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DISPLAY SONGS
(Brigitta Muntendorf, Michael Beil)
Besuch am
11. Januar 2020
(Einmalige Aufführung)
Zum 15. Mal findet derzeit das Festival Temps d’Images – etwa: Zeit der Bilder – im Düsseldorfer Tanzhaus NRW statt. Es „stellt digitale Verkörperungsprozesse ins Zentrum und macht sich auf die Suche nach den Schnittstellen von digitalen und analogen Körpern“. Wie es sich für ein Festival-Motto gehört, kann man darunter vieles subsumieren, weil den Satz sowieso keiner versteht. Solche Sätze muss man in Förderanträge schreiben, damit Geld für die Kunst fließt. Und das Geld ist dringend notwendig. Denn wenn solche Sätze in der Öffentlichkeit auftauchen, interessiert sich kein Mensch dafür, also werden auch keine Eintrittskarten verkauft.
Da ist es gut, wenn auf dem Festivalprogramm zugkräftige Namen auftauchen wie etwa der der Kölner Komponistin Brigitta Muntendorf. Die hatte im vergangenen Jahr das, was man wohl einen goldenen Lauf nennt. Die Mitarbeit an Stephanie Thierschs Bilderschlachten war noch ein wenig erfolgreicher als die Songs of Rebellion, die Muntendorf in Berlin präsentierte. Beides großartige Werke. Da könnte mehr gehen, möchte man meinen. Und liest, wie Muntendorf ihr Schaffen selbst einordnet. „Musik verweist durch Intermedialität und vielschichtige Kontextualisierung nicht nur auf sich selbst, sondern verinnerlicht Referentialität als ein Kompositionsprinzip, das unterschiedlichste Kunst- und Ausdrucksformen in den Kompositionsprozess integriert.“ Nach solchem Satz ist es fast ein Wunder, dass immerhin rund ein Viertel des Großen Saals im Tanzhaus NRW besetzt ist.
Dabei hätten die Display Songs mindestens ein volles Haus verdient. Muntendorf hat neben der Komposition auch die künstlerische Leitung des Abends und damit auch die Gestaltung der Bühne inne. Im Hintergrund und an den Seiten sind Leinwände aufgebaut. Davor finden sich „Musikstationen“. Hier geht es funktional zu, ohne die Notwendigkeiten des Konzertbetriebs zum obersten Prinzip zu erheben. Sechs Szenen bringt Muntendorf im knapp einstündigen Konzert unter, die es in sich haben.

Rebekka Salomea Ziegler, eigentlich eher im Jazz unterwegs, eröffnet den Abend, der sich großartig zwischen Live-Musik, Video, Live-Video-Aufnahmen und Ton-Einspielungen bewegen wird. Sie zitiert in Public Privacy #6 – voice: bright no more die Luft-Schreibmaschine von Leroy Anderson aus dem Jahr 1950, die Jerry Lewis so herrlich 1973 im deutschen Fernsehen präsentiert. In der künstlerischen Umsetzung Muntendorfs gerät die Komik unterschwelliger und wird durch die stimmlich fantastische Darbietung von Ziegler ergänzt.
In Michael Beils Komposition Caravan geht es dann tatsächlich um die Verwirklichung des Anspruchs einer Umsetzung von der analogen in die digitale Wirklichkeit. Vier Damen des zehn Personen umfassenden Ensembles Garage, das Muntendorf 2009 aufgebaut hat, betreten die Bühne und nehmen auf vier Stühlen Platz. Allerdings nicht lange. Im Wechsel betreten sie die Station „Aufnahme“, von der ihre Aktivitäten gleich auf die Leinwand übertragen werden. So also sieht der Transformationsprozess aus. Der Clou: Die zur Aufnahme vollzogenen Aktionen wirken zunächst eher sinnlos, bevor sie zeitversetzt auf der Leinwand gezeigt werden und sich dann nahtlos in den Rhythmus der Musik einfügen.
Dass die Damen nicht nur spielfreudig sind und Computer bedienen, sondern auch singen, zeigen sie im Quartett zu Public Privacy #5: Aria. Durchgängig unterstützt durch die Lichtbildner Andreas Huck und Roland Nebe, die als Warped Type im Hintergrund für die richtigen Abläufe auf der Leinwand sorgen. Nach einem reinen Synthesizer-Stück gibt es einen Schnitt, und die Damen wechseln die Station. Auf einem kleinen Podium nehmen sie ihre „eigentlichen“ Aufgaben wahr. Malgorzata Walentynowicz bedient Klavier und Synthesizer, Yuka Ohta nimmt am Schlagzeug Platz. Vor dem Podium sitzen Geigerin Annegret Mayer-Lindenberg und Cellistin Eva Boesch. Mit blurred FIVE und Konnichiwa wird es auf den Leinwänden psychedelisch. Die Musik, die durch Geräusche von der Festplatte ergänzt wird, ist über weite Strecken repetitiv, bekommt durch den Gesang von Ziegler zwischenzeitlich schon fast pop-artige Züge und zeigt sich überaus eingängig. Die Abstimmung zwischen Leinwand und Musik ist so überzeugend, dass man sich das eine ohne das andere nicht vorstellen kann.
Eigentlich ist das Zusammenspiel von Projektion, Körper und Musik in #AsPresentAsPossible TWO, dem letzten Stück, überaus gelungen, aber es wird dann doch zu sehr am Licht gespart und so bleiben die Sängerinnen nur schemenhaft erkennbar, sind eben nur so präsent wie möglich, und das ist ein bisschen wenig. Der kleine Wermutstropfen ist allerdings in der Gesamtleistung schnell vergessen, und so dürfen sich alle Beteiligten des herzlichen Applauses eines viel zu kleinen Publikums erfreuen, das einen außergewöhnlichen, kurzweiligen und sicher unvergesslichen Abend erlebt hat.
Michael S. Zerban