O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Jeder darf mal

CRUCES
(Jose Manuel Álvarez)

Besuch am
9. Oktober 2020
(Urauf­führung)

 

Tanzhaus NRW, Großer Saal

Eigentlich hätte Dorothee Schackow in diesem Jahr zum letzten Mal das alljährlich zu Ostern statt­fin­dende Flamenco-Festival am Tanzhaus NRW, eines der größten der Welt, leiten sollen. Es wurde aus bekannten Gründen ersatzlos gestrichen. Schackow genießt mittler­weile ihren Ruhestand. Aber wenn jetzt, im goldenen Oktober, noch einmal andalu­sische Sommerglut das Tanzhaus streift, lässt sie es sich nicht nehmen, der Urauf­führung eines ungewöhn­lichen Flamenco-Abends beizu­wohnen. In der Tat dürfen sich die wenigen Zuschauer, die im Großen Saal des Tanzhauses Platz genommen haben, den Spaniern ab heute noch ein wenig näher fühlen. Denn just an diesem Tag hat die Stadt beschlossen, die Corona-Maßnahmen zu verschärfen, und so sitzen die Besucher mit Maske auf ihren Plätzen. Für die Kultur­schaf­fenden wird es immer mühse­liger, das Publikum zu erreichen, selbst wenn sie solch exzel­lente Programme wie das des heutigen Abends aufbieten können.

Der aus Sevilla stammende Jose Manuel Álvarez zählt heute zu den bekann­testen Flamenco-Tänzern. Viele Jahre arbeitete er mit bekannten Choreo­grafen zusammen und absol­vierte mit ihnen weltweite Tourneen, ehe er sich vor sechs Jahren selbst­ständig machte. Drei Jahre später eröffnete er sein eigenes Flamenco-Studio La Capitana! im Palau de la Música in Barcelona. Jetzt stellt er zusammen mit seiner Compagnia sein neues Werk Cruces vor. Cruce hat im Spani­schen zwei Bedeu­tungen. Es ist zum einen das Kreuz, aber auch die Kreuzung, also der Ort, wo Menschen auf unter­schied­lichen Wegen aufein­an­der­treffen. Im letzteren Fall ein ungewöhn­licher Titel für ein Flamenco-Programm, bei dem es doch eigentlich darauf ankommt, dass alle Betei­ligten dem Tänzer oder den Tänzern zuarbeiten. Und genau darum geht es Álvarez und Marta Piñol: die tradi­tio­nelle Rollen­auf­teilung zwischen Tanz, Gesang, Gitarre und Perkussion aufzu­brechen und zu hinter­fragen, um mögli­cher­weise so zu einer Weiter­ent­wicklung des Tradi­ti­ons­tanzes beizutragen.

Foto © Klaus Handner

Die Seiten­bühnen bieten Platz für zusätz­liche Lautsprecher. Links vom Flamenco-Boden sind acht Stuhl­lehnen aufge­stellt oder aufge­hängt, vor sieben von ihnen stehen Hocker. Drei weitere Hocker sind vor dem Hinter­grund aufge­reiht, darüber hängen noch einmal vier Rücken­lehnen. Anstatt des vierten Hockers ist ein Cajón platziert. Rechts vorne ist eine kleine Station mit Perkus­si­ons­in­stru­menten aufgebaut. Olga Garcia gelingt es, in diesem Aufbau ausschließlich mit Weißlicht wunderbare, unauf­dring­liche Effekte auf den Punkt zu setzen. Die vierköpfige Banda betritt die Bühne und stellt sich mit dem Rücken zum Publikum auf. Schreitet zum Hinter­grund, um dort, ebenfalls mit dem Rücken zur Tribüne, Platz zu nehmen. Der Tänzer zeigt sich abgewandt vom Publikum. Nach einer ersten Kostprobe seines Könnens erschallt die Stimme Susanne Zellingers aus dem Off. Das geschieht zwei oder drei Mal. Es hätte eine gute Idee sein können, aber sie hat keinen Bestand und wird dann aufge­geben. Dadurch wirkt sie unpro­fes­sionell. Eindrucksvoll, dass die Musiker trotz der deutschen Sprache ihre Einsätze auf das Wort genau finden.

Zunächst zeigt Álvarez weitere Einlagen seines virtuosen Tanzes in konven­tio­neller Aufteilung. José Almarcha, der auch für die Origi­nal­musik verant­wortlich zeichnet, bedient die Flamenco-Gitarre als Meister seines Fachs. Den Gesang besorgt Pepe de Pura. Das Tanzhaus druckt auf seinem Abend­zettel wenigstens zweispra­chige Auszüge der Texte, so dass die Besucher eine Idee von der wunder­baren Poesie bekommen. Endlich. Es ist zu hoffen, dass sich das zur gängigen Praxis entwi­ckelt, wenn schon keine Übertitel einge­blendet werden – die an diesem Abend sicher auch eine atmosphä­rische Störung verur­sacht hätten. Lucas Balbo präsen­tiert sich kurzzeitig als klassi­scher Palmero, ehe er sich auch als formi­dabler Perkus­sionist entpuppt. Alsbald löst sich die klassische Beziehung in der Banda auf. De Pura bekommt einen großen Teil der Zeit einge­räumt, um seinen Gesang ohne Tanz auszu­leben. Die Gitarre setzt zeitweilig vollständig aus. Dann erlischt der Gesang, damit Tänzer und Perkus­sionist Gelegenheit haben, in einen Dialog zu treten, in dem die Rollen kurzzeitig auch vertauscht werden können. Ganz wunderbar der Sitz-Flamenco, den Álvarez und Balbo zeigen. Die Auflösung erweist sich als Gewinn, zeigt neue Facetten und Akzente, ohne vom Zauber des Tanzes oder der Musik zu verlieren.

Nach rund 70 Minuten geht ein Flamenco-Abend zu Ende, der zeigt, dass es sich lohnt, Tradi­tionen überlegt und gekonnt feinfühlig weiter­zu­ent­wi­ckeln. Das Publikum weiß das zu würdigen und bedankt sich ausgiebig. Trotz leerer Sitzreihen stellt sich ein Gefühl früherer Zeiten und Erfolge im Tanzhaus NRW ein. Gut so.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: