O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Flavio Karrer

Schluss mit lustig

DANSÖZ
(Tümay Kılınçel)

Besuch am
29. Februar 2020
(Premiere am 27. Februar 2020)

 

Forum Freies Theater, Kaser­nen­straße, Düsseldorf

Es dürfte wohl kaum eine Kreuz­fahrt geben, auf der nicht wenigstens eine Bauch­tän­zerin zur Abend­ge­staltung auftritt. Schwüle Bars lassen Bauch­tän­ze­rinnen gern zur Belebung des nächt­lichen Geschäfts auftreten. Für Hotels in entspre­chenden Ländern ist der Bauchtanz Pflicht­pro­gramm nach dem Abend­essen. Es scheint fast: Je lausiger, je unpro­fes­sio­neller, desto besser. Und tatsächlich, wo immer eine Bauch­tän­zerin auftritt, ist das Volk hin und weg. Für Leute, die lieber selbst tanzen, gibt es inzwi­schen Kursan­gebote ohne Ende. Wenn Frauen im Bikini mit Lenden­schurz und womöglich noch mit Schellen oder Glöckchen an den Extre­mi­täten zu orien­ta­li­schen Klängen auftreten, scheint das sämtliche Urtriebe des Menschen auszu­lösen, obwohl es bei seriösen Tänzern wirklich kaum mehr als einen nackten Bauch­nabel, aller­dings auch mehr oder minder aufre­gende Körper­be­we­gungen zu sehen gibt. Eine schöne, kribbelnde Unter­haltung, die keinem weh tut, aber die Umsätze ankurbelt. Dagegen gibt es doch auch in unserer Zeit der allüberall überbor­denden political correctness nun wirklich nichts einzuwenden.

Das sieht die Choreo­grafin Tümay Kılınçel ganz anders. Zwei Dinge machen sie besonders misstrauisch. Es gibt überhaupt nicht den Bauchtanz. Sondern besten­falls kann man darunter eine Ansammlung der verschie­densten Tanzstile im Kontext orien­ta­li­scher Musik verstehen. Hartnäckig verweigert sich dieses Genre auch der Ausein­an­der­setzung mit anderen Tanzformen. Letzteres mag vielleicht daran liegen, dass es bei allen Formen des Bauch­tanzes lediglich um Gelderwerb geht, siehe oben. Die Frage nach der Kunst oder besser der künst­le­ri­schen Ausein­an­der­setzung stellt sich in den seltensten Fällen. Kılınçel, die selbst verschie­denste Stilrich­tungen des Orien­ta­li­schen Tanzes erlernt hat, ärgert das. Sie möchte die Tanzform nach eigener Aussage „detoxen“, also entgiften. Was sie genau damit meint, versucht sie, auf künst­le­ri­scher Ebene mit ihrem Solo Dansöz in der Spiel­stätte Kaser­nen­straße des Forums Freies Theater in Düsseldorf wieder einmal zu klären, nachdem sie damit bereits in Basel und Frankfurt erfolg­reich war. Ob der Erfolg im Thema oder in der Ausein­an­der­setzung begründet liegt, wird dieser Abend in Düsseldorf zeigen. Zunächst einmal heißt Dansöz nichts anderes als Tänzerin.

Foto © Flavio Karrer

Zum Auftakt liegt auf der Bühne ein ganzer Haufen Requi­siten, der auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Tüll und Seide anmutet, später aber weiteres enthüllt. Im Hinter­grund ist eine Traverse mit einer Reihe von Schein­werfern herun­ter­ge­lassen. Eine Überti­telungs­anlage schwebt über der Bühne. Kılınçel steht hinter der Traverse und summt zur einge­spielten Musik. Ihr Text, den sie anfangs aufsagt, könnte in drei Sprachen – deutsch, englisch, türkisch – angezeigt werden, wenn nicht bereits nach dem „Es war einmal …“ die Leisten für die deutsche und englische Version ausfielen. Erst später wird deutlich, dass dahinter durchaus Absicht liegen könnte. Es lebe die Kunst. Wo die Kunst aufhört und der Ärger beginnt, zeigen die Licht­de­signer Camilla Vetters und Jost von Harleßem. Nach Kılınçels Einstiegsrede auf Türkisch gleißen die Schein­werfer der Traverse auf und blenden das Publikum. Das ist nicht lustig, drama­tur­gisch sinnvoll noch künst­le­risch wertvoll. Es ist eine Respekt­lo­sigkeit gegenüber dem Publikum und zudem eine Gesund­heits­ge­fährdung. Hier ist es zudem als „Überblendung“ gemeint, und das hätte man sicher anders lösen können.

Denn anschließend tritt Kılınçel vor der Traverse im glitzernden Kostüm auf und zeigt das, was Bauchtanz ist oder was sich Otto Normal­ver­braucher darunter vorstellt. Exotisch und erotisch. Man sieht davon kaum etwas, und warum eigentlich nicht? Das einzige Licht ist das der Notaus­gangs­leuchten. Und so bleibt dieser Teil im Dunkel verborgen. Erst allmählich verbessert sich die Situation. Die Choreo­grafin zeigt einzelne Körper­teile und ihre Bewegungen im Spot. Bis dahin ist eine Viertel­stunde zuzüglich verspä­teten Beginns vergangen. Dazu gibt es einen Sprech­gesang, in dem das Publikum dreisprachig erfährt, dass es eigentlich keinen Bauchtanz gibt. Gerade will man mit der Aufführung warm werden, als einen abermals die Schein­werfer, diesmal von der Decke, massiv blenden.

Dass man an dieser Stelle nicht aufsteht und geht, ist allein der charis­ma­ti­schen Ausstrahlung der Tänzerin zu verdanken, die den Kleider­haufen jetzt über die Bühne schiebt. Zwischen­zeitlich wählt sie Kleider­stücke, später auch andere Requi­siten aus dem Haufen, um sich immer wieder in neuen Verklei­dungen zu präsen­tieren. Dass sie – künst­le­risch wertvoll vermutlich – immer wieder Minuten braucht, um sich anzukleiden, wirkt tatsächlich ermüdend. Aller­dings entschä­digen die Verklei­dungen dann für die Warte­zeiten. Da gibt es das Kostüm, das eine bunte Vielfalt vieler Kostüm­va­ri­anten vereint. Da gibt es Schleier, Glöckchen, Gürtel, Umhänge und vieles mehr, was sich Bauch­tän­ze­rinnen täglich in der Welt einfallen lassen, um den Tanz attraktiv erscheinen zu lassen. Kılınçel wirft das alles von sich, zeigt sich schließlich vergleichs­weise unattraktiv, um zu zeigen, dass es auf den Tanz ankommt. Den beherrscht sie aller­dings in Perfektion. Zwischen­zeitlich hat sie noch Gelegenheit, Kostüme anzulegen, mit denen sie bizarre Figuren erzeugen kann.

Insgesamt liefert Kılınçel ein gelun­genes Stück ab, wenn man den theore­ti­schen Überbau vergisst. Für die Musik­auswahl ist Leila Moon verant­wortlich, die die Choreo­grafin tatkräftig in ihren Absichten unter­stützt. Da gibt es eine breite Vielfalt vom folklo­ris­ti­schen orien­ta­li­schen Gesang bis zur offen gefor­derten Erotik im Rap-Gekreisch. Kılınçel wird es nicht gelingen, Millionen von Menschen zu einem kriti­schen Umgang mit dem Orien­ta­li­schen Tanz zu bewegen, aber sie schafft es, die Menschen für ihren Tanz zu begeistern.

Das ist auch die Meinung des Publikums, das sich mit langan­hal­tendem Applaus bedankt. Der klingt zwar etwas dünn, weil in der dritten Vorstellung nur noch etwas mehr als die Hälfte der Plätze auf der Tribüne besetzt ist, dafür aber umso herzlicher. Tümay Kılınçel hat hier etwas abgeliefert, über das man sicher disku­tieren kann, was aber für die Zukunft noch viel verspricht.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: