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FRIDA
(Eva Duda)
Besuch am
11. September 2024
(Premiere)
Ursprünglich als Altstadtherbst Kulturfestival Düsseldorf gegründet, gibt es das Düsseldorf-Festival inzwischen seit 34 Jahren. Zentrum des Festivals ist das Theaterzelt am Burgplatz in Düsseldorf. Im Lauf der Jahre haben Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen als künstlerische Leiter die Spielstätten deutlich erweitert. Heute finden die rund 60 Veranstaltungen in Kirchen, Museen und an ungewöhnlichen Orten statt. In den Spitzenzeiten des Festivals wächst das Team auf bis zu 70 Mitarbeiter an. Die Besucherzahlen werden mit mehr als 20.000 Menschen im Lauf der drei Festivalwochen angegeben. 900 Besucher passen in das Theaterzelt – und viel weniger werden es augenscheinlich auch bei der Eröffnung nicht sein.
Es gehört zum guten Ton eines Festivals, mit einer Veranstaltung zu beginnen, über die man „in der Stadt spricht“. Und hier gelingt Oxenfort und Dahmen ein Coup. Als Deutschlandpremiere haben sie die Eva Duda Dance Company mit dem Tanztheaterstück Frida eingeladen. Duda ist im ungarischen Szeged geboren, hat in Budapest studiert und gehört heute zu den bedeutendsten Choreografen ihrer Heimat. In Düsseldorf stellt sie ihre zweite Arbeit zum Thema Frida Kahlo vor, nachdem sie 2017 bereits eine Musiktheaterproduktion dazu entwickelt hatte.
Kahlo gehört mit Sicherheit zu den faszinierendsten Künstlerinnen, nein, Frauen des 20. Jahrhunderts. 1907 in Mexiko-Stadt geboren, war sie Lieblingskind ihres Vaters und wurde von ihm in die Geheimnisse der Fotografie eingeweiht. Mit sechs Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung, was zur Folge hatte, dass sie ein dünneres und kürzeres rechtes Bein zurückbehielt. Sie besuchte eine der besten mexikanischen Schulen. Mit 18 Jahren wurde sie Opfer eines Busunglücks, bei dem sich eine Stahlstange durch ihr Becken bohrte. Fortan musste sie ihren Alltag immer wieder liegend in einem Ganzkörpergips oder Stahlkorsett verbringen, von zahlreichen Operationen und Schmerzen ganz zu schweigen. Letztlich musste gar ihr rechter Fuß amputiert werden. Das konnte sie nicht entmutigen, ihr Leben nach ihren Möglichkeiten zu genießen.
Ein Jahr nach dem Unfall malte sie ihr erstes Selbstbildnis. In den Folgejahren malte sie sich immer wieder selbst. Typisch dabei waren die zusammengewachsenen, dichten Augenbrauen und der Damenbart, Merkmale, die sie stark übertrieb. Entgegen ärztlicher Prognosen lernte sie wieder zu laufen. Mit 22 Jahren heiratete sie den fast 21 Jahre älteren, notorisch untreuen, mexikanischen Maler Diego Rivera, der zu der Zeit bereits weltberühmt war. Zehn Jahre dauerte es bis zur Scheidung, dann flüchtete Kahlo sich in Alkohol, Affären und ihre Malerei. Ein gutes Jahr später heirateten die beiden erneut. Politisch blieb sie dem Kommunismus treu. Zu ihrer Berühmtheit trug ihr Äußeres bei. Sie zeigte sich gern in traditioneller Tracht, sprich farbenfrohen Kleidern, hochgesteckten Frisuren und indigenem Schmuck. Mit 47 Jahren starb sie vermutlich an einer Lungenembolie.

Ein Leben, das es eigentlich nur in einem Roman geben kann. Und so verwundert es nicht, dass ihre Biografie in Filmen und Theaterstücken immer wieder aufgegriffen wurde. Nun also bringt Eva Duda ihre Vita als Tanztheater auf die Bühne. Und sie langt in die Vollen. Hält sich József Petó beim Lichtdesign noch in einem eher unauffälligen Rahmen, darf sich Mátyás Fekete in seinen Projektionen austoben. Und er schwelgt. Nicht in den Fotografien, die es zahlreich von Kahlo gibt, sondern in ihren Bildern, die er auf die Leinwand im Hintergrund der Bühne wirft, auf einzelne Tableaus, die auf die Bühne getragen werden oder schlicht auf den Bühnenboden. Dazu lässt er die Murales, die großflächigen Wandgemälde von Rivera, erscheinen. Die Präzisionsarbeit gefällt ebenso wie das musikalische Schaffen von Izsák Farkas und Tibor Molnár, die szenisch passend auf bekannte Stücke oder eigene Kompositionen zurückgreifen. So reicht der musikalische Kosmos, der von der Festplatte eingespielt wird, vom Barock über mexikanische Folklore bis zur Salsa. Abwechslungsreiche bis fantasievolle Kostüme und Masken runden den Rahmen ab, in dem Duda das Leben der Künstlerin Revue passieren lässt.
Das 75-minütige Stück ist in zehn Kapitel unterteilt, so sind atmosphärische Wechsel problemlos möglich. Der Auftakt gerät der gesamten Compagnie zu einem lebensfrohen Tanz in glutvollem Rot. Schon mit dem zweiten Bild, das mit Broken Body überschrieben ist, erlebt das Stück einen seiner Höhepunkte. „Lass mich beweinen mein grausames Schicksal“: So beginnt die Arie Lascia ch’io pianga der Almirena aus Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo. Während Eleonora Accalai als wunderbare Verkörperung der Kahlo immer wieder über die Bühne getragen wird, hilflos, aber grazil, ihre Haltung wird hier schon fast akrobatisch, zieht die berühmte Trauerklage auch den letzten Besucher in den Bann. Nach Painting & Therapy wird Diego vorgestellt. Mit Tänzer und Ballettmeister Tibor Kováts hat Duda eine Idealbesetzung des Malerfürsten gefunden. Nicht nur der deutliche Altersunterschied zu Accalai, sondern auch Eleganz und Humor machen seinen Auftritt vor allem in der Heiratsszene zum Vergnügen. Warum zum Carneval der Bolero gewählt und in seiner ganzen Länge gespielt wird, ist nicht ganz schlüssig. Auch in Spiel und Tanz des Ensembles, das sich hier in Masken und auf Stelzen präsentiert, ist durchaus noch Luft nach oben, auch wenn der Charakter des Finales gelingt. Umso eindrucksvoller gestaltet sich der Abgesang. In Farewell wird die Bühne geräumt. Am Ende bleibt die Kahlo in typischer Aufmachung allein vor dem aufgereihten Ensemble zurück. Ein starkes Schlussbild.
Tänzerisch bietet das elfköpfige Ensemble solide Hausmannskost, gewürzt mit ein paar netten Einfällen. In Verbindung mit der erzählten Geschichte ergibt sich ein gelungener Abend, für den sich das Publikum mit frenetischem Applaus im Stehen bedankt.
Michael S. Zerban