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GLANZ DER ROMANTIK
(Antonín Dvořák, Johannes Brahms)
Besuch am
2. November 2019
(Generalprobe)
Ein Höhepunkt im Jahresschaffen des Düsseldorfer Projektchors ist das Winterkonzert, das am ersten Novemberwochenende in der Adolfus-Kirche im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort stattfindet. Der Winter ist an diesem Samstagmorgen noch weit von der Landeshauptstadt entfernt. Draußen ist es regnerisch, aber mild. In der Kirche hat sich die Luft immerhin schon so weit abgekühlt, dass sich die Menschen dort in warme Jacken eingehüllt haben. Auf den leeren Bänken sind Taschen und Instrumentenkoffer abgestellt. Ein, zwei Kameras sind auf Stativen aufgebaut, ein paar Helferlein wuseln durch den Kirchenraum. Im Altarraum hat sich der Chor aufgestellt, davor sitzen mittig die vier Solisten, umringt von Mitgliedern des Kölner Sinfonieorchesters. Vor dieser Personalversammlung steht Stephan Hahn auf dem Dirigentenpult. Alle sind umringt von Mikrofonen. Es wirkt ein wenig trist. Die Generalprobe hat begonnen.

Im Allgemeinen versteht man unter einer Generalprobe einen Gesamtdurchlauf unter Aufführungsbedingungen. Fehler werden dann nicht mehr bemängelt, sondern in einer Nachbesprechung aufgearbeitet. Beim Projektchor scheint alles ein wenig anders zu sein. Hier steht niemand im festlichen Gewand der morgigen Aufführung. Und von einem Durchlauf ist der Chor weit entfernt. Der Ablauf der Probe orientiert sich eher an terminlichen Notwendigkeiten der Beteiligten als am Programm des bevorstehenden Abends. Ziemlich mutig. „Kein Grund zur Sorge“, wiegelt Altistin Petra Puhala ab. „Das kennen wir gar nicht anders. Und morgen sind alle auf den Punkt.“ Die vergleichsweise wenigen Gesangsproben, die an diesem Morgen zu hören sind, scheinen ihr recht zu geben. Und immerhin hat der Chor ja seit dem Frühjahr auf diesen Punkt hingearbeitet.
Die diesjährige Aufführung steht unter dem Titel Glanz der Romantik. Dazu hat der Chor zwei Werke ausgewählt. Die Probe der Messe D‑Dur von Antonín Dvořák verläuft für den Chor offenbar vollkommen zufriedenstellend, auch wenn der Außenstehende sich wundert, noch nie so wenig von dieser Messe gehört zu haben wie an diesem Vormittag bei der Generalprobe. Das Gehörte allerdings überzeugt auch im leeren Gotteshaus. Und das liegt nicht allein an den Leistungen des Chors. Schließlich kann der Klangkörper auf erfahrene Solisten zurückgreifen. Mit der Sopranistin Aisha Tümmler, der Altistin Carola Günther, dem Tenor Ulrich Cordes und Kai Preußker als Bass steht dem Chor eine Spitzenmannschaft zur Verfügung. Das Stück allerdings wird bei der Aufführung erst an zweiter Stelle stehen.

Nach einer Umbaupause stehen die Mitglieder des Kölner Sinfonieorchesters in leicht veränderter Besetzung für das Stück bereit, das den morgigen Abend eröffnen wird. Und ohne die Leistungen der Chorsänger schmälern zu wollen, was in keiner Weise gerechtfertigt wäre: Der Höhepunkt der bevorstehenden Aufführung wird das erste Stück. Johannes Brahms hat nur eines davon geschrieben, und lange Zeit galt es einfach als geigerfeindlich und unspielbar: Das Violinkonzert in D‑Dur. Heute zählt es zu den bekanntesten Werken dieser Gattung und ist für Solo-Geiger schon so etwas wie ein Pflichtprogramm. Stephan Hahn hat für diesen Part Ye Wu eingeladen, die längst zur Weltspitze gehört. „Da werdet ihr jetzt was erleben“, murmelt der Chorleiter in der Umbaupause einigen Umstehenden zu – und er wird Recht behalten.
Ganz in schwarz gekleidet, betritt Ye Wu den Altarraum, ihre Geige tänzelt in ihren Händen. Jede ihrer Körpergesten sagt: Lass mich in Ruhe. Nachdem in den Kirchenbänken wieder Ruhe eingetreten ist, zeigt die Geigerin, wie man das virtuose Stück angeht. Notenblätter braucht sie dafür nicht. Jede Anforderung wischt sie mit unglaublich leichter Hand weg. Und gäbe es nicht die nervösen Gesten in den Pausen, wollte man nicht glauben, dass das Werk irgendeine Herausforderung für sie darstellte. Es ist unglaublich, mit welcher Virtuosität die introvertierte Musikerin sich des Stücks annimmt. Aus dem freien Raum greift sie nach den Noten, lässt sie in flinken Läufen an den Ohren des Publikums vorübergleiten, um gleich darauf bei einer anderen Taktzahl einzusteigen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Das ist Genuss pur.
Findet auch eine Dame, die, von den Klängen angelockt, in die Kirche gefunden hat und nun alles daran setzt, noch eine Karte zu bekommen. Hartnäckig fragt sie sich durch, bis sie den richtigen Ansprechpartner gefunden hat. Und Recht hat sie. Denn diese Generalprobe, so ungewöhnlich sie verlaufen ist, ist ein großes Versprechen. Und für Schnellentschlossene lohnt es sich, auch bei der Abendkasse noch vorzusprechen.
Michael S. Zerban