O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DANSÖZ
(Tümay Kılınçel)
Besuch am
29. Februar 2020
(Premiere am 27. Februar 2020)
Es dürfte wohl kaum eine Kreuzfahrt geben, auf der nicht wenigstens eine Bauchtänzerin zur Abendgestaltung auftritt. Schwüle Bars lassen Bauchtänzerinnen gern zur Belebung des nächtlichen Geschäfts auftreten. Für Hotels in entsprechenden Ländern ist der Bauchtanz Pflichtprogramm nach dem Abendessen. Es scheint fast: Je lausiger, je unprofessioneller, desto besser. Und tatsächlich, wo immer eine Bauchtänzerin auftritt, ist das Volk hin und weg. Für Leute, die lieber selbst tanzen, gibt es inzwischen Kursangebote ohne Ende. Wenn Frauen im Bikini mit Lendenschurz und womöglich noch mit Schellen oder Glöckchen an den Extremitäten zu orientalischen Klängen auftreten, scheint das sämtliche Urtriebe des Menschen auszulösen, obwohl es bei seriösen Tänzern wirklich kaum mehr als einen nackten Bauchnabel, allerdings auch mehr oder minder aufregende Körperbewegungen zu sehen gibt. Eine schöne, kribbelnde Unterhaltung, die keinem weh tut, aber die Umsätze ankurbelt. Dagegen gibt es doch auch in unserer Zeit der allüberall überbordenden political correctness nun wirklich nichts einzuwenden.
Das sieht die Choreografin Tümay Kılınçel ganz anders. Zwei Dinge machen sie besonders misstrauisch. Es gibt überhaupt nicht den Bauchtanz. Sondern bestenfalls kann man darunter eine Ansammlung der verschiedensten Tanzstile im Kontext orientalischer Musik verstehen. Hartnäckig verweigert sich dieses Genre auch der Auseinandersetzung mit anderen Tanzformen. Letzteres mag vielleicht daran liegen, dass es bei allen Formen des Bauchtanzes lediglich um Gelderwerb geht, siehe oben. Die Frage nach der Kunst oder besser der künstlerischen Auseinandersetzung stellt sich in den seltensten Fällen. Kılınçel, die selbst verschiedenste Stilrichtungen des Orientalischen Tanzes erlernt hat, ärgert das. Sie möchte die Tanzform nach eigener Aussage „detoxen“, also entgiften. Was sie genau damit meint, versucht sie, auf künstlerischer Ebene mit ihrem Solo Dansöz in der Spielstätte Kasernenstraße des Forums Freies Theater in Düsseldorf wieder einmal zu klären, nachdem sie damit bereits in Basel und Frankfurt erfolgreich war. Ob der Erfolg im Thema oder in der Auseinandersetzung begründet liegt, wird dieser Abend in Düsseldorf zeigen. Zunächst einmal heißt Dansöz nichts anderes als Tänzerin.

Zum Auftakt liegt auf der Bühne ein ganzer Haufen Requisiten, der auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Tüll und Seide anmutet, später aber weiteres enthüllt. Im Hintergrund ist eine Traverse mit einer Reihe von Scheinwerfern heruntergelassen. Eine Übertitelungsanlage schwebt über der Bühne. Kılınçel steht hinter der Traverse und summt zur eingespielten Musik. Ihr Text, den sie anfangs aufsagt, könnte in drei Sprachen – deutsch, englisch, türkisch – angezeigt werden, wenn nicht bereits nach dem „Es war einmal …“ die Leisten für die deutsche und englische Version ausfielen. Erst später wird deutlich, dass dahinter durchaus Absicht liegen könnte. Es lebe die Kunst. Wo die Kunst aufhört und der Ärger beginnt, zeigen die Lichtdesigner Camilla Vetters und Jost von Harleßem. Nach Kılınçels Einstiegsrede auf Türkisch gleißen die Scheinwerfer der Traverse auf und blenden das Publikum. Das ist nicht lustig, dramaturgisch sinnvoll noch künstlerisch wertvoll. Es ist eine Respektlosigkeit gegenüber dem Publikum und zudem eine Gesundheitsgefährdung. Hier ist es zudem als „Überblendung“ gemeint, und das hätte man sicher anders lösen können.
Denn anschließend tritt Kılınçel vor der Traverse im glitzernden Kostüm auf und zeigt das, was Bauchtanz ist oder was sich Otto Normalverbraucher darunter vorstellt. Exotisch und erotisch. Man sieht davon kaum etwas, und warum eigentlich nicht? Das einzige Licht ist das der Notausgangsleuchten. Und so bleibt dieser Teil im Dunkel verborgen. Erst allmählich verbessert sich die Situation. Die Choreografin zeigt einzelne Körperteile und ihre Bewegungen im Spot. Bis dahin ist eine Viertelstunde zuzüglich verspäteten Beginns vergangen. Dazu gibt es einen Sprechgesang, in dem das Publikum dreisprachig erfährt, dass es eigentlich keinen Bauchtanz gibt. Gerade will man mit der Aufführung warm werden, als einen abermals die Scheinwerfer, diesmal von der Decke, massiv blenden.
Dass man an dieser Stelle nicht aufsteht und geht, ist allein der charismatischen Ausstrahlung der Tänzerin zu verdanken, die den Kleiderhaufen jetzt über die Bühne schiebt. Zwischenzeitlich wählt sie Kleiderstücke, später auch andere Requisiten aus dem Haufen, um sich immer wieder in neuen Verkleidungen zu präsentieren. Dass sie – künstlerisch wertvoll vermutlich – immer wieder Minuten braucht, um sich anzukleiden, wirkt tatsächlich ermüdend. Allerdings entschädigen die Verkleidungen dann für die Wartezeiten. Da gibt es das Kostüm, das eine bunte Vielfalt vieler Kostümvarianten vereint. Da gibt es Schleier, Glöckchen, Gürtel, Umhänge und vieles mehr, was sich Bauchtänzerinnen täglich in der Welt einfallen lassen, um den Tanz attraktiv erscheinen zu lassen. Kılınçel wirft das alles von sich, zeigt sich schließlich vergleichsweise unattraktiv, um zu zeigen, dass es auf den Tanz ankommt. Den beherrscht sie allerdings in Perfektion. Zwischenzeitlich hat sie noch Gelegenheit, Kostüme anzulegen, mit denen sie bizarre Figuren erzeugen kann.
Insgesamt liefert Kılınçel ein gelungenes Stück ab, wenn man den theoretischen Überbau vergisst. Für die Musikauswahl ist Leila Moon verantwortlich, die die Choreografin tatkräftig in ihren Absichten unterstützt. Da gibt es eine breite Vielfalt vom folkloristischen orientalischen Gesang bis zur offen geforderten Erotik im Rap-Gekreisch. Kılınçel wird es nicht gelingen, Millionen von Menschen zu einem kritischen Umgang mit dem Orientalischen Tanz zu bewegen, aber sie schafft es, die Menschen für ihren Tanz zu begeistern.
Das ist auch die Meinung des Publikums, das sich mit langanhaltendem Applaus bedankt. Der klingt zwar etwas dünn, weil in der dritten Vorstellung nur noch etwas mehr als die Hälfte der Plätze auf der Tribüne besetzt ist, dafür aber umso herzlicher. Tümay Kılınçel hat hier etwas abgeliefert, über das man sicher diskutieren kann, was aber für die Zukunft noch viel verspricht.
Michael S. Zerban