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DER EINDRINGLING – EINE AUTOPSIE
(Helena Waldmann)
Besuch am
29. November 2019
(Premiere)
Angst ist einer der verlässlichsten Schutzmechanismen, die wir überhaupt kennen. Wann immer etwas Neues, Unbekanntes auf uns zukommt, reagieren wir ängstlich. Und das bedeutet, die Körperfunktionen beschleunigen sich, der Verstand wird wach und stellt sich auf Abwehr ein. Das ist gesund, ja, überlebensnotwendig. Dabei ist völlig egal, ob es sich um ein uns unbekanntes Insekt handelt, das wir mit einem Fußtritt zermalmen könnten, um fremde Menschen oder gar gesellschaftliche Veränderungen. Die Frage ist, ob wir als Menschen über ausreichende Intelligenz verfügen, den Reflex zu überwinden, und mit Veränderungen überlegt umgehen.

Ob und wie das funktionieren kann, untersucht Helena Waldmann in ihrem neuesten Stück Der Eindringling – eine Autopsie, das am 8. Juni dieses Jahres im Ludwigshafener Theater im Pfalzbau zur Uraufführung kam. Jetzt zeigt das koproduzierende Düsseldorfer Forum Freies Theater das knapp einstündige Werk in den Kammerspielen auf der Jahnstraße. Waldmann greift in ihrer Choreografie auf Elemente aus Kampf- und Ballettkunst zurück. Drei junge Männer und ein Sänger teilen sich den Platz auf der Bühne, wobei der Sänger chorische Funktion übernimmt und der „Eindringling“ von der Mehrheit bekämpft, argwöhnisch betrachtet, seziert wird. Schutzpolster aus dem Kampfsport übernehmen Panzerfunktion. Solche Panzer kann man aufbrechen, und so sind auch zaghafte bis intensive Annäherungen nicht ausgeschlossen. Judith Adam hat einfache, aber zweckdienliche Kostüme entwickelt, die jeweils nur aus Kasack und einfach geschnittener Hose bestehen. Herbert Cybulska setzt mit seinem Licht dramatische Effekte, ohne die Sichtbarkeit zu nehmen. Für zusätzliches Licht sorgt das Video-Team Anne und Michael Saup, die die Bildträger als Waffe, Scanner oder Durchleuchtungsgerät einsetzen. Das wirkt etwas plakativ, vor allem, wenn es um die Autopsie geht, ist aber dank des guten Einfalls akzeptabel.
Auch wenn die Kampfszenen mitunter etwas unpräzise wirken, geraten die Bühnenakteure ordentlich in Schweiß. Tillmann Becker, Telmo Branco, Mattia Saracino und Ichiro Sugae glänzen mit engagiertem Auftritt. Allein die Stimme des Sängers, der die Handlung mit viel außergewöhnlicher Lautmalerei kommentiert, lohnt den Abend. Amüsant ist auch die Verwandlung des Eindringlings nach ausführlicher Analyse in ein fremdes Wesen. Darüber darf man gern einen Moment länger nachdenken.
Gerade die Kampfszenen bieten Gelegenheit für dramatische musikalische Effekte. Jayrope hat die musikalische Leitung inne. Von der Festplatte ertönen unter anderem Ausschnitte aus Stücken von Jerry Goldsmith, Jean-Philippe Rameau und Astor Piazzolla, aber auch Eigenkompositionen sorgen für die rechte Untermalung.
Sieht man von einigen unwesentlichen Längen ab, hat Waldmann einen unterhaltsamen Abend mit schönen Einfällen geschaffen. Das Publikum in den kärglich besuchten Kammerspielen ist begeistert. Nach der Vorstellung wird, wie so oft im Forum Freies Theater, noch ein Publikumsgespräch angeboten. Ein schöner Service, auch wenn man mit dem Gefühl aus der Aufführung geht, es sei eigentlich alles gesagt, pardon, getanzt.
Michael S. Zerban