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Mit Senta im Multiplex

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
2. Oktober 2022
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Theater Duisburg

Ein kleinerer Saal mutmaßlich in einem Multi­plexkino einer mittleren deutschen Stadt. Junge Leute lümmeln sich in diversen Stuhl­reihen, bewerfen einander mit Popcorn, haben sichtlich Spaß. Ganz vorn ein junges Mädchen mit leuchtend roten Haaren. Anders als ihre Community verfolgt sie das Geschehen auf der Leinwand mit erkenn­barer Aufmerk­samkeit. Gegeben wird Der fliegende Holländer, ein Film mit packenden Bildern von Segel­schiffen, die gegen den Sturm ankämpfen, Männern, die Robben auf Eisplatten erschießen, und Opfern ihres Berufs, die in der See bestattet werden. In späteren Szenen am selben Schau­platz wird das Mädchen älter. Im Kinopro­gramm läuft weiterhin der Film über das Schicksal dieses norwe­gi­schen Schiffs­eigners und jener in ihn, die Filmfigur, vernarrten jungen Frau. Sie ist wild entschlossen, ihn bis zum Tod zu lieben und so zu erlösen.

Mit dieser Trans­for­mation im Multi­me­diastil offenbart Vasily Barkhatov, der Regisseur der Neupro­duktion von Richard Wagners roman­ti­scher Oper Der fliegende Holländer im Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein, deutlich, in welcher Gesell­schaft seine Sicht auf das Stück spielt: In der unseren mit ihrer teils einneh­menden, teils absto­ßenden Provin­zia­lität. Das Kino verortet Barkhatov in seiner Insze­nierung als den Ort, an den sich die vom Erlösungswahn erfasste Senta in ihrer Reali­täts­flucht zurück­ziehen kann. Als den Ort, an dem man einen alten Film immer wieder unver­ändert erleben und sich so ein Stück Bestän­digkeit in einer Welt bewahren kann, in der der unange­passte Mensch leicht zum Außen­seiter wird. Der Holländer 179 Jahre nach der Dresdener Urauf­führung als Schau­er­stück der verletz­lichen Seele.

Der Kunst­griff, die Holländer-Sage als Psycho­drama der Tochter des Schiffs­ka­pitäns zu deuten, ist nicht neu. 1978 zeigt Harry Kupfer bei den Bayreuther Festspielen die Senta der Lisbeth Balslev als Angst­traum einer narziss­ti­schen, neuro­ti­schen, jungen Frau, der er konse­quent keinerlei Nähe mit dem Holländer des Simon Estes schenkt. Neu hingegen ist Barkhatovs Idee, die Szenerie in die Alltäg­lichkeit unserer Gegenwart zu trans­for­mieren, in der Mädchen wie Senta ihre Träume in den virtu­ellen Welten von Instagram, TikTok und Co. ausleben. Dieser Ansatz hilft zwar nicht sonderlich, Wagners Verar­beitung von Erzäh­lungen Heinrich Heines und Wilhelm Hauffs sowie eigener Erleb­nisse auf stürmi­scher See per se besser zu verstehen. Er könnte aber den Erfah­rungen und Sicht­weisen des heutigen Publikums nahekommen. Im Idealfall einer jüngeren Besucher­schicht, auf die das Musik­theater in Zukunft dringend angewiesen ist.

Sein Konzept der Trans­for­mation hält der Regisseur mit großer Stringenz durch. Der zweite und dritte Aufzug spielen in der Mitte der Stadt, auf einem zentralen Platz, der direkt neben dem Kino liegen könnte. Stores, darunter ein Kebab-Verkaufs­stand, begrenzen den Hinter­grund. Ein Karussell ist aufgebaut. Eine Wippe bietet Kindern Spaß. Ein Automat, zu dem es auch Senta zieht, spuckt ein Stofftier aus, wenn es mit dem Greifarm getroffen ist. Seitlich tauscht sich eine Schwan­geren­gruppe aus. In dieser pitto­resken Ausstattung von Zinovy Margolin mit den Kostümen von Olga Shaish­me­lashvili rennt Senta gegen all das an, was der Erfüllung ihres Traums entge­gen­steht. Hier agieren in einer Sequenz die Anhänger des Fußball­clubs der Stadt in Fanmon­turen, wozu auf einem Screen im hinteren Teil der Bühne Bilder aus der TV-Übertragung der aktuellen Partie ihres Vereins laufen. Multi­media genug? Keineswegs. Statisten tragen einen LED-Fernseher herein, auf dem die Holländer-Geschichte als Telenovela gezeigt wird, mit der mythi­schen Gestalt als schmach­tendem Kinohelden.

Originell ist der ironische, auch belus­ti­gende Einfall Barkhatovs zu Beginn des zweiten Aufzugs. Auf dem Screen erscheint wenige Sekunden lang  der Text eines fiktiven Schreibens Dalands an den „Herrn Kammer­schau­spieler“, den Darsteller des „Fliegenden Holländers“, mit der Bitte, er möge doch daran mitwirken, dass seine Tochter die Desil­lu­sio­nierung ihres Traums nun auch in der Realität erlebe.

Was von nun an mit dem Übergang des fortissimo erklin­genden Zitats aus dem Lied des Steuer­manns zum Thema des Spinn­liedes folgt, ist program­miert. Umschlossen von Wagners Klang­bildern, die eh schon eine Art Filmmusik bedeuten.

Foto © Hans Jörg Michel

Barkhatov nimmt für sein Konzept eine Reihe von handwerk­lichen Fehlern in Kauf. Als der Holländer erwar­tungsfroh auf Daland eindringt, möglichst rasch dessen Tochter sehen zu dürfen, schwirrt diese bereits eine ganze Zeit lang um ihn. Das ist aber laut Text der Wagner-Dichtung gar nicht möglich, weil sich der Holländer mit seinem Schiff an der Küste Norwegens aufhält, Senta hingegen im Hause Dalands. Als im Finale der Oper zum Orches­ter­nach­spiel mit Erlösungs­motiv Holländer und Senta bei Wagner „beide in verklärter Haltung“ dem Meer entsteigen, also eins werden in metaphy­si­scher Verei­nigung, sieht das Duisburger Publikum lediglich eine Projektion von Senta. Jetzt ist sie ganz allein in ihrem Kino, deutlich gealtert, in den Pelzmantel des Holländers eingehüllt.

Der Regisseur bekennt in den Programm­in­for­ma­tionen seine Faszi­nation für „die aufrichtige, pure Romantik“ der Liebe Sentas. Aber recht­fertigt das den drama­tur­gi­schen Eingriff in das Werk? Und die Irritation, milde ausge­drückt, eines Besuchers, der seinen ersten Fliegenden Holländer authen­tisch erleben möchte? Wie schon jüngst beim Essener Tannhäuser in der Regie von Paul-Georg Dittrich zu beobachten, läuft auch Barkhatovs Insze­nierung zudem Gefahr, musika­lisch gerade geschaffene, expressive Seelen­räume durch willkür­liche Perso­nen­auf­tritte wieder zu schmälern. Auf hohem Felsen lag ich träumend, singt Erik in der Ausein­an­der­setzung mit Senta, in der er seine Angst um seine Verlobte und das gemeinsame Glück gesteht. In diesen hoch emotio­nalen Zwiegesang platzen Passanten, durch­messen den Raum, um ihn danach wieder zu verlassen. Warum?

Die Sänger­riege wartet mit durchweg erfah­renen, Wagner-affinen Beset­zungen auf. Ein Gewinn der Aufführung ist der akkurat intonie­rende und erfreulich textver­ständ­liche Daland von Hans-Peter König, dessen stimm­liche Kontur vorzüglich zum Profil der Rolle passt. James Rutherford ist ein wuchtiger, in seinem Fellmantel enorm präsenter, im Spiel anrüh­render Holländer, der sich in der beson­deren Raumakustik des Duisburger Theaters mit ihrer diffi­zilen Balance zwischen Bühne und Graben zu behaupten weiß. Deutliche Abstriche sind aller­dings bei der Senta Gabriela Scherers und dem Erik des Norbert Ernst zu machen, der als fliegender Buchhändler Reb Alter in Masel Tov von Mieczyslaw Weinberg in Duisburg noch in bester Erinnerung ist. Sie suchen ihr Heil auf der durch­kom­po­nierten Strecke von 135 Minuten in einem Vibrato der Tonhöhe, das mit zuneh­mender Spiel­dauer unangenehm wirkt.

David Fischer gibt dem Steuermann mit seinem höhen­si­cheren lyrischen Tenor ein respek­tables Format. Die Mezzo­so­pra­nistin Susan Maclean, zuletzt Düssel­dorfs Erda im Rheingold, ist eine energische, phasen­weise rabiate Mary, die aber erkennen muss, gegen Sentas Fantasien nichts ausrichten zu können. Der von Patrick Francis Chestnut einstu­dierte Chor in Gestalt der Matrosen zu Lande wie auf dem Geister­schiff sowie der Mädchen und Frauen im Ort überzeugt durch seine famose vokale und darstel­le­rische Qualität.

Mit Patrick Lange am Pult, der nach seiner Zeit als GMD des Hessi­schen Staats­theaters Wiesbaden sein Hausdebüt an der Rheinoper gibt, steigern sich die Duisburger Philhar­mo­niker ungeachtet einiger Ungenau­ig­keiten, etwa beim Horn, immens. Leider lassen sie sich in den Tutti-Passagen häufig zu einer überbor­denden Lautstärke antreiben. Nach dem äußerst robusten Einstieg mit der zur dämoni­schen Meeres­sin­fonie gestei­gerten Ouvertüre zaubern sie große Momente herbei, speziell in den fein ziselierten Übergängen, mit denen Wagner die Atmosphäre der wechselnden Schau­plätze charakterisiert.

Das Publikum im fast ausver­kauften Haus nimmt die jüngste Ausgabe in der langen Liste der Holländer-Produk­tionen der Rheinoper mit anhal­tendem Jubel auf, bei partiell gedämpfter Resonanz für das Regieteam. Es feiert ganz besonders die Wagner-Raffi­nesse Langes und der Philhar­mo­niker sowie den Chor. Sechs weitere Auffüh­rungen bis Mitte November weist der Spielplan aus. Klipp und Sturm – Ha – sind vorbei! – He!, singen die Matrosen mit Blick auf das geheim­nis­volle Schiff. Vielleicht trägt dieser Holländer dazu bei, die aktuelle Reserve in Teilen des Opern­pu­blikums zumindest in Duisburg ein Stück ins Positive zu wandeln. Vielleicht.

Ralf Siepmann

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