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COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
8. August 2025
(Einmalige Aufführung)
Oper für alle. Nicht nur für die, die ihren Sitzplatz mit dem Partiturstudium, einem hohen Eintrittspreis und einer Subvention von 400 Euro im Opernhaus sichern. Sondern für Menschen jeden Alters, jeden Wissensstandes, jeden Einkommens. Das ist das Credo von Désirée Brodka, die mit ihrem Verein Music to Go Jahr für Jahr zur Sommerzeit zu einer Open-Air-Tournee durch immer mehr Städte aufbricht, jedes Jahr mit einem neuen Programm im Gepäck. Es ist schlicht beeindruckend, mit welchem Engagement die studierte Opernsängerin, die im Rest des Jahres freiberuflich auf deutschen Bühnen unterwegs und für ihr rasches Rollenstudium bekannt ist, das sie als Einspringerin prädestiniert, alljährlich die Finanzierung sicherstellt, erstklassiges Personal verpflichtet, für die Regie verantwortlich zeichnet und nach der Aufführung auch noch mal schnell den Auto-Anhänger von Hand vor die Bühne zieht, damit der Abbau nach nur einem Abend rasch vonstattengeht. Und nein, sie verlangt von niemandem Vorkenntnisse über eine Oper oder Operette.
Das Format, das sie für ihre Aufführungen entwickelt hat, ist bewährt und beim ständig wachsenden Stammpublikum beliebt. Brodka erzählt und kommentiert mit viel Witz die Handlung, kürzt so lange Strecken im Originalwerk, so dass die Aufführung mit ungefähr anderthalb Stunden auch für ungeübte Ohren erträglich bleibt. Da gewinnen die Spielszenen noch einmal an besonderer Bedeutung. Nein, für Puristen und Plüsch-Fans ist das vermutlich nichts, Abstriche müssen aber auch die in Musik- und Gesangsqualität nicht hinnehmen. Und bei der guten Laune ohnehin nicht.

Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Anpassungsfähigkeit von Music to Go. Während andere Tournee-Theater den Veranstaltern vorgeben, was sie brauchen, passt sich das Ensemble um Brodka den Gegebenheiten in den Städten an. Da ist in der einen Stadt die jüdische Gemeinde der Auffassung, dass der Aufführungsort nicht zu früh bekannt gegeben werden darf, also melden sich die Besucher vorher via E‑Mail an. In Düsseldorf soll aus der Aufführung eine Benefiz-Veranstaltung für unterstützungsbedürftige alte Menschen werden, also müssen hier ausreichend Förderer gefunden werden, damit es funktioniert. Es bedarf keiner besonderen Vorstellungskraft, um sich auszumalen, wie viel Mehraufwand es braucht.
Auch in diesem Jahr hat Brodka ganze Arbeit geleistet, und so kann die Opernaufführung in Düsseldorf wie im vergangenen Jahr auf dem Marktplatz vor dem Rathaus stattfinden. Freier Eintritt in bester Lauflage, und offenbar hat sich die Qualität herumgesprochen. Der Zulauf ist eindrucksvoll. Così fan tutte lautet das Zauberwort, das die Menschen anzieht wie Motten das Licht. Und dass die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts in kammermusikalischer Größe aufgeführt wird, die Grigoriy Losenkov eigens für die Aufführung arrangiert hat, mindert nicht im Geringsten den Genuss. Gooil Kang und Svetlana Shtraub an den Geigen, Elizabeth Gärtner an der Bratsche und Cellist Maksim Korobejnikov spielen mit sichtlichem und hörbarem Vergnügen.
Die Bühne ist so einfach wie genial aufgebaut. Auf der linken Seite ist ausreichend Platz für das musikalische Quartett, rechts ist ein Paravent mit einem Tisch und zwei Stühlen aufgebaut. Im Hintergrund ist der fahrbare Kleiderständer für die Kostüme abgestellt. Brodkas Personenregie ist grandios. Es gelingt ihr, den geringen Raum so aufzuteilen, dass nur in seltenen Momenten einer der Sänger verdeckt wird, und dann auch nur, wenn er gerade nur als Statist wirkt. Dank des Wechselspiels zwischen Moderation und szenischer Darstellung bleibt es lebhaft auf der Bühne. Auch in diesem Jahr sind die Kostüme wieder liebevoll von Hand gefertigt. Dass Ferrando und Guglielmo sich mit Perücken, Sonnenbrillen und Kasacks, die an Indianerkostüme erinnern, verkleiden müssen, unterstreicht den Schalk. Da kann man sich leicht vorstellen, wie Brodka und ihre Mutter in der Küche saßen und lachend die Stoffe zugeschnitten haben. Herrlich.

Dabei bleiben Albernheiten aus. Dafür sorgen die großartigen Sänger. Sopranistin Maija Tutova ist dem Stammpublikum bereits aus vorangegangenen Produktionen bekannt. Ihr kommt die Rolle der Despina und damit bekanntlich auch der Arzt und der Notar zu. Gerne verwandeln Regisseure Don Alfonso in ein verschlagenes, bösartiges Männlein, am liebsten so eine Art Rumpelstilzchen. Dumitru Madarasan legt ihn eher als ernsthaften Philosophen an, was wunderbar mit seinem Bass korreliert. Tenor Jihoon Do zeigt seine große Spielfreude spätestens dann, wenn er als Ferrando „vergiftet“ reichlich exponiert quer über Stuhl und Tisch liegt. George Gamal ist ohnehin ein sehr lebensfroher Mensch. Derzeit hat der Bariton aber auch allen Grund dazu. Gerade hat er seinen Master mit Bestnote absolviert, das Studium an der Robert-Schumann-Hochschule ist also abgeschlossen. Und heute debütiert er als Guglielmo. In Abwesenheit von Zinzi Frohwein übernimmt Brodka auch die Rolle der Fiordiligi. Glaubt man ihrer Mimik, hat sie daran mindestens so viel Spaß wie ihre Kollegen. Was auch daran liegen mag, dass sie eine Dorabella an ihrer Seite weiß, die man als echte Entdeckung feiern darf. Die bildhübsche Maria Shebzukhova ist in Russland geboren, in Düsseldorf aufgewachsen und studiert derzeit Gesang in Wien. Mit gerade mal 21 Jahren zeigt ihr Mezzosopran eine erstaunliche Reife und Sicherheit. Ihre Dorabella gefällt nicht nur in der Stimme, sondern überzeugt auch im Spiel, das dem der Fiordiligi ebenbürtig ist.
So, wie Brodka und ihr Ensemble es auf dem Düsseldorfer Marktplatz treiben, machen es nicht alle. Aber es spricht alle an. Nach einer Zugabe räumt das Publikum die Bierbänke, auf denen es dichtgedrängt gesessen hat, selbst weg. Ein fantastisches Bild. Wer sich von der einzigartigen Atmosphäre des ganz besonderen Opernabends bezaubern lassen will, hat dazu in den kommenden Wochen noch in Rodgau, Geldern, Kaarst-Vorst und Erkelenz Gelegenheit.
Michael S. Zerban