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Londoner Trost

EIN DEUTSCHES REQUIEM
(Johannes Brahms)

Besuch am
30. März 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Projektchor Düsseldorf in St. Adolfus, Düsseldorf

Zum Deutschen Requiem von Johannes Brahms scheint alles Wichtige längst gesagt. Was vor allem daran liegt, dass es zu den belieb­testen Werken bei den Chören gehört. Großes Orchester, großer Chor, zwei Solisten – alles ist da, was zum Renommee des Chors nach landläu­figer Meinung beitragen kann. Wie schön, dass Brahms nicht einmal ein richtiges Requiem, also eine Toten­messe, kompo­niert hat, wie der Titel vortäuscht, sondern eher ein Trost­gebet ganz ohne Jesus Christus. Und schön auch, dass der Komponist mit dem Begriff des „Deutschen“ eher unglücklich war, da gibt es nicht einmal den Verdacht eines Natio­na­lismus. Also alles bestens, um das Werk immer und immer wieder aufzuführen.

Auch der Projektchor Düsseldorf unter Leitung von Stephan Hahn möchte sich in diesem Jahr die Zitaten­sammlung aus dem Alten und Neuen Testament in der Fassung der Luther-Bibel auf die Fahnen schreiben und musika­lisch verkünden. Aller­dings will Hahn einge­tretene Pfade verlassen und kündigt die Fassung mit zwei Flügeln und Pauke an. Eine nicht reprä­sen­tative, im Vorfeld unter­nommene Befragung im Bekann­ten­kreis zeigt, dass die meisten Menschen zwar zumindest etwas mit den Begriffen Brahms-Requiem oder Ein deutsches Requiem anfangen können. Wenn man aber die Fassung für zwei Flügel erwähnt, setzt großes Staunen ein. 1868 vollendete Brahms sein heute bekann­testes Werk, dessen erste drei Sätze Anfang Dezember 1867 durch den Wiener Singverein in einem Konzert der Gesell­schaft der Musik­freunde in Wien urauf­ge­führt wurde. 1869 verfasste Brahms ein vierhän­diges Klavier­ar­ran­gement, das ursprünglich für das heimische Musizieren gedacht war, dann aber als Grundlage für die erste Aufführung des Werks in London 1871 diente. So entstand die Londoner Fassung, die sich bis heute nicht durch­setzen konnte. Zu Unrecht, wie der Projektchor am späten Sonntag­nach­mittag beweisen will.

Stephan Hahn – Foto © Michael Zerban

1898 entworfen und bis 1913 fertig­ge­stellt, wurde die Kirche St. Adolfus im Düssel­dorfer Stadtteil Pempelfort 1944 fast vollständig zerstört. Seit 2005 gibt es sie in ihrer heutigen Form und dient dem Projektchor als regel­mä­ßiger Auffüh­rungsort. Statt des gewohnten Kölner Orchesters sind nun zwei Flügel mittig vor dem Altarraum aufge­stellt, recht­erhand haben drei Pauken Platz gefunden. Positiver Neben­effekt: Der Chor rückt subjektiv empfunden näher an das Mittel­schiff und damit an das zahlreich erschienene Publikum heran.

An den Flügeln sitzen Lea Young-Kyung Song und Hyunju Kim. Erstere ist in Südkorea geboren, studierte bis zum Bachelor an der Staats­uni­ver­sität Hanyang in Seoul, ehe sie an der Musik­hoch­schule Köln ihr Konzert­examen erwarb. Heute arbeitet sie ebendort als festan­ge­stellte Lehrkraft. Auch Hyunju Kim absol­vierte ihr Bachelor-Studium an der Staats­uni­ver­sität in Seoul, ehe sie ihr Master­studium in Köln beendete. Beide legen den Grund­stein für ein ungewöhn­liches wie faszi­nie­rendes Konzert. Sie entfesseln Klang­farben, die man im Orchester sonst nicht hört. Großartig, wie sie sich zunächst samten, satt und warm auf die Seligkeit einlassen, um später den Chor zu unter­stützen, ohne sich in den Vorder­grund zu drängen. Es entsteht eine Intimität, in die der Chor sich mit wunder­baren Piani einschmiegt. Es ist, als träten die Sänger von der großen Plattform der Verkündung herab, um sich endlich in der Vertrautheit abseits der Öffent­lichkeit zu treffen, um ganz persönlich den geschun­denen Seelen Trost zu gewähren.

Ilho Kong – Foto © Michael Zerban

Unter­stützt wird der Chor von der Sopra­nistin Fang Cai, die ihre Ausbildung am Shanghai Conser­vatory of Music und der Musik­hoch­schule Köln erfuhr. Eindrucksvoll präsen­tiert sich Bariton Ilho Kong, der an der südko­rea­ni­schen Yonsei-Univer­sität und in Köln studierte und mit seinem Auftritt deutlich mehr für die Zukunft verspricht.

Paukist Jannis Lichtenfels, der für Steven Meinhardt aufgrund eines Trauer­falls einge­sprungen ist, lässt sich nicht zu donnernden Inter­mezzi verleiten, sondern fügt sich mit viel Feingefühl in das Gesamt­ge­schehen ein. Vorne dran steht Hahn, der mit seinem Dirigat allum­fassend motiviert und für Ausge­wo­genheit sorgt.

Auch die Londoner Fassung birgt ihre Tücken, die in der Größe der Orches­ter­fassung gern zu überspielen versucht werden. Der Projektchor liefert eine Version ab, die man nicht alle Tage hört, die aber die Seele angreift. Da verwundert es nicht, dass das Publikum von den Sitzen aufspringt, um die Akteure begeistert zu feiern. Hahn hat hier eindeutig einen Meilen­stein in der Auffüh­rungs­praxis gesetzt.

Im November wird sich der Projektchor mit einem Benefiz­konzert unter dem Titel Serenata Italiana zurück­melden, in dem dann Werke beispiels­weise von Puccini und Verdi zu hören sein werden. Nach dem heutigen Ereignis darf man mit großer Vorfreude auf das Jahresende schauen.

Michael S. Zerban

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