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FREITAGSMUSIK
(Diverse Komponisten)
Besuch am
4. April 2025
(Einmalige Aufführung)
Wenn einem das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, erwartet man ja eher, dass eine Open-Air-Veranstaltung völlig verregnet ist oder einem Windböen den Fahrradausflug verleiden. Ingo Hoesch, als Seelsorgebereichsmusiker, wie der Kantor neuerdings heißt, im Erzbistum Köln für die katholische Kirchengemeinde St. Johannes der Täufer und Mariä Himmelfahrt in Erkrath und Düsseldorf-Unterbach zuständig, erlebt gerade das Gegenteil. Strahlender Sonnenschein und abendliche Temperaturen um 20 °C sorgen Anfang April dafür, dass die Menschen am Freitagabend Besseres zu tun haben, als ein Orgelkonzert in der Kirche zu besuchen. Gerade mal 20 Besucher sind in Mariä Himmelfahrt in Unterbach erschienen.
Hoesch lässt sich die Enttäuschung nicht anmerken. Zu groß war die Vorfreude auf den heutigen Gast in seiner Reihe Freitagsmusik. Seit zwölf Jahren kennen die beiden Musiker sich, jetzt ist es Hoesch endlich gelungen, ihn nach Unterbach einzuladen. Paolo Oreni wurde 1979 in Trevoglio, einer Kleinstadt in der italienischen Provinz Bergamo, geboren. Mit elf Jahren begann er, bei Giovanni Walter Zaramella am Konservatorium Gaetano Donizetti in Bergamo Orgel und Orgelkomposition zu studieren. Seine Studien setzte er ab 2000 am Nationalkonservatorium von Luxemburg fort. In Meisterklassen vertiefte er sein Orgel- und Klavierrepertoire. Neben Jean-Paul Imbert und Lydia Baldecchi Arcuri wurde vor allem Jean Guillou sein spiritus rector. Seither hat er eine beachtliche Karriere absolviert, etliche Alben eingespielt, gibt selbst Meisterkurse und berät Orgelbauer. Er hat die derzeit größte mobile Orgel entworfen, konzipiert und bauen lassen, die er Wanderer nennt. Er ist als virtuoser Organist bekannt, der seine Konzerte auswendig spielt, und gilt als Meister der Improvisation.

In gewinnender, offenherziger Manier zeigt er im persönlichen Gespräch, dass er die Bodenhaftung behalten hat. Weitab von der Höflichkeit des Gastes versprüht er Begeisterung über die Orgel und die Akustik des Saales, von der er sich bei der Probe am Nachmittag überzeugen konnte. Als Hoesch ihm die Truhenorgel vorführt, beschließen die beiden spontan, das Programm zu erweitern, um das Instrument mit einzubauen. Man kann gar nicht anders, als sich auf sein Konzert zu freuen.
Und natürlich kommen die Besucher, die sich trotz des wunderbaren Wetters entschieden haben, den Maestro zu erleben, nun in den größtmöglichen Genuss seines Spiels. Denn in der nahezu leeren Kirche können sich die Klangwellen ungehindert ausbreiten. Der Nachhall dürfte bei einer Messung sensationelle Spitzenwerte erreichen. Da bekommt man sehr schnell zu hören, warum Oreni den Klang der Orgel mit dem in einer Kathedrale vergleicht. Und dafür hat er genau das richtige Programm im Gepäck.
Auch Menschen, die sich an Johann Sebastian Bach sattgehört haben, können sich Orenis Interpretation von Toccata und Fuge in F‑Dur nicht entziehen. Schwingt da in der Frische und Größe so etwas wie Italianità mit? Vielleicht ist es Einbildung, aber sehr schön. Filigran klingt danach die Sonate von Domenico Scarlatti an der Truhenorgel. Die ungeplante Einlage kann selbst Oreni nicht ganz auswendig spielen. Da muss er schon auf die Noten zugreifen, die er in seinem Mobiltelefon gespeichert hat. Unglaublich.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Bach hat Franz Liszt die Fantasie und Fuge über den Namen „B‑A-C‑H“ komponiert. Der Organist, der sich auch für die kleine Kirche in einem abgelegenen Düsseldorfer Stadtteil in Abendgarderobe gekleidet hat, spielt eine fantastische Bearbeitung seines Mentors Jean Guillou. Jeder Kubikzentimeter Luft wird angefüllt mit Klang, der sich ohne Verzerrung ausbreiten kann. Sauber lässt Oreni die verschiedenen Ebenen des Orgelspiels erklingen und sorgt damit für ein Erlebnis, das auch Laien begeistern kann.
Mit einer zweiten Sonate Scarlattis zeigt Oreni noch einmal, welche Kraft und Anmut in der Truhenorgel mit ihren fünf Registern steckt, ehe er sich dem Allegro vivace aus der fünften Symphonie von Charles-Marie Widor widmet. „Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren“, hat Widor einmal formuliert. Oreni bringt zu Gehör, was der Begründer der französischen Orgelschule meinte, auch wenn er darauf verzichtet, die berühmte Toccata aus der fünften Symphonie wiederzugeben.
Für das Finale haben sich Hoesch und Oreni ausgedacht, wie man die Improvisationskünste des Organisten zur Geltung bringen kann. Das Publikum wird aufgefordert, drei Kirchenlieder zu nennen. Da enden dann die Vorstellungskräfte des Atheisten. Aber die Forderung nach dem Lied 393 aus dem Gotteslob Thema mit zwei Variationen klingt eher nach Herausforderung als nach Wunsch. Da wirken Geh aus, mein Herz und Großer Gott, wir loben dich schon versöhnlicher. Oreni nimmt es gelassen, und die Improvisationen laden nicht zum Mitsingen ein, sind aber schlicht großartig.
Über Generationen haben Organisten die Menschen mit ihrem Spiel gelangweilt. Dass nun die jungen Orgelspieler mit Begeisterung die „Königin der Instrumente“ wiederentdecken und lustvoll ans Werk gehen, kann nur zu Gunsten des Publikums ausgehen.
Michael S. Zerban