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FRANJE
(Alfredo Zinola, Ciska Vanhoyland, Lies Cuyvers)
Besuch am
15. März 2025
(Premiere am 13. März 2025)
Über ein Jahr ist es nun schon wieder her, dass Alfredo Zinola mit seiner Produktion Things at the End of the World im Tanzhaus NRW die Kinderherzen höherschlagen ließ. Nun kehrt der „Magier des Kindertheaters“, Choreograf und Tänzer mit Unterstützung zurück, um auch hier das Stück Franje vorzustellen, das am 1. März im Kulturzentrum Hasselt im Rahmen des Krokusfestivals uraufgeführt und inzwischen bereits in Kortrijk und Brüssel gezeigt wurde.

Die Unterstützung, das sind die Choreografinnen und Tänzerinnen Ciska Vanhoyland und Lies Cuyvers von Tout Petit – auf Deutsch das kleinste Ding – einem Produktionshaus in den belgischen Städten Leuven und Hasselt, das sich seit 2013 auf die Fahnen schreibt, Tanzproduktionen für ein junges Publikum zu kreieren. Dabei will die Kompanie Grenzen überschreiten. Nach eigenen Angaben steht der „Dialog zwischen Szenografie, Tanz und Musik“ im Mittelpunkt. Mehr als 100 Vorstellungen gibt Tout Petit jährlich in Flandern und international. Mit ihrer Philosophie haben sich Zinola und Tout Petit gesucht und gefunden, möchte man meinen, denn nichts anderes betreibt ja auch Zinola seit vielen Jahren.
Ist ihm und den Kolleginnen aus Flandern allerdings gelungen, mit Franje, also Franse, das hohe Niveau zu halten, dass er mit seinen Felsenlandschaften im vergangenen Jahr vorgelegt hat? Fand die Aufführung im vergangenen Jahr im Großen Saal des Düsseldorfer Tanzhauses statt, werden die Besucher heuer in den Kleinen Saal gebeten. Was bekanntlich erst mal nicht mit der Qualität, sondern mit dem Bedarf an Spielfläche zusammenhängt. Und so drängen sich 70 Besucher, kleine Kinder und ihre Begleitpersonen, vor der Spielstätte, bis sie mit zehn Minuten Verspätung von den Künstlern persönlich abgeholt werden. Die sind von Darius Dolatyari eingekleidet worden und sehen erst mal so aus, als hätten sie gerade eine Probe unterbrochen. Kurze Hosen und T‑Shirt der eine, BH und kurze Hose beziehungsweise Strumpfhose und T‑Shirt die anderen. Das sieht erst mal wenig eindrucksvoll aus und täuscht über die tatsächlichen Leistungen des Kostümbildners hinweg. Die Kinder werden auf Sitzkissen vor der Tribüne gebeten, die Eltern und Begleitpersonen finden Sitzpolster auf der Tribüne vor. Vorerst hält sich Marek Lamprecht mit Lichteffekten noch zurück, vielleicht, um die Ausstattung der Bühne wirken zu lassen. Die ist zwar leer, aber vor dem Hintergrund hängen zahlreiche Seile herab, an denen allerlei – zumeist ungewöhnliche – Kleidungsstücke angebracht sind. Neben der Hängung ziehen Farb- und Formvielfalt die Blicke auf die Textilien. Währenddessen scheinen die drei noch ihre Plätze und Beziehungen zu suchen.

Koen Brouwers hat eine überwiegend rhythmische Klangwelt zusammengestellt, die aus den Lautsprechern schallt. Was für den Besucher eher nach Hintergrundgeräuschen klingt, ist für die drei Akteure wichtiger Bestandteil der Aufführung, um ihre Darstellung mit höchster Präzision, vom Publikum unbemerkt, zu gestalten. Auf den Taktschlag finden Bewegungen, Berührungen, Aktionen statt. Absolut eindrucksvoll. Mit fortschreitender Zeit wird die „Handlung“ schneller und komplexer. Werden zunächst nur einzelne Kleidungsstücke, allesamt mit Fransen ausgestattet, von den Seilen gepflückt, legen die drei nacheinander ihre „Probenbekleidung“ ab und schlüpfen in schwarze Ganzkörper-Overalls, verkleiden sich mehr und mehr, werfen sich im Tausch Kleidungsstücke zu. Die tänzerische Bewegung weckt die Fantasie, selbst zuhause Muttis Kleiderschrank ausräumen zu dürfen, um Verkleiden zu spielen. Ein Mädchen, für die drei vermutlich ein Glücksmoment, fühlt sich eingeladen, auf die Spielfläche zu laufen, um mitzuspielen. Traut sich im letzten Moment doch nicht und läuft zur Mama zurück. Was im elterlichen Haushalt auf kurz oder lang für Ordnungsrufe sorgen dürfte, darf hier allmählich überborden.
Schließlich werden zwei Personen mit Kleidungsstücken überhäuft, aber, oh Wunder, die Tänzer wechseln unter den Kleiderbergen. Wie kann das gehen? Wird nicht verraten, lässt nicht nur die Kinder staunen. Wenn die Kleiderberge schließlich verwaist auf dem Boden liegen bleiben, tanzen drei Personen gemeinsam mit Strumpfmasken über den Köpfen. Was Erwachsene eher an Bankräuber, jedenfalls Menschen, die nichts Gutes im Schilde führen, denken lässt, sorgt bei den Kindern für einen Riesenspaß.
Als die drei Hand in Hand aus dem Saal tanzen, erlischt das Licht und eine Dreiviertelstunde ist viel zu rasch vergangen. Einmal mehr ist Zinola – und seinen Mitstreiterinnen – gelungen, den Saal in einen verzauberten Ort zu verwandeln, in dem man die Zeit vergisst und sich an die beglückendsten Momente unbeschwerten Spiels aus eigener Kindheit erinnert. Nur bruchstückhaft, schließlich möchte man auch keine Sekunde auf der Bühne verpassen. Das Geheimnis seines Erfolgs verrät Zinola auch dieses Mal nicht. Vielleicht liegt es daran, dass er Kindern nichts vorspielt, sondern ihnen Kunst, Tanzkunst, zeigt.
Michael S. Zerban