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EVA UND ADAM
(Juliana Hendes)
Besuch am
2. November 2018
(Premiere am 22. September 2018)
Bürgerbühne heißt in Düsseldorf, dass das Schauspielhaus Düsseldorfer Bürger für ein Thema auswählt, sich ihre Geschichten erzählen lässt und daraus ein Stück unter professioneller Leitung entwickelt. Bislang im Wesentlichen ein Erfolgsmodell. Jetzt präsentiert die Bürgerbühne ihr neuestes Projekt: Eva und Adam – Tatsachen über Frauen und Männer und alles dazwischen. Das dazwischen lässt selbst Feministinnen aufhorchen. Und so ist nach rund einem Monat nach der Premiere auch an diesem Abend die Tribüne der kleinen Bühne im Central, der Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, nahezu voll besetzt. Zu Recht.
Ausgehend von der scheinbar abstrus erscheinenden Idee eines Paares, heiraten zu wollen, entwickelt Juliane Hendes eine bunte Mischung von Gender-Fragen – und schrammt dabei mehr als einmal gerade noch so am Boulevard-Theater vorbei, wenn sie die Figuren viel zu oft Plattitüden aufsagen lässt, obwohl dazu keine Notwendigkeit besteht. Ansonsten versammelt sie eine wilde Mischung von Fakten, Vermutungen und Mythen, eben die Geschichten der Düsseldorfer Bürger. In einer Sauna treffen die verschiedenen Weltanschauungen aufeinander. Zunächst scheinbar sauber getrennt nach Geschlechtern. Diese strikte Einteilung wird allerdings zügig aufgehoben, gilt sie in der Gegenwart doch längst nicht mehr. Und so müssen nicht nur die Darsteller alsbald erkennen, dass nicht nur die biblische Darstellung von Eva und Adam ihre Tücken hat, sondern auch die Vorstellung von zwei Geschlechtern einer auf Vereinfachung getrimmten Vergangenheit angehört. Neue Lebensmodelle sind ebenso im Angebot wie die billigen Sprüche von Männern gegen Frauen, immer wieder aber auch der religiöse Rückgriff. Klingt wirr? Ist es auch.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Christof Seeger-Zurmühlen schafft als Regisseur daraus ein dialoglastiges Stück, das unter seiner Personenführung ausreichend optische Vielfalt bietet, die es zum Vergnügen werden lässt. Insbesondere die „Besetzungscouch“ hat hervorragend funktioniert. Wunderbar, wie viel einzigartige Menschen es in der rheinischen Landeshauptstadt gibt. Und Glückwunsche an Seeger-Zurmühlen, dass er sie wie Perlen aus dem Flussgrund, nein, aus den verschiedenen Stadtteilen ausgräbt und sie auch so präsentiert. Kirsten Dephoff hat ihm dafür das Panorama zur Verfügung gestellt. Eine bunte Bühne, in deren Mittelpunkt eine Sauna steht, die immer wieder durch den Raum verschoben wird. Zahlreiche Requisiten wie übergroße Blütenstängel, Birkenreiser, Bäume, Palmen, Handtücher oder ein Eiszuber bereichern das farbenfrohe Treiben, in dem sich die Darsteller in stimmigen Kostümen bewegen. Ein gewickeltes Handtuch ist das Hauptmotiv, das sich durch die Aufführung zieht. Dazu Flipflops und Bademäntel. Parallel zu den „Saunagästen“ gibt es ein stummes Paar, das mit kampfsportlichen Einlagen so etwas wie das fitnessorientierte Idealpaar heutiger Tage verkörpert. Konstantin Sonneson taucht das Ganze in ausreichendes Licht, schafft die Wechsel mitunter etwas abrupt, aber damit kann man leben.

Das Stück lebt eindeutig von seinen Darstellern, und dass sie bisweilen nicht ganz textsicher sind, ist angesichts der Textfülle für Laien vollkommen nachvollziehbar. Ansonsten gibt es hier wirklich großartige Darsteller zu erleben, die in ihrer Perfektion schon beängstigend gut sind. Im Vordergrund steht Tan Hao Chi. Der Musikstudent mit dem androgynen Aussehen hat nicht nur weise Texte, sondern auch Gesang auf Lager. Eins rauf mit Mappe, hätte man früher gesagt. Frida Stein ist die Braut, die eigentlich nur Erholung inmitten des Hochzeitsvorbereitungsstresses braucht, aber zunehmend in Zweifel gerät. Die 24-jährige Theologie-Studentin überzeugt mit Sprachwitz, Verstand und ihrer Erscheinung. Ihr Adam ist der 35-jährige Personalsachbearbeiter Christian Peters, der glaubhaft männliche Schwäche für sich reklamiert. Aaron Disselhoff ist Student der Anglistik und des Fachs Modernes Japan. Der 21-Jährige hat eine wunderbare Textrolle, darf er doch höchst intelligent und eloquent über die Gleichberechtigung und den Feminismus diskutieren. Skeptisch steht im die 32-jährige Lehrerin Eva Wiemers gegenüber, die in ihrer Selbstüberzeugung erstickt. Aber das macht sie überzeugend. Andrea Büchter macht mit ihren 60 Lebensjahren eine überzeugende Figur, vor allem, weil die Kommunikationstrainerin ihren Standpunkt verteidigt. Mindestens ebenso sehr begeistert Godehard Altenvoerde, der als Dienstältester eine Ehe ohne Kinder als ebenfalls gültiges Lebensmodell verteidigt und als Facharzt für Nuklearmedizin die Absurdität, Eva sei aus Adams Rippe entstanden als – um das Modewort zu verwenden – Fake entlarvt. Lehrer Gabriele Avanzinelli muss mit seinen 43 Jahren etliche ambitionierte Tanzeinlagen in der Sauna absolvieren. Ach ja, schwul ist er auch. Aber wen interessiert das heute noch? Eine ganz besondere Rolle spielt die 18-jährige Schülerin Karina Oschlykow. Mit wenig Text, den sie exzellent beherrscht, darf sie sich zu Anfang exaltiert in der Bewegung geben, zum Ende hin geradezu ätherisch Walzer tanzen. Scheinbar weltentrückt, interessiert sie sich nicht für Feminismus, sondern für aufregende Männer. Wenn wir sie später in einer Bilitis-Neuauflage erleben werden, wird das jeder für das Selbstverständlichste auf der Welt halten. Stumme Rollen haben die 30-jährige Antonia Eggeling und der 29-jährige Joshua Lübke. Sie ist Kampfkünstlerin, er Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuktechnik, beide sind sportverliebt. Und beide erfüllen sehr gekonnt Klischees, die sie für die Rollen prädestinieren.
Bojan Vuletić hat neben den gekonnten Gesangseinlagen von Tan Hao Chi für das Stück vor allem Pausenmusik komponiert, die eingängig von Teng Xiao am Klavier im Wechsel mit Musik vom Band präsentiert wird. Das ist stimmig und fügt sich in das Gesamtkonzept nahtlos ein.
Abgesehen von den Ausrutschern ins Boulevardeske bieten Seeger-Zurmühlen und sein Team einmal mehr ein Stück Bürgerbühne, das in der Machart nicht nur aller Ehren wert ist, sondern vor allem fantastische Laiendarsteller wirkungsvoll zur Geltung bringt. Das findet auch das Publikum, das langanhaltend applaudiert.
Michael S. Zerban