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Verwunschene Welt

Die Wilis sind junge Frauen, die vor ihrer Hochzeit gestorben sind. Da jedoch die Tanzlust in ihren toten Herzen weiter­schlägt, verlassen ihre Geister des Nachts ihre Gräber, um an Wegkreu­zungen zu tanzen. Sollten sie dabei eines lebenden Mannes habhaft werden, tanzen sie so lange und wild mit ihm, bis dieser tot umfällt. Ballett­freunde wissen bereits an dieser Stelle, dass es nur um Giselle gehen kann. Das Werk nach einem Libretto von Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges und Théophile Gautier mit der Musik von Adolphe Adam hat seit seiner Urauf­führung an der Pariser Oper 1841 in unter­schied­lichen Fassungen alle großen Bühnen dieser Welt gesehen. Keine große Compagnie, die das frühro­man­tische Tanzstück nicht in ihrem Reper­toire hätte. Die Szenen brauchen viel Platz. Es gibt also eigentlich keinen Grund, das Stück in der so genannten Freien Szene aufzu­führen. Perso­nal­in­tensiv, aufwändige Kostüme und Orchester sprechen eindeutig dagegen, das Ballett auch nur in die Nähe kleiner Bühnen der Freien Szene zu rücken.

Foto © Michael Zerban

Das sieht Pascal Touzeau mit seiner kleinen Compagnie ganz anders. Als der Bildhauer Klaus Wagenbach ihm sein Kultur­labor am Düssel­dorfer Südring zeigte, war für ihn völlig klar, dass das der ideale Auffüh­rungsort für Giselle sei. Wagenbach hat derzeit eigentlich ganz andere Themen, die ihn beschäf­tigen. 2015 eröffnete er sein Kultur­labor. Auf einem mehrere 100 Quadrat­meter großen Gelände entstand so etwas wie ein verwun­schenes Paradies. Die Pflanzen wuchern, dazwi­schen sind einzelne kleine Gebäude versteckt, die zum Wohnen, als Werkstatt und für Ausstel­lungen dienen. Wenn Wagenbach nicht selbst ausstellt, unter­stützt er junge Künstler der Düssel­dorfer Kunst-Akademie, veran­staltet nebenher Konzerte und Lesungen. Solche Orte sind es, die eine Stadt lebenswert und besonders machen. Den Düssel­dorfer Städte­planern aller­dings sind solche Plätze eher ein Dorn im Auge, und so wird wohl im kommenden Jahr Schluss mit dem Natur- und Kunst­biotop sein. Es ist nicht das erste Mal, aber es wird immer seltener, weil die Orte aussterben. Umso schöner, dass Touzeau jetzt noch die Gelegenheit bekommt, die Natur­bühne zu bespielen. Jeden­falls war das der Plan: Eine kleine Rasen­fläche vor der Werkstatt des Bildhauers zu nutzen. Heftige Regen­fälle am Vorabend haben Impro­vi­sation erzwungen. Wagen­bauer hat tagsüber in einem Bungalow-ähnlichen Gebäude einen Bühnenraum herge­richtet. Weil es keine offizielle Spiel­ge­neh­migung gibt, sind ausschließlich persön­liche Gäste geladen. Ein Ballett­abend als private Vorführung kommt vermutlich auch nicht so oft vor.

Die Spiel­fläche umfasst gefühlt nicht mehr als 25 Quadrat­meter, von denen nach hinten zwei Türen abgehen. Wagenbach hat die Wände mit weißen Tüchern abgehängt, auf denen rechts und hinten zwei Schwarzweiß-Fotoserien aufge­hängt sind. Das Licht speist sich im Wesent­lichen aus einer roten Glühbirne, die einsam von der Decke baumelt, und einem Baustrahler, der von außen sein Licht durch ein Fenster wirft. In dieser surrealen Situation fühlt man sich schon vor Beginn der Aufführung der wirklichen Welt enthoben. Dass die Musik von der Festplatte kommt und zwischen­durch einfach mal ausfällt, inter­es­siert hier keinen.

Foto © Michael Zerban

Touzeau hat sich auf einige Exzerpte, wie er es selbst nennt, konzen­triert, also Auszüge aus der Handlung. Ohne das Libretto ist es für den Zuschauer fast unmöglich zu erkennen, welche Szenen der Choreograf ausge­wählt hat. Außerdem verbieten sich bei einer geschätzten Zimmerhöhe von etwas mehr als zwei Metern Hebungen und Sprünge. Derjenige, der ins Ballett geht, um seine Abendrobe auszu­führen und darüber zu disku­tieren, welche Fassung des Librettos nun die bedeut­samere sei, ist hier eindeutig fehl am Platz. Der Abend bezieht seine Stärke aus der Musik von Adolphe Adams – es sind Ausschnitte aus dem ersten und zweiten Akt zu hören – und der Strahl­kraft der Tänzer, die dem Publikum so nah kommen, dass man glaubt, ihren Atem zu spüren.

So können Alice Hunter, Caroline Powell und Valeria di Mauro eine schier atembe­rau­bende Inten­sität entwi­ckeln, die der Spitzentanz noch unter­streicht. Zur Unter­stützung, vor allem in den Pas de deux, üben sich Jonah Wigley und Ryan Drobner im Ausdruckstanz. Es entsteht eine sehr gekonnte Mischung aus klassi­schen Ballett­posen und freiem Tanz, die eigentlich noch einmal sehr schön auf den Punkt bringt, wofür Ballett in der Freien Szene stehen kann. Nicht das Gelackte, das Abgehobene und Geküns­telte steht hier im Vorder­grund, sondern die Nähe zum Publikum, die Anmut und Eleganz im Detail, die noch einmal einen anderen Zugang zum Tanz vermitteln. Abgerundet wird der Abend durch die Gesangs­ein­lagen von Bassba­riton Thomas Huy, der aus dem Dunkel des Gartens zur Bühne hinzutritt.

Nach herzlichem Applaus treffen sich Gäste und Akteure noch zu Quiche und Weißwein. Mit den Worten „Na, dann mal wieder auf in die andere Welt“ schwingt sich ein Besucher auf sein Fahrrad, um einen Ort zu verlassen, an dem gerade Bezau­berndes geschehen ist und der demnächst verschwunden sein wird.

Michael S. Zerban

Mehr Bilder zur Aufführung gibt es hier zu sehen.

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