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Tango zum Zuhören

THE EDGE OF TANGO
(Diverse Komponisten)

Besuch am
11. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Schumannfest, Tonhalle, Düsseldorf

Was eigentlich genau hat Tango mit einem Schumannfest zu tun? Keine Idee? Macht nix. Im Rahmen eines Festivals darf es ja auch mal nicht ganz so deckungs­gleich zugehen, wenn nur die Auffüh­rungen das Publikum begeistern. So ist für einen Dienstag das Ensemble Sonico aus Belgien einge­laden, um sein Album Piazzolla – Rovira: The Edge of Tango im Mendelssohn-Saal der Düssel­dorfer Tonhalle vorzu­stellen. Stolz berichtet Pianist Ivo De Greef, dass das Ensemble aus sieben Nationen bestehe und man deshalb auch bis heute keine gemeinsame Sprache gefunden habe. Dass er in einer Stadt, in der man deutsch spricht, zwei Stunden lang mit dem Kontra­bas­sisten und Mitgründer des Ensembles, Ariel Eberstein, auf Englisch moderiert, scheint ihm dabei nicht aufzufallen.

Am Rand des Tangos knüpfen Astor Piazzolla und Eduardo Rovira an, um den Tango Argentino zu erneuern. Bekannt – und berühmt – wurde Piazzolla, der den Begriff des Tango Nuevo prägte. Das Ensemble Sonico hat sich inten­siver um den anderen, um Rovira, gekümmert. Beim Schumannfest stellen die Musiker Arran­ge­ments der beiden einander gegenüber und beginnen mit dem Mann aus Mar del Plata. Dort wurde Astor 1921 geboren. Im Alter von acht Jahren schenkte der tango­ver­rückte Vater dem musika­lisch begabten Jungen, der sich bereits am Klavier versuchte, ein Bandoneon. Das war in New York, wo der Vater nach ihrer Übersiedlung aus Argen­tinien 1925 einen Friseur­salon eröffnet hatte. Astor konnte sich zunächst wenig für den Tango begeistern, schwärmte für Jazz und die Musik Johann Sebastian Bachs. Erst 1937, als die Familie nach Buenos Aires übersie­delte, hatte er sein „Erweckungs­er­lebnis“ bei einem Auftritt des Tango-Ensembles von Elvino Vardaro. Trotzdem fühlte er sich zu Höherem berufen und nahm ab 1940 Kompo­si­ti­ons­un­ter­richt, der ihn unter anderem nach Paris zu Nadia Boulanger führte. Die Geschichte ist bekannt und wird auch heute Abend noch einmal erzählt. Boulanger hörte sich an, was Piazzolla beim Vorspiel gefiel, ohne in rechtes Verzücken zu geraten. Erst als sie sich einen Tango von ihm angehört hatte, empfahl sie ihm, sich dieser Musik­richtung zu widmen. Er hielt sich daran und kompo­nierte im Laufe seines Lebens über 300 Tangos, schrieb die Musik für fast 50 Filme und spielte rund 40 Schall­platten ein. 1990 erlitt er einen Schlag­anfall, der sein musika­li­sches Schaffen beendete, und starb 1992 in Buenos Aires.

Foto © Susanne Diesner

Eduardo Rovira wurde 1925 in Lanús geboren. Er arbeitete als Bando­neonist und Komponist, prägte den Begriff des Tango Moderno. Fast 100 kammer­mu­si­ka­lische Werke und um die 200 Tangos sind aus seiner Feder bekannt. Seine letzten Lebens­jahre verbrachte er in La Plata, wo er Orchestra­tionen für das Polizei­or­chester der Provinz Buenos Aires schrieb. Mit 55 Jahren starb er auf der Straße vor seinem Haus an einem Herzin­farkt. Die beiden Kompo­nisten trafen sich, so ist im Abend­zettel zu lesen, nur zwei Mal. 1961, als Piazzolla ein Konzert Roviras besuchte und von ihm einge­laden wurde, auf die Bühne zu kommen. Und 1966, als sie beide im Lokal Gotàn auftraten. Beide sprachen stets mit größtem Respekt voneinander.

Das Ensemble Sonico stellt in der Tonhalle Stücke des Octeto Buenos Aires vor, deren Parti­turen Piazzolla selbst verbrannte, und Werke nach den Parti­turen von Rovira, die vom Octeto La Plata gespielt und Opfer einer Überschwemmung wurden. Damit wird auch schon deutlich, dass die Musiker von Sonico sich nicht auf die bloße Wiedergabe bekannter Stücke beschränken, sondern einen nicht unwesent­lichen Teil ihrer Zeit auf die Recherche verwenden. Im Mittel­punkt des Orchesters, das hat sich seit dem Tango Argentino nicht geändert, steht das Bandoneon, das von Lysandre Donoso und später zusätzlich von Carmela Delgado gespielt wird, das Instrument, das in Krefeld entwi­ckelt wurde und mit Auswan­derern nach Argen­tinien kam, um dort seinen Siegeszug anzutreten. Die Strei­cher­gruppe wird von Stephen Meyer und Daniel Hurtado Jimenez an den Geigen, in der ersten Hälfte von Bartosz Korus an der Bratsche, von Guillaume Lagra­vière am Cello und eben Ariel Eberstein am Kontrabass gestellt. Mit Ivo de Greef am Klavier und in der zweiten Hälfte Alejandro Schwarz an der E‑Gitarre ist das Ensemble komplett.

Das Octeto La Plata beginnt an diesem Abend ausge­rechnet mit zwei der bekann­testen Werke Piazzollas, Nonino und Tango del Angel. Es folgt A Horazio Paz von dem einzigen noch lebenden Kompo­nisten des Abends, Enrique Lammoo. Mit Nostalgico von Julian Plaza gibt es ein reines Strei­cher­stück, und nach Armando Pontiers A Los Amigos die einzige Kompo­sition von Rovira, Preludio La Guitarra Abandonada. Einen höchst gelun­genen Spaß erlaubt sich De Greef, wenn er das Fanta­sie­stück opus 73 von Robert Schumann als Tango arran­giert. Das kommt beim Publikum gut an, und so geht es gutge­launt in die Pause.

Foto © Susanne Diesner

Was sowohl bei Piazzolla als auch bei Rovira die Hörge­wohn­heiten des Publikums im luftig besetzten Auditorium des großen Konzert­saals, in dem die Chorempore komplett verhängt ist, was durchaus eine intimere Atmosphäre schafft, heraus­fordert, ist der Unter­schied zwischen Tango Argentino und Tango Nuevo respektive Moderno. Denn beide schrieben ihre Werke mit dem Anspruch, statt eingän­giger Tanzmusik Musik zum Zuhören zu schaffen. Zwar behielten beide klassische Elemente des Tangos bei, ergänzten sie aber nicht nur mit neuen Stilmitteln, sondern bei Piazzolla auch mit neuen Instru­menten wie etwa der E‑Gitarre. Gerade bei Piazzolla gefallen auch immer wieder die eher dezenten Jazz-Einflüsse.

Auch das Octeto Buenos Aires eröffnet mit einem Stück von Piazolla, Marron Y Azul. Es geht weiter mit Pedro Maffias Tacon­bando und Arrabal von José Pascual. Des Weiteren folgen Tierra Querida von Julio De Caro, Los Marbados von Juan Carlos Cobian und El Entrer­riano von Rosendo Mendi­zábal. Für das grandiose Finale hat sich Sonico etwas Beson­deres aufge­hoben: das Tango-Ballet von Piazzola, das als einziges die Brand­at­tacke überlebt hat und vor allem durch seine Assozia­ti­ons­kraft überzeugt. 1957 kompo­nierte Horacio Salgán A Fuego Lento, einen Tango, der im Arran­gement von Piazzolla so berühmt wurde, dass der Komponist darüber beinahe in Verges­senheit geriet. Den gibt es als Zugabe für ein durchweg begeis­tertes Publikum.

Nach Hause gehen nach dem immerhin zweistün­digen Konzert die wenigsten. Denn die Verant­wort­lichen des Schumann­festes haben sich noch etwas einfallen lassen. In der Rotunde, dem Foyer der Tonhalle, findet noch eine Milonga, also eine Tango-Tanzver­an­staltung statt. Hier wird nun der Tango Argentino gespielt, der vor der Erneuerung dem Niedergang geweiht schien, aber heute gerade in der Tango-Gemein­schaft fröhliche Urständ‘ feiert, so lange es sich nicht um Anhänger des Elektro-Tangos handelt, den Gotan Project geprägt und somit die dritte Lebens­phase des Tango einge­leitet hat. Im Handum­drehen ist die Tanzfläche gut gefüllt, auch wenn die Musik nur aus der Konserve kommt. Wer sich nicht zum Tanz berufen fühlt, nimmt gern noch mit einem Getränk auf den Stufen des atrium­ar­tigen Runds Platz. Wer es bis hierhin geschafft hat, erlebt echte Festival-Atmosphäre und wird diesen Abend sicher nicht so schnell vergessen.

Michael S. Zerban

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