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Foto © O-Ton

Klänge der Großstadt

FERNES RAUSCHEN TIEF IM OHR
(Diverse Komponisten)

Besuch am
15. Februar 2024
(Urauf­führung)

 

Rhein­stimmen-Ensemble im Weltkunst­zimmer, Düsseldorf

Dieter Schnebel ist in Lahr im Schwarzwald 1930 geboren und 2018 in Berlin gestorben. Sein Studium der Theologie, der Philo­sophie und der Musik­wis­sen­schaften absol­vierte er in Freiburg und Tübingen. Schon früh war er zu Gast bei den Darmstädter Ferien­kursen, eine mehrwö­chige Veran­staltung, bei der Musiker die neuesten Strömungen der Musik erkunden und vermitteln wollen. In den 1950-er Jahren experi­men­tierte Schnebel mit seriellen Techniken, ehe er sich unter dem Einfluss von John Cage, den er in Darmstadt erlebt hatte, mit den experi­men­tellen Möglich­keiten für das Kompo­nieren mit Stimme, Text und Szene ausein­an­der­setzte. Aus den Jahren 1993 und 1995 stammen seine Werke Museums­stücke I und MoMA – Museums­stücke II. Bei beiden Zyklen handelt es sich um experi­men­telle Musik für eine verwin­kelte, polyphone Raumsi­tuation. Das Publikum befindet sich an einem zentralen Platz, während die Akteure oft unterwegs sind, so dass räumlich bewegte Musik entsteht. So jeden­falls beschrieb Schnebel selbst die Werke, die von Sekunden bis zu fünf Minuten dauern. Klang­bilder, die im ersten Teil unter anderem städtische Lautma­le­reien umsetzen, sich im zweiten Teil den Werken bekannter Maler widmen. Klingt sehr abstrakt, ist es auch, wenn man es nicht in einen musik­thea­tra­li­schen Rahmen verbaut.

Das Rhein­stimmen-Ensemble fällt seit seiner Gründung 2019 immer wieder mit ausge­fal­lenen Programmen auf, die sich mit dem Dialog zwischen alter und neuer Musik beschäf­tigen. Jetzt lädt es auf Basis der Schne­bel­schen Werke zu einem Großstadt­spa­ziergang in das Weltkunst­zimmer im Düssel­dorfer Stadtteil Lierenfeld ein. Der „Bacsal“, der sich an die Glashalle anschließt, ist aufwändig gestaltet. Allein die Aufstellung der Stuhl­reihen ist schon eine Glanz­leistung, die nahezu jedem Besucher freie Sicht erlaubt. Aller­dings eine Rundum-Sicht, wie sich später zeigen wird. An der Kopfwand ist eine riesige Leinwand aufge­hängt, rechts von ihr stehen Noten­pulte. Auf der linken Längswand ist Platz für eine Theke, auf der die Technik ihren Platz findet. Hinter den Stuhl­reihen ist eine weitere Theke mit reichlich Bewegungs­spielraum aufgebaut. Im Zentrum des Raums sind drei Laken aufge­hängt, die zunächst mitein­ander verknotet als eine Art Baldachin über den Köpfen der Zuschauer drapiert sind. Einen freien Stuhl gibt es an diesem Abend nicht mehr in dem überwiegend düsteren Saal.

Foto © O‑Ton

Fernes Rauschen tief im Ohr ist der Abend nach einem Zitat aus Italo Calvinos Unter der Jaguar-Sonne benannt. So poetisch der Titel, so bedau­erlich ist die Deutsch­feind­lichkeit im Unter­titel Sound­scapes einer Stadt. Was spricht eigentlich gegen „Klang­land­schaften“? Denn genau die wollen ja jetzt durch­schritten werden. Und es beginnt mit einer kleinen Spiel­szene, in der die Akteure hinter dem Rücken der Zuschauer sich zu Einspie­lungen typischer Geräusche aus dem Stadt­leben bewegen. Nachdem der Einkaufs­wagen seinen Standort in der hintersten Ecke des Raums gefunden hat, entladen ihn die Sänger und versammeln sich um ihn: die Sopra­nis­tinnen Julia Hagen­müller und Merle Bader, Mezzo­so­pra­nistin Eva Marti, Tenor Leonhard Reso, Bariton George Clark und Bass Michael Krinner. Die Beson­derheit des Chores liegt darin, dass es sich um ausge­bildete Solisten handelt. Und es wird auch ziemlich schnell klar, warum das so sein muss. Vorerst stimmen die sechs mal das Geschrei von Paris an. Im 16. Jahrhundert hat Clément Janequin Les Cris de Paris kompo­niert, und man muss schon ins Programmheft schauen, um zu entdecken, dass es sich hier um ein uraltes Stück handelt, das in seiner Vielschich­tigkeit und Leich­tigkeit nicht das Alltags­leben der heutigen Metropole behandelt.

Der Reiz des Abends liegt nicht allein in der lautma­le­ri­schen Qualität – ob man immer von Gesang sprechen kann, sei mal dahin­ge­stellt – sondern auch in der räumlichen Gestaltung. So wechseln die Sänger vor die Leinwand, auf die die Videos von Linda Weidmann mit urbanen Eindrücken proji­ziert werden. Hier wird das Ensemble gleich um zwei weitere Mitwir­kende erweitert. Denn Urban Jungle, eine Urauf­führung von Gianluca Castelli, lässt sich kaum ohne Dirigenten bewerk­stel­ligen. Dazu tritt Leh-Qiao Liao vor die Gruppe. Für die punkt­ge­nauen elektro­ni­schen Zuspie­lungen ist Tonin­ge­nieur Maximilian Sauer verant­wortlich. Und der arbeitet mindestens so präzise, wie die Sänger ihre Aufgaben mit vorge­hal­tenen Händen wahrnehmen, in Becher summen oder auf Megafonen Laut geben. Castelli mischt hier Zitate aus verschie­denen Epochen, Krinner darf sogar einen Kinderreim sprechen, um eine Klang­collage über die Stadt und die Gesell­schaft abzuliefern. Wenn das Gedicht Memory Space von Alvin Lucier über Lautsprecher in engli­scher Sprache vorge­tragen wird, bleibt man auch hier eher der Klang­ma­lerei überlassen. Im Programmheft finden sich die Texte nicht.

Foto © O‑Ton

Es gibt noch mehr Schreie aus dem 16. Jahrhundert. Von Orlando Gibbons erklingen The Cries of London. In loser Folge werden nun immer wieder Museums­stücke von Schnebel einge­spielt, häufig kombi­niert mit Stellungs­wechseln und Spiel­szenen der Akteure. Und dazwi­schen geht es weiter mit der alten Musik, etwa Ich sucht des Nachts in meinem Bette von Melchior Franck. Die nächste Urauf­führung, zu der Choristen sich wieder vor der Leinwand einfinden, ist Halte­stelle von Nicolas Kuhn nach Texten von Pier Paolo Pasolini. Und weiter geht es durch den Raum. Ob die Sänger sich zeitungs­ra­schelnd auf Stühle im Zuschau­erraum setzen oder an Stehti­schen versammeln: Die Bewegung bleibt erhalten, wird sozusagen zur Reise in Zeit und Raum. Ein besonders netter Einfall ist das, was die Sänger nach dem histo­ri­schen Fiume ch’à l’onde – dem wogenden Fluss – von Sigis­mondo d’India summen. Da möchte man doch gleich mitmachen, weil Ich weiß nicht, was soll es bedeuten? immer noch zu den bekann­testen Verto­nungen deutscher Dicht­kunst gehört. Aber da wartet bereits die nächste Urauf­führung. Martin Wisting­hausen hat sechs Haikus für Vokal­ensemble vertont.

Im Wechsel mit Schnebel, dessen Andy Warhol aus den Museums­stücken hier noch gesondert erwähnt sein soll, weil der Ensem­ble­auf­tritt mit Cola-Dosen für viel Spaß sorgt, folgen drei Lieder aus dem Zyklus Studen­ten­schmaus, den Johann Hermann Schein 1626 kompo­niert hat: So da, mein liebes Brüderlein, Holla, gut Gsell und Ihr Brüder, lieben Brüder mein. Inzwi­schen haben die Sänger wohl jeden Winkel des Raums durch­forscht, sich mit ihren Parti­turen unter das Publikum gemischt, die bei Schnebel eher an unleser­liche Geheim­schriften als an Noten denken lassen, und nach anderthalb Stunden zum letzten Stück gefunden, das den wunder­baren Abend krönt. Luca Francesconi hat Herzstück, das bekannte Gedicht von Heiner Müller, das mit dem Herz aus Stein endet, 2012 in The Classroom, gewidmet Tadeusz Kantor, vertont.

Das Publikum ist verzückt, man kann es nicht anders nennen. Einmal mehr hat das Rhein­stimmen-Ensemble eine einzig­artige Leistung präsen­tiert, sowohl, was die Programm­auswahl, als auch, was die stimm­lichen Möglich­keiten, aber auch die Spiel­freude angeht. Und wenn es einen Preis für die beste Chorleistung des Jahres gibt, können die Juroren den getrost schon im Februar vergeben. Etwas Besseres als diesen Abend wird man auch im Rest des Jahres kaum noch erwarten dürfen. Sehr bedau­erlich, dass es bei dem einen Termin bleibt. Wer das Rhein­stimmen-Ensemble immer noch nicht erlebt hat, bekommt dazu aber am 17. März in der Tonhalle Düsseldorf mit dem neuen Programm Nono/​Sospiri beim Festival Schönes Wochenende Gelegenheit.

Michael S. Zerban

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