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EIN SOMMERNACHTSTRAUM
(Benjamin Britten)
Besuch am
24. April 2019
(Premiere)
Was für ein Abend! Überraschend, fantasievoll und lebhaft. Um nur mal die wichtigsten Attribute vorwegzunehmen. Wie üblich ist der Partika-Saal der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf zur Premiere der einmal jährlich stattfindenden Opernaufführung ausverkauft. Auf dem Programm steht in diesem Jahr Ein Sommernachtstraum von Benjamin Britten.
Man achte auf die Feinheiten. Gegeben wird das Stück nicht in der englischen Originalsprache, sondern auf Deutsch. Und schon kann die herrliche Diskussion fortgesetzt werden, die in Deutschland seit vielen Jahrzehnten mit wechselnder Leidenschaft geführt wird. Ihre Blütezeit erlebte die deutschsprachig aufgeführte Oper aus anderen Ländern in den 1950- und 60-er Jahren. Zahlreiche Aufnahmen aus dieser Zeit belegen, dass es durchaus Sinn machte, die fremdsprachigen Opern einem deutschen Publikum in der eigenen Sprache näherzubringen. Allerdings gab es auch durchaus Ausrutscher bei allzu mutwilligen Übersetzungen. Und Benjamin Britten respektive sein Lebensgefährte und Librettist Peter Pears klingen auf Englisch eindeutig eleganter. Wer aber mal durch das Internet streift, wird erstaunt sein, wie viele Menschen deutschsprachigen Opern nachtrauern. Denn Übertitel sind schön und gut, auch darüber kann man vortrefflich streiten, aber spätestens im Radio ist Schluss. Aus pädagogischer Sicht ist es ohnehin sinnvoll, dass sich die Gesangsstudenten mit der deutschen Sprache auseinandersetzen. Zumindest nebenbei. Denn sie haben auch sonst allerlei zu tun, um die opulente Aufführung über die Bühnen zu bringen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Marcus Lobbes hat sich einiges einfallen lassen, um mit geringem Budget eine Aufführung zu inszenieren, die manches Opernhaus vor Neid erblassen lassen dürfte – wenn es überhaupt die Möglichkeiten hätte, die Räume so zu nutzen, wie Lobbes sich das ausgedacht hat. Er bespielt kurzerhand den ganzen Raum, ständig gut ausgeleuchtet von Volker Weinhart. In der Mitte des Saals ist eine Plattform aufgebaut, die als zentraler Anlaufpunkt für das Geschehen dient, das sich durch den gesamten Saal einschließlich der oberen Empore bewegt. Der Clou ist die Anordnung des Orchesters. Die Musiker werden auf verschiedene Stationen rund um die Plattform verteilt. Die Idee eines ganz neuen räumlichen Klangs besticht. Hinter der Plattform liegt im ersten und zweiten Akt ein Holzgestell, von dem eigentlich schon klar ist, dass es später das Theater der Handwerker werden wird. Aber hier gibt es keine Bühnenarbeiter, also müssen die Studenten selbst für den Aufbau sorgen. Großartig, ihnen dabei zuzusehen. Angehende Opernsänger, die nicht auf vornehm tun, sondern mit Herzenslust den Bühnenaufbau übernehmen. Das nennt man wohl von der Pike auf lernen. Ähnliches gilt auch für Maske und Kostüme. Miriam Grimm hat fantasievolle Kostüme irgendwo in der Zeitlosigkeit entwickelt. Die Hauptakteure dürfen sich auf ihre einmal festgelegten Kostüme verlassen. Oberon bekommt einen extrem schlechtsitzenden Anzug, warum eigentlich, Titania wird das Kleid angegossen und die beiden Paare sind in typgerechte Kostüme gekleidet. Die Handwerker allerdings haben wie der Chor alle Hände voll zu tun, ihre Kostüme und Masken selbst herzurichten. Wer das einmal erlebt hat, wird in Zukunft mit einem anderen Verständnis von Kostüm- und Maskenbildnerei umgehen. Der Aufwand ist enorm. Und die jungen Leute sind mit Feuereifer dabei.

Das gilt auch für den Gesang und das Schauspiel. Sieht man von der miserablen Akustik ab, die nahezu jede Textverständlichkeit verbietet, zeigen die Studenten auch in diesem Jahr einen Reifegrad, der Respekt abnötigt. Zugegeben: In der Premiere hat die Opernklasse die Crème de la crème aufgeboten. Aber das ist ja legitim. Christina Blaschke hat ihren Bachelor abgeschlossen und das Masterstudium bei Juliane Banse aufgenommen. Sie übernimmt als Mezzosopran die Countertenor-Rolle des Oberon, überzeugt in anspruchsvollem Gesang und Darbietung. Als Titania gibt Anna Rabe eine sehr gelungene Kostprobe ihres Könnens als Koloratursopran. Auch sie hat den Masterstudiengang aufgenommen und bleibt unter den Fittichen von Konrad Jarnot. Eine sehr gute Entscheidung, obwohl sie bereits mehrere attraktive Rollenangebote verzeichnen kann. Das Paar Lysander und Hermia bietet ebenfalls großes Potenzial, denn Bryan Lopez Gonzalez und Eva Marti stehen beide kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiengangs. Das gilt auch für Demetrius und Helena. Sophia Bauer schließt jetzt ihren Master bei Anja Paulus ab, William Drackett bei Jarnot. Bei allen vieren darf man auf große Karrieren hoffen, auch ohne, dass sie sich vorher in Opernstudios verschleißen müssen. Das nächste große Talent zeichnet sich mit Tomas Kildišius ab, der als Zettel einen ganz großen Auftritt absolvieren kann, auch er ist Jarnot-Schüler. Bis in die kleineren Rollen darf das Publikum sich hier stimmlich und darstellerisch verwöhnen lassen. Insbesondere beim Auftritt des Handwerker-Theaters sorgen die Darsteller noch einmal für ein ganz außergewöhnliches Vergnügen. Und mit Jonas Gruber ist ein Puck gefunden, der den Elfen mit köstlicher Finesse ausstattet.

Wenn eine Hochschule schon nicht mit großartigen Budgets hantieren kann, ist sie immerhin personell in der Lage zu protzen. Das gilt nicht nur für die Sänger, sondern auch für das Orchester. Hier bekommt man die Zukunft in satter Besetzung zu hören. Mit der Aufteilung auf verschiedene Stationen, die während der Aufführung auch noch wechseln, ist vor allem der Dirigent, Thomas Gabrisch, Leiter der Opernklasse, besonders herausgefordert. Vor allem, als die Kamera vorübergehend ausfällt, die die Monitore für die Sänger versorgt. Aber Gabrisch glänzt. Es gibt wenige Dirigenten, die so engagiert in der Lage sind, die Balance zwischen Sängern und Orchester herzustellen, um trotz widriger Umstände einen hervorragenden Klang zu produzieren. Hier ist Britten noch einmal in einer völlig neuen Qualität zu erleben. Das Orchester dankt die herausragende Leitung mit hoher Konzentration und der geringstmöglichen Anzahl an Fehlern.
Das Publikum dankt den Darstellern und dem Orchester mit seinem musikalischen Leiter für einen außerordentlich kurzweiligen Abend, der mit vergleichsweise geringen Mitteln großen Eindruck hinterlässt. Lobbes hat hier mit seinen theatralischen Mitteln einen deutlichen Fußabdruck gesetzt. Aber das hätte er ohne das Engagement der Studenten nicht geschafft.
Michael S. Zerban