Fleisch, lebe wohl

CARNE VALE!
(Ben J Riepe)

Besuch am
10. November 2017
(Urauf­führung)

 

Ben J Riepe und Kunst­halle Düsseldorf

In Düsseldorf geschieht, noch so gut wie unsichtbar für die Öffent­lichkeit, Wunder­sames – und längst Überfäl­liges. Die kultu­rellen Insti­tu­tionen öffnen sich der so genannten Freien Szene und umgekehrt. Wer jetzt Verrat wittert, wird wohl enttäuscht werden. Längst haben beide Seiten ihre eigenen Publika und Arbeits­felder. Und ausrei­chend Selbst­be­wusstsein entwi­ckelt, um nach gemein­samen Schnitt­mengen und damit neuer künst­le­ri­scher Weiter­ent­wicklung zu suchen. Für die Kultur­schaf­fenden bedeutet das Kärrner­arbeit, eben weil die Arbeits­weisen nicht nur unter­schiedlich, sondern, sagen wir vorsichtig, auch sehr festgelegt sind. Für das Publikum aber ist es eine aufre­gende Option, die viel Neues verspricht. Ein Beispiel dafür sind die Ben J Riepe Kompanie und die Kunst­halle Düsseldorf, die jetzt das neue Werk Carne vale! von Riepe kopro­du­zieren. Und da gilt es plötzlich, einen neuen und ausge­sprochen eindrucks­vollen Auffüh­rungsort zu erleben. Eben die Kunsthalle.

Die große Ausstel­lungs­halle im Oberge­schoss zeichnet sich dadurch aus, dass der eigent­liche Saal auch über einen Balkon begangen werden kann. So sind gerade bei großflä­chigen Kunst­werken eindrucks­volle Perspek­tiv­wechsel möglich. Nicht so an diesem Abend. Da ist der Balkon für die Technik reser­viert. Der Saal ist geräumt und bietet damit Platz für ein komplett weiß einge­klei­detes Podium, das von drei Seiten mit jeweils zwei Stuhl­reihen umsäumt ist. Das Licht, genauso wie Bühne und Kostüme von Riepe selbst konzi­piert, bleibt weiß und ändert sich nur sparsam in seinen Schat­tie­rungen. Nach einer ärger­lichen, fast 20-minütigen Verspätung werden die zahlreichen Besucher endlich einge­lassen. Als alle ihren Platz gefunden haben, betreten auch die vier Tänzer den Saal, mit allerlei Utensilien behängt. Die Materialien – einzelne Kostüm­teile, jede Menge verstärkter Pappröhren, die in verschie­denen Größen mitein­ander durch braunes Paket­kle­beband verbunden sind – werden sorgsam sortiert, ehe es zu einem lockeren Warm-up auf der Fläche geht.

POINTS OF HONOR

Musik
Perfor­mance
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Riepe, der an der Folkwang-Hochschule Essen Tanz und Choreo­grafie studiert hat, arbeitete unter anderem beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, ehe er 2004 seine eigene Kompanie gründete. Sechs Jahre später bezog er in Düsseldorf eine eigene Produk­ti­ons­stätte. Im Mittel­punkt seiner Arbeit stehen viele der Frage­zeichen, die sich zum mensch­lichen Körper ergeben. Mit seiner neuesten Arbeit gräbt der Choreograf an den Wurzeln männlichen Daseins.

Foto © Ursula Kaufmann

Nach dem Aufwärmen bekleiden sich Simon Hartmann, Petr Hastik, Sudeep Kumar Puthly­a­pa­rambath und Daniel Ernesto Müller Torres mit den fanta­sie­vollen, bunten Kostüm­jacken. Der Kontrast zu Turnschuhen und T‑Shirts will nicht so recht funktio­nieren. Was liegt da näher, als zu regre­dieren, sich auf die Blöße zurück­zu­ziehen – Riepe spricht gar von einer anima­li­schen Ebene. Die Performer entkleiden sich und ziehen sich damit auf die pure Existenz des männlichen Körpers zurück. Unter stamp­fenden Rhythmen und ohren­be­täu­bender Lautma­lerei bekleben die wenig erotisch wirkenden Männer sich mit den Pappröhren, die an Kriegs­schmuck erinnern, hier hapert in der Urauf­führung noch einiges, es wird mitunter ein wenig hektisch, ehe sie bei Friedens­schluss in den Zustand der Erschöpfung fallen. Mitunter fühlt man sich stark an das alberne Gehabe von Männern erinnert, wenn sie in Feier­laune in Gruppen auftreten. Entlarvend gehören diese Phasen zu den besonders starken Szenen.

Carne vale: Ein alter, wie ehemals sinnvoller Brauch, aus dem der Karneval entstanden ist. Vor einer vierzehn­tä­gigen Fastenzeit mussten einstmals sämtliche Fleisch­vorräte aufge­braucht werden, weil sie nach der Entsagung verdorben wären. Daher Fleisch, leb wohl! Auch bei Riepe kommen die Männer nach der wilden, exzes­siven Phase, die wohl im Mittel­alter die Feier­lich­keiten des Karnevals prägte, zur Ruhe und zu Verstand. Zivili­sa­to­risch zurück­ge­kehrt, finden die Männer auch wieder zu Scham und Tuch zurück, ehe sie die Schönheit des Körpers besungen haben.

Nach 50 inten­siven Minuten sind nicht nur die Akteure erschöpft. Riepe hat mit seiner neuen Arbeit alle gefordert. Und das Publikum dankt es ihm mit langan­hal­tendem Applaus. Damit eilt er auf das nächste Großereignis zu. Im kommenden Jahr wird er mit Environment die nächste Bastion kultu­rellen Zements nehmen. Die Umgebung wird dann an der Deutschen Oper am Rhein zu sehen sein, deren Chefcho­reograf Schläpfer bislang konse­quent alle Tanz-Auffüh­rungen der so genannten Freien Szene meidet.

Michael S. Zerban

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