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DISCRETE FIGURES
(Rhizomatiks Research, Elevenplay, Kyle McDonald)
Besuch am
29. März 2019
(Deutsche Erstaufführung)
Hi, Robot! Das Mensch-Maschine-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf
Langsam nähert sich die erste Auflage des Mensch-Maschine-Festivals Hi, Robot! dem Ende. Unter Hinzunahme des heutigen Abends, der noch einmal mit einer deutschen Erstaufführung seinen Anfang nimmt, sollte eine erste Bilanz erlaubt sein. Da steht an erster Stelle ein großes Kompliment an das Tanzhaus NRW und seine Veranstaltungspartner, ein solches Projekt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Die ersten autonom fahrenden Autos werden in der Nachbarstadt Monheim am Rhein im Straßenbetrieb erprobt, die Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, wir nähern uns in Riesenschritten der totalen Überwachung. Da ist es höchste Zeit für die Kunst zu hinterfragen, was die technische Weiterentwicklung für sie bedeutet. Fast drei Wochen lang war im Festival eine Menge zu sehen. Die Kuratoren haben bei den Aufführungen sehr stark auf optische Höhepunkte gesetzt. Wir erinnern uns an den angeblich dirigierenden Roboter, den lustigen Kleinroboter oder auch die imposante Lichtschau, über die gleich zu reden sein wird. Bei den Aufführungen etwas zu kurz gekommen scheint die inhaltliche Auseinandersetzung. Was haben wir, was hat die Kunst eigentlich von Maschinen, die uns vermeintlich ähnlicher werden – auch wenn sie davon, so viel war zu lernen, noch Generationen entfernt sind. Die Fragezeichen sind eher größer geworden. Beim Status quo kann man sich nach diesem Festival gut informiert fühlen. Die nüchterne Erkenntnis: Dafür, dass Milliarden in die Forschung gesteckt werden, scheinen wir erstaunlich weit am Anfang zu stehen. Und was für Kunst dabei herausspringt? Dafür steht vielleicht Discrete Figures symbolisch, eine multimediale Schau, die heute Abend ihre deutsche Erstaufführung im Großen Saal des Tanzhauses NRW feiert: Große (Blend-)Effekte, die in den grundlegenden Fragen keinen Schritt weiterführen. Alter Wein wird in neue Schläuche gefüllt, aber die sind so unglaublich bunt, dass es garantiert keiner merkt. Parallelen zur gesellschaftlichen Entwicklung sind unübersehbar.

Das Interesse des Publikums am technisch Machbaren ist ungebrochen. Und so ist der Große Saal im Tanzhaus NRW überdurchschnittlich gut besucht. Beim Service haben die Veranstalter gepatzt: Weder wird auf das Stroboskop-Licht hingewiesen, noch werden Ohrenstöpsel angeboten. Beides wäre an diesem Abend angebracht. Auf der ansonsten leeren Bühne sind fünf Hocker und fünf Paravents aufgestellt. Ein schwarzer Vorhang vor dem Hintergrund wird später beiseitegezogen werden, um eine weiße Projektionsfläche zu bieten. Fünf Tänzerinnen der Compagnie Elevenplay von Mikiko nehmen hinter den Paravents in weißen T‑Shirts, Plissee-Röcken und Hosen Aufstellung. Ohrenbetäubende, wummernde Musik setzt ein, die offenbar die grellen Lichtreflexe steuert. Die Zeiten, in denen der Lichtdesigner die Bühne erhellt und der Toningenieur für eine ordentliche Beschallung sorgt, scheinen dem Ende entgegenzugehen. Bei dieser brachialen Licht-Klang-Schau zeichnet Daito Manabe für die Künstlerische Leitung, Musik, Licht, Interaction Design und Software Engineering verantwortlich. Etliche Menschen sind im Hintergrund dabei für Vorgänge wie Hardware Engineering, Machine Learning, Software Programming, Videografie, Motion Capture oder 4D-Views zuständig. Erstaunlich, dass die neuen Techniken mehr hochspezialisiertes Personal erfordern. Nachdenklich stimmt auch, was das für die Berichterstattung in der Zukunft bedeutet. Jetzt aber erst mal Begeisterung für die Fortschritte in der Projektion. Also, der gute Wille ist da. Und da gibt es ja wirklich eindrucksvolle Effekte. Die Figuren der Tänzerinnen werden auf den Paravents nachgebildet, in grafische Strukturen aufgelöst, Avatare versprühen auf der Leinwand Feenstaub. Am Ende scheint es aber nicht mehr so gut zu laufen, zumindest lösen sich die Avatare zunehmend auf, werden grobschlächtiger.
Während Videograf Muryo Homma mit seinem Gimbal die Szene augenscheinlich filmt, nimmt die Verwirrung beim Publikum zu. Die Szene insgesamt ist so bildgeflutet, dass man sich entscheiden muss, ob es um die Tänzerinnen oder um die Projektionen geht. Eine im ästhetischen Sinne unbefriedigende Lösung. Und mit etwas Abstand betrachtet nichts anderes als die Übertragung längst bekannter Techniken aus der Zeichentrick-Filmindustrie auf den Tanz. Das kann für einen ohrenbetäubenden und im doppelten Wortsinn blendenden Abend lang beeindrucken – ob es für die Zukunft reicht, darf bezweifelt werden, auch ohne zu den Ewiggestrigen zu gehören. Dem Publikum gefällt die „volle Dröhnung“ an diesem Abend, und es applaudiert ungewöhnlich lange. Das Festival allerdings hält noch eine Überraschung parat.
Michael S. Zerban