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ERÖFFNUNGSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
28. September 2024
(Einmalige Aufführung)
Wir wollen das Wir-Gefühl im Festival stärken“, erzählt Herbert Ludwig, der 18 Jahre lang das Internationale Düsseldorfer Orgelfestival leitete, das er selbst ins Leben rief. Inzwischen ist er der Präsident des Festivals, nachdem er im vergangenen die Intendanz offiziell an die Pianistin Frederike Möller übergeben hat. Tatsächlich fand der Übergang fließend statt, um im bewährten Konzept des Festivals keine Brüche entstehen zu lassen. Und es ist nicht wirklich so, dass Ludwig an dem neuen Titel etwas liegt, aber die über viele Jahre erarbeiteten Kontakte, die an seine Person gebunden sind, sollen weiter funktionieren. Selbstverständlich ist er auch mit dabei, wenn das IDO, wie das Festival liebevoll von seinen Mitarbeitern genannt wird, zum Empfang vor dem Eröffnungskonzert zur 19. Ausgabe einlädt. Aber wie nun das Wir-Gefühl stärken? Mit so einem Empfang vermutlich nicht. Sondern eher, indem man etwas gemeinsam unternimmt. Also geht es nach dem Empfang vom Gemeindezentrum in die Evangelische Petruskirche im Düsseldorfer Stadtteil Unterrath.

Foto © O‑Ton
Dass die 1959 in Betrieb genommene Kirche für das Eröffnungskonzert ausgewählt wurde, hat seinen Grund. Geht es nach den Plänen der Festivalleitung, soll sie in den nächsten Jahren zum „Campus“ des Festivals werden. Schließlich bietet die Stadtteilkirche ausreichend Raum, um dort Veranstaltungen mit hundert Bläsern oder einer Big Band durchzuführen. Schließlich sei es kein Problem, dort mehr als 500 Besucher zu empfangen, berichtet Ludwig. Um die 150 Besucher sind zur Festival-Eröffnung gekommen. Und das ist das Schöne an dem Kirchenraum: Er wirkt auch dann noch anheimelnd, wenn etliche Plätze leer bleiben. Dabei ist selbst auf der „Bühne“, also im Altarraum, wenig los. Der Spieltisch der Orgel steht ein wenig erhöht, ebenerdig ist ein Konzertflügel aufgestellt, auf dem ein rotes Toy-Piano platziert ist. Das feierliche Konzert mit befracktem Orchester fällt demnach aus. Vielmehr gibt es ein Mitsing-Konzert. Am Eingang hat ein Großteil der Besucher die Liedtexte erhalten. Obwohl es denkbar ungezwungen zugehen soll, wird auf eine Besonderheit des Festivals nicht verzichtet.
Es dauerte viele Jahre, bis Ludwig sich einen Traum erfüllen konnte. Nach einem Besuch der Salzburger Festspiele stand für ihn fest, dass sein Orgelfestival auch eine Fanfare brauchte. Hochschullehrer und Kirchenmusikdirektor Matthias Nagel ließ sich mit der Komposition viel Zeit, aber 2018 ertönte die IDO-Fanfare zum ersten Mal. 103 Blechbläser und eine Orgel ließen sie auf den Tag genau vor sechs Jahren erklingen. Heute muss die Orgel reichen – die Bläser kommen erst später im Festival – aber ungeachtet dessen klingt die eine Minute 20 Sekunden dauernde Sequenz großartig. Dann wird es „familiär“. Hemdsärmelig sitzt Hans-André Stamm an der Orgel, während Intendantin Frederike Möller die Leitung des Abends in lockerem Ton übernimmt.
Das Wandern ist des Müllers Lust ist ein guter Auftakt, ist hier doch das Publikum überwiegend im mittleren bis fortgeschrittenen Alter. Da kann man davon ausgehen, dass es auch ohne gedruckte Liedtexte geht. Und so ist es auch. Mit der Loreley verhält es sich ähnlich. So reichen die zarten Töne des Toy-Pianos in Verbindung mit der Orgel für die musikalische Untermalung vollkommen aus. Und schon steht die zweite Überraschung ins Haus, nachdem Stamm zugeben musste, dass er seine Noten vergessen hat. Stattdessen hat er noch einen Gast mitgebracht. Es ist der Moldawier Dorian Gheorghilas, der seit seinem zwölften Lebensjahr die Panflöte bearbeitet, studiert hat und sie virtuos beherrscht. Zwischen dem, was man aus Fußgängerzonen kennt, und dem, was Gheorghilas darbietet, liegen Welten. Mit Stamm trägt er das traditionelle rumänische Volkslied Cantecul lui Lancu – das Lied von Lancu – vor.

Foto © O‑Ton
Möller hat inzwischen am Konzertflügel Platz genommen, um die nächste Mitsingrunde mit Stamm zu übernehmen. Der Sprung in die „Gegenwart“ ist erstaunlich, wird aber vom Publikum mit größter Freude aufgenommen. Nicht Schubert, Schumann oder Wolf stehen auf dem Programm, sondern Udo Jürgens hat das Lied Immer wieder geht die Sonne auf geschrieben. Spätestens ab diesem Zeitpunkt geht es nicht mehr um die große Kunst, sondern um den Spaß an der Musik. Bei Über den Wolken von Reinhard Mey geraten gar die Vorstellungen von Rhythmik und Betonung des Gesangs aus dem Ruder. Aber wen interessiert denn das? Alle machen mit, singen nach eigenen Kräften und fühlen sich in der Menge pudelwohl. „Wir“ eben.
Stamm und Gheorghilas zeigen anschließend, was Geschwindigkeit in der Musik bedeutet. Mit Hora staccato von Grigoraş Dinicu geht es ordentlich zur Sache. Und hier ist jetzt kein Platz mehr für Ungenauigkeiten. Brillant gespielt, ehe sich Möller und Stamm einmal mehr kebbeln, wer denn nun das Vorspiel übernimmt oder warum man einfach noch mal anfangen soll, weil der andere nicht erkannt hat, wann sein Einsatz erfolgt, oder Möller an anderer Stelle das Lied erst gar nicht erkennt. Herrlich. Lockerleicht geht es mit dem Dauerbrenner von Jürgens weiter, gern auch weiter neben der Spur. Ich war noch niemals in New York klang bei Udo Jürgens wehmütig oder vielleicht sehnsüchtig, in Unterrath tönt es ohne Belang, aber gemeinschaftlich. So geht es auch weiter mit Hildegard Knefs Für mich soll’s rote Rosen regnen. Jeder macht mit, ob bei Stimme oder nicht. So soll es sein, und da können einem trotzdem „sämtliche Wunder begegnen“.
Mit dem Säbeltanz von Aram Katschaturjan setzen Gheorghilas und Stamm einen weiteren Höhepunkt im Vorspiel, bevor die Besucher bei Yellow Submarine von den Beatles und Aber bitte mit Sahne wieder mitmachen dürfen. Nachdem die Damen aus der Konditorei zu Grabe getragen sind, darf Stamm mit seinem Orgel-Solo Occitania beeindrucken.
Im vorletzten Mitsing-Block geht es um die Nacht. Dabei gestattet sich Möller mit Guten Abend, gute Nacht noch einen Rückgriff auf die Romantik, die sie auch in der Zugabe noch einmal aufgreifen wird. Strangers in the Night von Bert Kaempfert fällt erstaunlich kurz aus und Gute Nacht, Freunde von Reinhard Mey wiederum reichlich flach.
Gheorghilas fängt es mit der Badinerie aus der 3. Orchestersuite von Johann Sebastian Bach wieder auf, treibt die Stimmung mit Il Condor Paso ganz weit nach oben und sorgt mit Ciocarlia – die Lerche – für viel Heiterkeit, weil hier Vogelstimmen imitiert werden.
Bei Dancing Queen von Abba passen viele Besucher, und auch die deutsche Version von My Way, für deren Popularität einst Harald Juhnke sorgte, bewirkt ein zurückhaltendes Mitsingen.
Statt großer Sinfonie oder brausender Orgelklänge hat Möller in ihrem Eröffnungskonzert andere Maßstäbe gesetzt. Und wenn man daraus eine Botschaft für die folgenden 49 Konzerte ableiten möchte, könnte man sie vielleicht so formulieren: Wir werden im bevorstehenden Festival viel Spaß haben, Überraschendes erleben, aber vor allem werden wir zusammen den Zauber der Musik in der Gemeinschaft genießen. Es gibt schlechtere Aussichten auf ein Festival.
Michael S. Zerban