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DAS GEHEIME PROJEKT
(Katrin Spaniol, Morgan Nardi)
Besuch am
27. Juni 2019
(Uraufführung)
Der Eingangsbereich der Kammerspiele, eine der beiden Spielstätten des Forums Freies Theater in Düsseldorf, erstrahlt im neuen Glanz, nachdem er monatelang fast komplett in einer Baustelle verschwunden war. Eingerahmt von einer neuen Gaststätte, wirkt der Vorraum zum Theater jetzt größer, heller und freundlicher. Bei der Inneneinrichtung gibt es sicher noch Wünsche, aber der Fortschritt ist schon gewaltig. Im Keller sind Veränderungen nicht sichtbar.
Geheimnisse sind keine mehr, wenn man darüber spricht: Der Satz geht einem unwillkürlich durch den Kopf, als Morgan Nardi vor der Aufführung von der kleinen Foyer-Bühne aus die Besucher auffordert, je ein Geheimnis auf den zuvor verteilten weißen Karten aufzuschreiben. Während viele Zuschauer pflichteifrig nach Stiften suchen und emsig notieren, was ihnen auf der Seele brennt, weist eine nur mit Vornamen vorgestellte junge Frau das Publikum in Tanzschritte des Boogies ein. Warum erschließt sich nicht, denn die frisch erworbenen Kenntnisse werden weder eingeübt noch späterhin benötigt. Stattdessen fordert Nardi Besucher auf, die eine spezielle Einladung zum heutigen Abend erhalten haben, ihm hinter die Bühne zu folgen. Dann endlich öffnet sich die Tür zum Saal, um das restliche Publikum einzulassen. Die Uraufführung des neuen Stücks von Kathrin Spaniol und Morgan Nardi kann beginnen: Das geheime Projekt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Performance | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die beiden Choreografen setzen sich mit dem Thema des Geheimnisses auseinander. Vielleicht sind die Erwartungen der Besucher zu hoch gesteckt, wenn sie Erkenntnisse darüber erwarten, was uns so neugierig macht, hinter Geheimnisse zu kommen, und wir andererseits so vieles unternehmen, um unsere eigenen – seelischen, erotischen, ökonomischen –Verstecke zu schützen, so gut wir können. Auf der Bühne geht es da profaner und zunächst einmal der Vorhang zu. Gekicher, Lachen und Fußgetrappel ist zu hören. Das Publikum wird in das Geschehen nicht eingeweiht. Da etwas plakativ, löst die gutgemeinte Aktion aber nicht die ach so bekannte Gier danach aus, den Vorhang lüften zu wollen, um zu erfahren, was sich dahinter abspielt. Der Bühnenaufbau, den Nardi anschließend auf der leeren Fläche vornimmt, indem er eine Etagere, einen Beamer, ein Mikrofon, eine Stellwand aufbaut, wirkt eher gedehnt denn geheimnisvoll. Und so reiht sich über eine Stunde Szene an Szene. Spaniol und Nardi agieren scheinbar unabhängig voneinander. Barbara Schröer unterlegt einige Bilder mit Videoprojektionen, in denen beispielsweise eine nicht erkennbare Person, da ausgeweißt, in einer Bar herumspaziert. Tobias Heide steuert Licht- und Klangdesign, konzentriert sich beim Weißlicht auf wenige, sinnvolle Effekte und hat den Klang im Raum sehr gut im Griff. Für die Ausstattung ist Lika Chkutiashvili zuständig. Die Kostüme sind unspektakulär, grau in grau gehalten, praktisch für das jeweilige Bild.

Es gibt noch einige Überraschungen, die hier geheim bleiben sollen, weil sie das Werk würzen. Trotzdem bleibt es dramaturgisch hinter den Erwartungen zurück. Eine eindrucksvolle Steigerung erfährt es im Finale, wenn Nardi und Spaniol zum Boogie zusammenkommen. Neben einigen schönen Tanzszenen liegt Spaniol am Ende zu Füßen Nardis, und die Beine zucken weiter. Welches Geheimnis hinter diesem starken Bild steckt, mag sich jeder selbst ausmalen.
Zum Schlussapplaus erscheinen – zwei Kinder. Sie nehmen den zweifelnden Beifall entgegen, den man lieber den Erwachsenen gespendet hätte. Und was ist aus den Geheimnissen geworden, die die Zuschauer zuzugeben bereit gewesen wären? Die verräterischen Papiere wandern eins nach dem andern in den Reißwolf, der rechts der Bühne steht, ehe die Zuschauer den Saal verlassen. Erstaunlich, und das mag die größte Erkenntnis des Abends gewesen sein, wie viele Menschen bereit gewesen wären, ihr größtes Geheimnis zu offenbaren.
Michael S. Zerban