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DUDELSACK & ORGEL
(Diverse Komponisten)
Besuch am
16. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)
Vermutlich könnte die Tersteegenkirche, die im Düsseldorfer Stadtteil Golzheim in einer Wohnsiedlung versteckt ist, in einen Dornröschenschlaf fallen, ohne dass es jemand bemerkte. Gäbe es da nicht die Kantorin Yoreang Kim-Bachmann, die mit ihren musikalischen Einfällen immer wieder dafür sorgt, dass die Düsseldorfer in die Kirche strömen. Für das Internationale Düsseldorfer Orgel-Festival hat sie sich etwas einfallen lassen, was eigentlich gar nicht geht. Sie hat Axel Römer eingeladen, und der spielt Dudelsack. Jetzt mal ehrlich. Dudelsack und Orgel. Wie soll das gehen? Kim-Bachmann und Römer entwickeln größten Eifer, nicht nur ein geeignetes Programm zusammenzustellen, sondern es auch zu inszenieren.
Damit das funktioniert, müssen die Gemeindemitglieder helfen. Das Inventar des Kirchenraums muss komplett umgestellt werden. Stühle werden mit dem Rücken zum Altar aufgestellt. Die Bänke an den Seiten werden lediglich zusammengerückt. So viel Leute werden wohl nun auch nicht kommen, werden sich die Organisatoren gedacht haben. Unter der Orgelempore steht ein Mikrofon. Wie viele Gemeinden nutzen auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tersteegenkirche das Orgel-Festival, ihre Kirche für eine breitere Öffentlichkeit herauszuputzen und sich von der besten Seite zu zeigen. Die Besucher bekommen am Eingang gar Decken angeboten, damit sie sich während der Aufführung nicht verkühlen. Zusammen mit einem Programmzettel, was eher zu den Ausnahmen beim Festival gehört.

Vielleicht ganz gut, dass das Programm im Vorfeld nicht im Einzelnen bekannt war. Denn auch so ist der Ansturm gewaltig. Schnell sind die Stühle besetzt. Klaglos setzen sich die weiteren Besucher auf die nun falsch herum stehenden Bänke. Ja, so muss es in einem Festival zugehen. Der Spaß kann beginnen. Als Intendantin Frederike Möller mit ihren Begrüßungsworten zum Ende kommt, setzen die ersten Klänge des Dudelsacks ein. Römer steigt aus dem Keller nach oben, schreitet unter der Empore entlang, erklimmt die Stufen zur Empore, während er Lament for the Old Sword intoniert. Anschließend kehrt er zurück an das Mikrofon unter der Empore, um das Publikum zu begrüßen.
Nach der Schule wurde Axel Römer Raumausstatter und anschließend Betriebswirt des Handwerks, ehe er zur Great Highland Bagpipe fand. In George Robertson Steward fand er einen Lehrer, der ihn seit 25 Jahren in allen Belangen unterweist. Inzwischen unterrichtet Römer selbst und gehört zur ersten Liga der Dudelsackpfeifer. Da verwundert es kaum, dass etliche andere Dudelsackpfeifer an diesem Abend erschienen sind, um ihm zuzuhören. Nachdem er den ersten Akzent gesetzt hat, kommt allerdings erst einmal Yoerang Kim-Bachmann zum Spiel. Sie stammt aus Seoul, wo sie an der Yonsei-Universität Kirchenmusik studierte. An der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf absolvierte sie ihr A‑Examen an der Orgel und schloss ein Aufbaustudium Dirigieren Chorleitung ab. Als Dekanatskantorin initiierte sie zahlreiche Musikreihen. Seit 2019 ist sie Kirchenmusikerin an der Tersteegenkirche. Hier gründete sie die Tersteegen-Musikschule und ist bis heute deren künstlerische Leiterin.
Jetzt spielt sie das Choralvorspiel Wachet auf, ruft uns die Stimme von Johann Sebastian Bach. Kein Konzert in einer evangelischen Kirche ohne Bach? Aber damit hat es sich dann auch mit Kirchenmusik. Und nun endlich erklingt das erste Zusammenspiel von Orgel und Dudelsack, der Canon in D‑Dur von Johann Pachelbel aus dem 17. Jahrhundert. Er gelingt als wunderbares Duett auf der Empore. Mag sein, dass die beiden Musiker damit die optimale Akustik für den Einsatz des Dudelsacks ausgemacht haben – der Klang spricht zumindest dafür – aber der Wermutstropfen ist, dass Römer beim Spiel nur als Silhouette über den Köpfen des Publikums zu sehen ist. Und zwischendurch immer wieder nach unten laufen muss, um seine nächste Moderation zu absolvieren.
Es ist reichlich ambitioniert, die Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg in einer mittelmäßigen Transkription auf der Orgel zu spielen. Grieg hat in der Morgenstimmung die Lyrismen für Orchester ausgearbeitet, das Schäumen, Perlen, Sprudeln des Glücks ist ihm zum Meisterwerk geraten. Das kann die Orgel der Tersteegenkirche nicht leisten. Da bleibt es beim Wiedererkennungswert der bekannten Melodie. Etwas besser gelingt der Trauermarsch über Ases Tod, der immerhin die Erhabenheit ausstrahlt, die ihm zu eigen ist.

Einer der Höhepunkte des Abends gelingt eindeutig, wenn die beiden Musiker gemeinsam Amazing Grace – also erstaunliche Gnade – zum Besten geben. Vorangeschickt hat Römer das Schlüsselerlebnis des Autors John Newton, der Kapitän eines Sklavenschiffs war. In schwere Seenot geraten, rief er Gott an. Nach der Rettung behandelte Newton die Sklaven menschlicher, gab nach einigen Jahren seinen Beruf auf und wurde Geistlicher. Das war im 18. Jahrhundert, und bis heute hat das Lied nichts von seinem Sog verloren.
Kim-Bachmann schließt mit Anitras Tanz und In der Halle des Bergkönigs aus der Peer-Gynt-Suite von Grieg an. Zwar beginnt die Halle viel zu tief, vermag aber im Verlauf der verkürzten Version, wenigstens das Dämonische aufscheinen zu lassen, das Grieg veranlasste zu verlangen, dass das Stück nicht in seiner Gegenwart gespielt werde. Mit der Air Highland Cathedral und dem Marsch The Cock of the North können die beiden im gemeinsamen Spiel das Publikum erneut begeistern. Und nach dem Orgel-Solo von Alexandre Guilmant sorgen Kim-Bachmann und Römer mit Auld Lang Syne für ein fulminantes Finale. Der deutsche Titel lautet Nehmt Abschied, Brüder. In der weltweiten Pfadfinderbewegung ist es das Lied, das am Ende von Veranstaltungen gesungen wird. Die Dudelsack-Begeisterten nehmen sich an den Händen und singen mit. Ein erhebender Moment.
Und dann gibt es nach frenetischem Applaus noch mal so ein richtiges Festival-Erlebnis. Kim-Bachmann ruft in den nicht enden wollenden Beifall: „Es gibt keine Zugabe!“ Darauf erschallt aus dem Publikum der Ruf: „Dann spielt das letzte noch mal!“ Klare Ansage, der die beiden gern folgen. Großartig. Darum werden Festivals veranstaltet.
Beim Verlassen der Kirche fällt der Blick auf ein Plakat. Am 24. November wird Kim-Bachmann Arthur Honeggers König David aufführen. So ist sie, die Kantorin der Tersteegenkirche. Und jeder, der Zeit und Gelegenheit hat, wird hingehen.
Michael S. Zerban