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Mantel der Erinnerung

SIN PERMISO – CANCIONES PARA EL SILENCIO
(Ana Morales)

Besuch am
12. April 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Flamenco-Festival, Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Noch erinnert wenig an Spanien in Düsseldorf. Es ist sinnvoller, einen dicken Mantel zu tragen als Kasta­gnetten. Da kommt das alljähr­liche Flamenco-Festival im Tanzhaus NRW gerade recht, um ein wenig sommer­liches Flair aufscheinen zu lassen. Von heute bis zum 22. April hat die Künst­le­rische Leiterin des Festivals, Dorothee Schackow, wieder Koryphäen des Flamenco-Tanzes an die Erkrather Straße einge­laden. Begleitend zu den Auffüh­rungen gibt es ein umfang­reiches Kursan­gebot, in dem sich die Gäste des Festivals in die Grund­lagen des Flamenco-Tanzes theore­tisch und praktisch vertiefen können. Folklore wird man hier aller­dings vergeblich suchen. Seit vielen Jahren spüren Schackow und ihr Team sehr erfolg­reich den Entwick­lungen des zeitge­nös­si­schen Flamencos nach. Schaut man auf die großen Auffüh­rungen im Teatro Villamarta in Jerez de la Frontera, könnte man zu dem Schluss gelangen, dass sich der Flamenco dem europäi­schen Tanztheater annähert. Einen Beleg scheint auch der Eröff­nungs­abend im Tanzhaus NRW zu bieten.

Ana Morales durch­läuft gerade einen Selbst­fin­dungs­prozess. Sie ist in Barcelona geboren, hat dort studiert und zählt inzwi­schen sicher zu den begab­testen Tänze­rinnen des zeitge­nös­si­schen Flamencos. Wie es sich für einen Meister seines Fachs gehört, bewahrt Morales Tradi­tionen, um sie in neue Zusam­men­hänge einzu­ordnen und weiter­zu­ent­wi­ckeln. Eigentlich läuft die Karriere auf Hochtouren, aber es gibt ihren Vater, längst verstorben, der eine Art Tagebuch hinter­lassen hat. Ein schweig­samer Mann, der am liebsten rauchte und angelte, Problemen aus dem Weg ging und keine Beziehung zu den Töchtern aufbauen konnte. Ana durfte das Buch erst viele Jahre nach dem Tod ihres Vaters lesen. Ihr Vater hatte das untersagt, ihre Schwester gestattete es. Wie es im Leben immer so geht, entschied der Inhalt nichts, löste aber in der Künst­lerin den Prozess aus, sich mit ihrem Vater ausein­an­der­zu­setzen. So findet ihre neueste Arbeit auch Sin permiso – ohne Erlaubnis des Vaters – am Eröff­nungs­abend des Flamenco-Festivals statt. In Gesängen für die Stille, Canciones para el silencio, so lautet der Unter­titel ihrer Choreo­grafie, begibt sie sich auf die Suche nach dem Verhältnis zu ihrem Vater und den Konse­quenzen für ihr weiteres Leben.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eine Viertel­stunde nach dem offizi­ellen Beginn der Aufführung kann es endlich losgehen. Der große Saal im Tanzhaus ist bis auf den nahezu letzten Platz besetzt, Nebel wabert über der Tribüne, die Bühne liegt im Dunkel. Bei den Dimen­sionen, die Morales für diese Aufführung vorschweben, verlässt sie sich nicht auf ihr eigenes Können, sondern sichert sich die Unter­stützung des Regis­seurs Giuliermo Weickert. Im hinteren Drittel der Bühne sind sechs Jalousien als Paravent abgehängt, auf denen ein Bild vom Kopf einer Möwe oder einer Rakete zu sehen ist. Rechts davon ist der Arbeits­platz eines Musikers aufgebaut. Schlagzeug und Computer bilden eine Einheit. Davor stehen Stühle. In der linken Hälfte vor dem Paravent hängt ein Kleider­bügel. Olga Garcia taucht die Szene in ein außer­or­dentlich diffe­ren­ziertes Licht, meint es aber manches Mal zu gut, so dass das Licht immer wieder unpräzise trifft. Die Kostüme, die Pilar Cordero zu verant­worten hat, sind schlicht genial. Morales tritt im dekorierten Trikot auf, trägt Rüschenrock und Mantel – den Mantel ihres Vaters – in Händen. Später wird sie einen weiteren Rock tragen, ehe sie sich den Anzug des Vaters aneignet und alles wieder retour­niert. Dazwi­schen liegt der Versuch der Annäherung an ihren Vater, eine Liebes­ge­schichte und am Ende der eigene Weg.

Ana Morales und José Manuel Álvarez – Foto © Klaus Handner

Tänze­risch zeigt Morales tradi­tio­nelle Figuren, oft retar­diert, mit eigenen Einfällen, in höchster Perfektion. Ebenso wie ihr Partner José Manuel Álvarez, der alle Macho-Hürden ignorieren muss, um sich den gelun­genen Einfällen Morales‘ anzupassen. Die Tänzerin verweigert sich den Kodizes des alther­ge­brachten Tanzes und schafft so eine hohe Moder­nität, vor allem aber Inten­sität in der Darstellung.

Die musika­lische Darbietung bleibt unbefrie­digend, weil das Tanzhaus hier immer noch keinen Zugang für seine deutschen Gäste geschaffen hat. Zwar werden die tradi­tio­nellen Rollen zwischen Tänzern, Klatschenden und Gitar­risten aufge­brochen, was belebend wirkt, aber was Sänger Juan José Amador im Wortsinn zum Besten gibt, bleibt mindestens der Hälfte des Publikums verborgen. Spanische Klage­sänge, Rezita­tionen aus dem Tagebuch? Liebes­lieder aus Andalusien? Ist doch egal, Haupt­sache künst­le­rische Darbietung. Das ist zu wenig. Da rettet auch der geniale Einfall nicht, die Rhythmik mit Schlagzeug zu unter­stützen und die Wirkung des Abends mit sphäri­schen Klängen von der Festplatte zu verstärken. Dafür ist formvoll­endet Daniel Suàrez zuständig, der sich der Unter­stützung von Michio Woirgardt versi­chern durfte. Auch die Idee, zwischen­durch Amador an der Gitarre wirken zu lassen, obwohl doch eigentlich Juan Antonio „Canto“ Suàrez hervor­ra­gende Gitar­ren­klänge liefert, geht vollkommen in Ordnung. Hier treffen Tradition und Moderne sehr gekonnt aufein­ander. Dass aber das Festival nicht einmal den Versuch unter­nimmt, sprach­liche Brücken zu bauen, ist ein Manko, das dringend behoben gehört.

Die Suche nach dem Vater, nach den Bezie­hungen zu anderen Männern, ja, nach dem eigenen Rollenbild, hat an diesem Abend kein Ende gefunden. Aber Ana Morales liefert mit ihrem Team einen grandiosen Eröff­nungs­abend ab, der Lust auf die folgenden Auffüh­rungen macht.

Das Publikum, das mit viel Zwischen­ap­plaus und immer garan­tiert an den falschen Stellen für Verzö­ge­rungen sorgt, gerät nach Abschluss der Aufführung aus dem Häuschen. Alles, was an Applaus in deutscher Manier zu bieten ist, wird geboten. Ein gelun­gener Einstieg.

Michael S. Zerban

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