O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Zum Abschluss Deutsch

BAILAR EN HOMBRE
(Fernando López)

Besuch am
22. April 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Flamenco-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Sag beim Abschied leise Servus: Ganz so leise hätte es vielleicht nicht sein müssen beim Flamenco-Festival im Tanzhaus NRW, das am Oster­montag zu Ende gegangen ist. Das Haus verwaist, die Gastro­nomie geschlossen, nur im Kleinen Saal findet noch eine einstündige Veran­staltung statt.

Zu Gast ist Fernando López. Der Mann sammelt Univer­si­täts­ab­schlüsse wie andere Leute Brief­marken. Er hat Flamenco, klassi­sches und neoklas­si­sches Ballett, zeitge­nös­si­schen Tanz und theatrale Inter­pre­tation studiert, hat einen Master in Philo­sophie und zeitge­nös­si­scher Kultur­kritik und schreibt derzeit an seiner Disser­tation über Ästhetik, Natur­wis­sen­schaften und Kunst­tech­no­logien. 2017 veröf­fent­lichte er ein viel disku­tiertes Buch, in dem er die klassi­schen Geschlech­ter­ver­hält­nisse im Flamenco kritisch hinter­fragte. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er das Stück Bailar en hombre entwi­ckelt, das jetzt als deutsche Erstauf­führung beim Flamenco-Festival zu sehen ist. „Die Konstruktion von Männlichkeit im Flamenco wie auch die Verbindung von Geschlecht und Sexua­lität sind für López sowohl in seiner akade­mi­schen Laufbahn wie auch auf der Bühne zentrale Themen“, kündigt das Festival die Arbeit an.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Vor der vollbe­setzten Tribüne des Kleinen Saals steht ein Mann mit dem Rücken zum Publikum, der lediglich eine weiße Unterhose trägt. Auf seinem Rücken steht in roter Schrift „Schwuchtel“. Vor ihm steht eine Fußwanne, um ihn herum sind vier Kerzen aufgebaut. Hinter ihm liegen ein Torero-Anzug und Flamenco-Schuhe. Ungerührt bleibt der dunkel­haarige Mann mit Vollbart stehen, als Kirchen­musik erklingt und dazu verschwommene Bilder auf die Ziegel­stein-Rückwand des Saals geworfen werden. Gezeigt werden Clips von berühmten Flamenco-Tänzern aus den 1960-er Jahren, die noch ganz im Sinne von Vicente Escuderos geschichts­träch­tiger Anleitung für den wahren Flamenco agieren. Anschließend verab­schiedet sich López von den Heroen der Vergan­genheit, indem er die Kerzen ausbläst, nicht ohne vorher noch einmal in sie hinein­zu­hören, ob sie im Hier und Heute noch etwas zu sagen haben. Haben sie offenbar nicht.

Fernando López – Foto © Klaus Handner

Und damit sind die Konven­tionen aufge­hoben. Da darf es einen Ausdruckstanz à la Isadora Duncan genauso geben wie – endlich im Torero-Anzug – den Machismo. Um die Rollen­ver­teilung aufzu­heben, holt sich López die Tänzerin Irene Hernández zu Hilfe. Die kleidet ihn in eine Art Tunika, in der er zur entspre­chenden Musik eine Tänzerin der 1950-er Jahre playback singt und ganz wunderbar ihr Augen­klimpern und die laszive Bewegungsform imitiert. Köstlich! Auch Hernández spielt mit den Geschlech­ter­rollen, löst sie im Flamenco auf, an den sich López anschließt. Zwischen­zeitlich verliest der Choreograf zehn Thesen der Flamenco-Aktivistin Matilde Coral, die zwar aus dem Jahr 2011 stammen sollen, aber so alter­tümlich wirken, als seien sie hundert Jahre eher entwi­ckelt worden. Was mögli­cher­weise daran liegt, dass die legendäre Tänzerin die Essenz ihres Tanzes mit 76 Jahren veröf­fent­licht hat. Da bleibt so manche Entwicklung auf der Strecke. Legiti­miert wird der Vortrag durch die theatrale Überziehung. Wirklich großartig, dass López die Texte auf Deutsch vorträgt. Zum ersten Mal in diesem Festival bekommt man das Gefühl, dass sich irgend­jemand dafür inter­es­siert, wo das Festival statt­findet. Schluss­endlich landet die Aufführung wieder beim Ave, Maria und López in der Fußwanne. Was auch immer uns das sagen will. Ästhe­tisch jeden­falls gibt es hier keine Einwände.

Neben einer wunder­baren und kurzwei­ligen Aufführung stellt sich die Frage, ob die Gender-Proble­matik nicht selbst im konser­va­tiven Sevilla längst überholt ist. Das scheint jeden­falls das Festival in insgesamt großar­tigen Auffüh­rungen gezeigt zu haben. Die Tänze­rinnen kümmern sich längst um andere Themen, Tänzer lassen die Hüften rollen, wie es ihnen gefällt. Und die Besucher durften in den vergan­genen Tagen einfach nur mehr oder minder durch­dachte Choreo­grafien der Weltklasse genießen. Dessen ungeachtet dürfen sich López und Hernández zu Recht feiern lassen.

Damit geht ein Festival zu Ende, das durchaus gemischte Gefühle hinter­lässt. Da gibt es großartige Künstler, die ihr Können ohne Makel auf die Bühne gebracht haben. Aber es gibt auch eine Organi­sation, die sich auf eine einge­schworene „Community“ verlässt und somit auf jegliche Zugangs­hilfen für ander­weitige Besucher verzichtet, sich nur marginal um Service und Uhrzeiten kümmert. Die Kommu­ni­kation geht gegen Null. Nach einem Viertel­jahr­hundert Flamenco-Festival ist es legitim, dass sich Ermüdungs­er­schei­nungen einschleichen. Und wer erleben darf, wie sich einige Festi­val­teil­nehmer erschöpft mit einem „Na, dann bis nächstes Jahr?“ verab­schieden, wird sich fragen, ob man im nächsten Jahr wirklich wieder dabei sein will. Die Festi­val­leitung steht vor großen Aufgaben, wenn sie das Festival in die Zukunft führen will. In diesem Jahr war davon nichts zu bemerken. Na, dann bis nächstes Jahr!

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: