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FREEDOM
(Osvaldo Golijov, Aftab Darwishi, Ludwig van Beethoven)
Besuch am
1. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Seit einigen Jahren, erzählt Kantor Wolfgang Abendroth, habe sich eine „Liturgie“ des Osterfestivals ChamberJam in der Johanneskirche herausgebildet. Nach dem Kirchenkonzert am Freitag, in diesem Jahr das Große Passionskonzert, gibt es samstags „dunkle“ Musik zum Thema Tod und Leben, sonntags am Nachmittag „seriöse“ Kammermusik, heuer war Wien das Thema, sonntags am Abend zunächst ein „großes“ Kammermusikstück und danach eher „populäre“ Musik wie Tango oder Klezmer. Am Montag, schließt Abendroth die Aufzählung, finde das große Festkonzert statt. Dieses Gerüst füllt der Geiger Daniel Rowland als Künstlerischer Leiter inhaltlich wie personell. Er schart Musikerfreunde um sein im vergangenen Jahr gegründetes Arethusa-Quartett. Dabei handelt es sich durchweg um exzellente Musiker, die üblicherweise die großen internationalen Konzertsäle bespielen. Wer also nicht gerade dabei ist, die Wigmore Hall oder das Lincoln-Center zu besuchen, in den asiatischen Konzerthäusern zuhause ist oder eine Busreise zur Elbphilharmonie buchen will, ist in der Düsseldorfer Johanneskirche schon mal gut aufgehoben. Und so ist das große Festkonzert gut besucht, auch wenn der ganz große Ansturm ausbleibt.
Möglicherweise liegt es an der mangelnden Fantasie, eine deutsche Erstaufführung einer iranischen Komponistin in Kombination mit einer kammermusikalischen Version von Ludwig van Beethovens Neunter könne aufregender sein als eine Repertoire-Aufführung in einem deutschen Konzertsaal, vielleicht ist eine Aufführungsdauer von abermals zweieinhalb Stunden für Arbeitnehmer abschreckend, die am nächsten Tag wieder in die Firma müssen, oder es liegt einfach daran, dass der neue Pumuckl-Film im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft. Wer will das wissen? Die Besucher jedenfalls, die zum wiederholten Mal kommen – und das sind nicht wenige – freuen sich, die Musiker wiederzutreffen, die sie schon aus den vorangegangenen Konzerten kennen. Ja, es stellt sich fast so etwas wie ein familiäres Gefühl ein, was ja im Grunde ein gutes Festival ausmacht. Ohnehin ist das mit dem Ansturm so eine Sache, denn der Aufführungsraum ist in die Mitte der Kirche verlegt worden, um ein optimales Klangvolumen zu erreichen. So gibt es einen fulminanten Resonanzraum, während die Besucher „ihren“ Künstlern so nah wie irgend möglich sein können. Keine schlechte Idee, wie sich später zeigen wird.

Überschrieben ist das große Festkonzert mit dem Titel Freedom. Es hätte auch der deutsche Begriff Freiheit sein können, eines der schönsten Wörter, die es im Deutschen gibt. Seit spätestens 1848 hat das Wort nichts von seiner Strahlkraft verloren. Aber bitte schön, schließlich bezieht sich der Titel auf eines der Stücke, die im Konzert aufgeführt werden. Den Anfang am frühen Abend macht das Stück Tenebrae von Osvaldo Golijov, nach Aussage von Rowland schon so etwas wie der „Hauskomponist des Festivals“. Der Titel aus dem Lateinischen steht für Dunkelheit oder gar Finsternis. Von Betrübnis ist in den dreizehn Minuten der Aufführung eher wenig zu hören, vielmehr beeindrucken der Einfallsreichtum des Komponisten und die Virtuosität des Arethusa-Quartetts.
Mit fünf Jahren begann sie das Geigenspiel, später kamen andere Instrumente dazu, ehe sie sich auf das Klavier kaprizierte. Aftab Darwishi ist in Teheran geboren, wo sie auch ihr erstes Studium absolvierte, bevor sie in die Niederlande ging, um dort ihren Abschluss als Komponistin für Filmmusik zu erwerben. Nach elf Jahren in diesem Beruf, der sie bereits bei ihrem Vater faszinierte, veröffentlichte sie 2022 ihr Debüt-Album A Thousand Butterflies. Wichtig ist der Künstlerin, dass sie sich nicht auf die persische Musik beschränkt, sondern vielmehr versucht, das Beste aus der Musik verschiedenster Kulturkreise als Essenz zu gewinnen. Nun ist sie nach Düsseldorf gereist, um hier die deutsche Erstaufführung von Map of Freedom zu erleben, eines knapp halbstündigen Werks, das im vergangenen Jahr beim Stiftfestival in der niederländischen Provinz Overijssel uraufgeführt wurde. Und zwar in nahezu identischer Besetzung wie jetzt in der Johanneskirche, berichtet Dowland. Die Landkarte der Freiheit rekurriert auf die jüngsten Ereignisse im Iran, will aber gleichzeitig Hoffnung auf eine bessere Zukunft zum Ausdruck bringen. Das Stück für Gesang, Sitar und Streicher verarbeitet dabei einen Text des iranischen Dichters Houshang Ebtehaj, den Luciana Mancini auf Persisch singt. Mahyar Tahmasbi gliedert das Werk mit den Soli auf seiner Sitar in drei Teile, weitere Soli erklingen auf der Geige von Daniel Rowland und dem Cello von Maja Bogdanović. Die Meinungen der Besucher zu der eingängigen Musik sind in der Pause recht deutlich: von „berührend“ über „bewegend“ bis „geht unter die Haut“ lauten die Urteile.

Hätte man es sich vorher wünschen dürfen, wäre die Wahl sicher auf mehr Musik von Darwishi gefallen – was das Konzert im Übrigen sinnvoll auf ein vernünftiges Zeitmaß gebracht hätte. Aber Dowland wünscht sich Größe und auch, noch mal möglichst viele seiner Musiker auf die Bühne zu bringen. Also steht Beethovens Symphonie Nr. 9 opus 125 im Arrangement von Vladimir Mendelssohn für Streichersextett, Orgel, Pauken und vier Solosänger am Ende des Festivals auf dem Programm. Und ja, es wird eindrucksvoll laut. So laut, dass die Ode an die Freude der Sänger kaum noch verständlich ist. Obwohl weder Sophie Klußmann, Luciana Mancini noch Patricio Arroyo-Lesuisse oder Tomas Kildišius normalerweise Schwierigkeiten haben, sich gegen ein Orchester zu behaupten. Wolfgang Abendroth als bekannt versierter Organist vermeidet gekonnt den häufigen Fehler, die Orgel in den Vordergrund zu spielen, und Niek KleinJan setzt die Pauken sehr gezielt ein. Die Transparenz, die gerade eine Stärke der Kammermusik ist, bleibt dennoch hier und da auf der Strecke, wobei es mehr am Arrangeur als an den Musikern liegt. Von deren Spiel wie auch vom Gesang ist das Publikum hingerissen – und kaum ist die letzte Note verklungen, springen die Besucher mit Bravo-Rufen von den Bänken und Stühlen, um sich stürmisch bei den Künstlern zu bedanken.
Und so endet das diesjährige ChamberJam-Festival mit voluminösem Glanz. Ein letzter Blick fällt in das Programmheft, das unbedingt erwähnenswert ist. Barbara Wengler und Gert Ulrich Brinkmann haben – was bei Festivals keinesfalls selbstverständlich ist – Texte verfasst, in denen man die Musik auch wiedererkennt und sich umfassend informiert statt werblich überfrachtet fühlt. Gut, statt des Geleitwortes des Pfarrers Brinkmann über die kirchlichen Osterfeierlichkeiten wären vielleicht ein paar Erläuterungen zum Festival und seiner Geschichte hilfreicher gewesen, aber ansonsten ist da wirklich ein Vorzeigeheft entstanden, zumal hier offenbar keine Kosten gescheut werden mussten und Hanne Abendroth eine opulente, sehr ansprechende grafische Gestaltung gelungen ist.
In der Bilanz kann man allen Beteiligten, was die Qualität der Musik und der Musiker, die vielfältige und stimmige Auswahl, aber auch die Organisation angeht, ein uneingeschränktes Kompliment aussprechen – und sich somit schon jetzt auf eine neue Ausgabe im kommenden Jahr freuen. Bis dahin lohnt vielleicht schon mal ein Blick auf das Stiftfestival, das vom 17. bis 25. August stattfindet. Auch dort hat schließlich Daniel Rowland die künstlerische Leitung.
Michael S. Zerban