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Foto © Sammi Landweer

Warnung aus Brasilien

FÚRIA
(Lia Rodrigues)

Besuch am
8. Februar 2019
(Premiere)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf

Es gab diesen Moment des Luftholens, der Hoffnung und der Perspektive. Das war, als der brasi­lia­nische Real an den ameri­ka­ni­schen US-Dollar gekoppelt wurde. Der Real stabi­li­sierte sich, gewann an Wert und die Wirtschaft kam in Schwung. Nach der erneuten Entkopplung der beiden Währungen erlosch der Hoffnungs­schimmer. Das ist lange her. Heute geht die Angst um in Brasilien. Seit Jahres­beginn heißt der neue Staats­prä­sident Jair Bolsonaro. Ein rechts­extremer Politiker, der bereits im Vorfeld seiner Wahl mit seinen Bemer­kungen in Brasilien und der Welt für schlimmste Befürch­tungen gesorgt hatte.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Besonders sensibel für solche politi­schen Umwäl­zungen sind die Favelas, Randbe­zirke großer Städte, an denen in der Vergan­genheit gern Exempel für politische Entschei­dungs­freude in der einen oder anderen Richtung statuiert wurden. In der größten Favela von Rio de Janeiro, Maré, arbeitet die Choreo­grafin Lia Rodrigues. Sie hat dort ein Tanzzentrum mit einer angeschlos­senen Tanzschule in einer ehema­ligen Lager­halle aufgebaut, die regel­mäßig auch Sprung­brett für junge Brasi­lianer nach Europa ist. Und hier entstehen ihre Produk­tionen, wie jetzt auch Fúria, das Stück, das heute Abend im Tanzhaus NRW Premiere feiert, nachdem es bereits Ende November in Paris urauf­ge­führt und im Frank­furter Mousonturm gezeigt wurde.

Die Bühne verschwindet beinahe in der Finsternis. Links in der hinteren Ecke liegt ein Bündel aus alten Plastik­folien, Lumpen und Säcken. Eine alte Fahne von Grèmio Porto Alegre ragt daraus empor. Nicht etwa die brasi­lia­nische Natio­nal­flagge mit ihrem Auftrag „Ordem e progresso“, also Ordnung und Fortschritt, sondern die Fahne eines Fußball­vereins. So wird es an diesem Abend viele kleinere Stell­ver­treter für die großen Dinge des Lebens geben. Ein junger Mann zieht sich mühevoll an der Fahnen­stange empor und beginnt damit eine Prozession des Leidens. Die Musik dröhnt aus den Lautspre­chern. Eine monotone, rhyth­mische Abfolge von Trommel­schlägen, denen unver­ständ­liche mensch­liche Stimmen unterlegt sind. Es ist der Pulsschlag des Lebens wie das Trommeln auf Galee­ren­schiffen gleicher­maßen. Marsch­musik für Macht­haber wie Unter­hal­tungs­musik für die einfache Bevöl­kerung. Diese Univer­sa­lität ist betäubend und hypno­tisch zugleich.

Foto © Sammi Landweer

Während­dessen nimmt das Leben auf der Bühne seinen traurigen Lauf. Da werden Leichen­säcke um die Prozession herum­ge­zogen, eine der neun Tänzer, Rodrigues selbst, perso­ni­fi­ziert das Leiden. Später wird sie als Macht­ha­berin auf dem Rücken eines Tänzers getragen werden. Bis dahin gibt es im Hinter­grund des Umzuges Sex- und Prügel-Szenen. Nach der ersten Prozession, die am rechten vorderen Rand der Bühne endet, wiederholt sie sich in Varia­tionen, bietet zugleich Raum für Neben­szenen. Es gibt viel Platz für Nacktheit. Nach rund 70 Minuten endet das Stück in einer Fanta­sie­an­sprache eines Tänzers, der sich eine rote Maske über das Gesicht gezogen hat. Nichts ist von seinen Worten zu verstehen – aber geht das nicht jedem so, der in einem fremden Land ankommt?

Rodrigues versteht ihr gleißendes, obwohl im Dämmer­licht von Nicolas Boudier gehal­tenes Stück als Warnung aus Brasilien für Europa. Die Wut, die im Stück immer wieder durch­bricht, steht stell­ver­tretend für die Wut, die in den Favelas brodelt. Die Wut entlädt sich aus der Peripherie in die Stadt – mit unabseh­baren Folgen, wie man es heute schon in Frank­reich erleben kann. Ob das eine gute Entwicklung ist oder nicht, lässt das Stück erwar­tungs­gemäß offen. Aber dass Wut eine ungeheure Energie freisetzen kann, das zeigt Fúria höchst eindrücklich. Politi­sches Tanztheater, das an allen Nerven­enden zwickt, gewinnt in einer immer orien­tie­rungs­lo­seren Gesell­schaft brutal an Bedeutung.

Das sieht auch das Publikum so, das seine Begeis­terung kaum zügeln kann. Ein großer, nachdenklich stimmender Abend, der zu den Glanz­punkten dieses Jahres gehört und die Messlatte sehr hoch legt.

Michael S. Zerban

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