O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Anne Van Aershot

Minimale Musik, maximale Spannung

FASE, FOUR MOVEMENTS TO THE MUSIC OF STEVE REICH
(Anne Teresa De Keersmaeker)

Besuch am
9. November 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf, Großer Saal

Dank zahlreicher Koope­ra­tionen ist dem Tanzhaus NRW in Düsseldorf mal wieder ein echter Coup gelungen. Und an einem solchen Tag darf auch mal alles passen. Pünktlich öffnen sich die Türen zum Großen Saal, um das zahlreich erschienene Publikum recht­zeitig einzu­lassen, und fast pünktlich beginnt eine ganz besondere Aufführung.

Den 18. März 1982 wird Anne Teresa De Keers­maeker ihr Leben lang nicht vergessen. Zwei Jahre zuvor hatte sie ihre erste Choreo­grafie, Asch, präsen­tiert, danach ein Jahr lang in New York ihre Studien fortge­setzt. Zurück in Brüssel, zeigte sie ihre zweite Choreo­grafie mit 21 Jahren. Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich wurde ihr Durch­bruch. 38 Jahre lang sollte sie diese Choreo­grafie selbst tanzen – und sie ganz nebenher zu so etwas wie einer lebenden Legende befördern. Im vergan­genen Jahr entschied De Keers­maeker, ihre Rolle an eine Nachfol­gerin aus ihrer Compagnie Rosas abzugeben.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Jetzt kommt also genau dieses Stück auf die Bühne im Großen Saal des Tanzhauses NRW. Die Bühne ist leer. Die rückwärtige Wand ist für Projek­tionen präpa­riert. Piano Phase wird das erste Duo mittels einge­blen­deter Schrift angekündigt. 1967 unternahm Steve Reich mit diesem Stück einen seiner ersten Versuche zur Phasen­ver­schiebung. Auf Klavier und Tonband, später auf zwei Klavieren, werden minima­lis­tische Töne permanent wiederholt und variiert. So entsteht der Eindruck hohen Tempos bei schein­barem Still­stand. Hämmernd dröhnen die Töne in Düsseldorf vom Band. De Keers­maeker übernimmt das Prinzip der Phasen­ver­schiebung für den Tanz. Dabei wählt sie bewusst sparsame, ja, beinahe schon kindhafte Körper­be­we­gungen, die ihren Reiz durch den Aufbau der Körper­spannung gewinnen. Laura Bachman und Soa Ratsi­fan­drihana sind perfekt aufein­ander einge­spielt. Ihre Sommer­kleidchen unter­streichen den Eindruck des Kindlichen, während die immer gleichen Bewegungs­ab­läufe mal synchro­ni­siert, mal in kleinen, schon fast unmerk­lichen Änderungen ein Höchstmaß an Dynamik ausstrahlen. Remon Fromont stellt die Tänze­rinnen in Schein­wer­fer­licht, das die Symmetrie des Tanzes als Schat­tenwurf auf die Projek­ti­ons­fläche unterstreicht.

Foto © Anne Van Aershot

Der reizvolle Wider­spruch zwischen der Dynamik der Körper und der schein­baren Statik in Musik und Geschehen wird im nachfol­genden Stück Come out noch verstärkt, wenn die Tänze­rinnen sich im Hosen­anzug mit High Heels auf zwei Barho­ckern im schumm­rigen Licht zweier Barlampen wieder­finden. In dem Werk, das ein Jahr vor Piano Phase entstanden war, experi­men­tierte Reich mit einem gespro­chenen Zitat, das er ständig wieder­holte, splittete und schließlich in einen Kanon münden ließ. An die beiden Hochstühle gebunden, bleibt die Dynamik der Bewegungen ungebrochen.

Das Solo zu Violin Phase, ebenfalls 1967 kompo­niert, ist an die dritte Stelle der Choreo­grafie gerückt, war ursprünglich der Ausgangs­punkt zum Werk. So verliert es etwas an Bedeutung, und das ist auch gut so. Auch wenn die geschil­derten Bewegungs­ele­mente hier bereits Eingang finden, ist dem Tanz im Licht­kreis anzusehen, dass es dem Können einer 21-jährigen Autodi­daktin entsprungen ist. Das Fehlen von Dupli­zität und Gegen­läu­figkeit der Partnerin nehmen dem Stück von der Spannung. Und schließlich sorgt der eine oder andere Hüpfer für Lacher beim Publikum, wenn dabei ein völlig unpas­sender, strah­lend­weißer Schlüpfer unter dem Sommer­kleidchen von Ratsi­fan­drihana sichtbar wird.

Von Clapping Music aus dem Jahr 1972 erzählt man sich, dass Reich die Idee dazu in einem Brüsseler Flamenco-Club bei einer Jam Session nach dem eigenen Konzert gekommen sei. Auch hier wendet er wieder das Prinzip der Phasen­ver­schiebung an, wenn er zwei Perkus­sio­nisten einen minimalen Grund­rhythmus klatschen lässt und die Wieder­ho­lungen gegen­ein­ander verschiebt. Für Bachman und Ratsi­fan­drihana willkommene Gelegenheit, ein letztes Mal die einst wegwei­sende Körper­sprache von De Keers­maeker zu zeigen und sich dabei dieses Mal aus der örtlichen Statik zu lösen.

Bis heute gilt Fase als Meilen­stein des zeitge­nös­si­schen Tanzes. Und das Publikum zeigt, dass die Choreo­grafie bis heute nichts von ihrer Faszi­nation verloren hat. Es kommt im Tanzhaus NRW nicht so oft vor, dass die Besucher sich mit stehendem Applaus bedanken und die Tänzer so oft auf die Bühne zurück­holen. Ein großer Abend, der Appetit macht auf die Choreo­grafie Bartók/​Beethoven/​Schönberg, die Anne Teresa De Keers­maeker am kommenden Wochenende im Tanzhaus zeigen wird.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: