Bei der Markt­musik in der kommenden Woche können die Besucher dann wieder ein Orgel­konzert erleben.

Michael S. Zerban

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