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HAMMOND-ORGEL TRIFFT BERT KAEMPFERT
(Bert Kaempfert, Gero Körner)
Besuch am
8. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)
Einem Orgel-Festival haftet immer ein wenig der Geschmack des Altbackenen an. Orgelklänge zur sonntäglichen Messe mögen ja noch angehen, da kennt man’s, und man muss ja nicht hingehen. Beim Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festival ist – fast – alles anders. Frederike Möller als Intendantin setzt alles daran aufzuzeigen, wie vielfältig Musik mit der Orgel sein kann. Und egal, wo man das Programmheft, das bei 50 Konzerten inzwischen den Umfang eines Bastei-Lübbe-Romans erreicht hat, aufschlägt, stößt man auf ungewöhnliche Angebote. Die „Musiktheater-Performance“ Zu Tage findet man da ebenso wie das Cabinet des Dr. Caligari als Stummfilm mit Orgel-Begleitung, einen barocken Orgelspaziergang am Rhein unter dem Titel Vom König zur Queen oder Tango meets Klezmer, einen Abend mit Akkordeon, Klarinette und Klavier, um nur wenige Beispiele zu nennen. Es lohnt sich also, von der bunten Konfekt-Tüte zu naschen.

Im Maxhaus in der Düsseldorfer Altstadt ist von einer Pfeifenorgel weit und breit nichts zu sehen. Und trotzdem strömen die Besucher in Scharen, um den Auftritt von Gero Körner und seinen Freunden nicht zu verpassen. Die wollen nämlich das Publikum mit einer Hammond-Orgel, Saxofon, Trompete und Schlagzeug begeistern. Laurens Hammond war ein zunächst unglücklicher Erfinder, der lauter Dinge erfand, die die Welt nicht brauchte oder zumindest nicht wollte. 1933 koppelte er seinen selbstentwickelten Synchronmotor mit einem Klavier. Die Hammond-Orgel war geboren. 1935 wurde das Instrument der Öffentlichkeit vorgestellt und fand zunächst in Nordamerika Verbreitung in den Kirchen als preiswerter Pfeifenorgel-Ersatz. So recht durchsetzen konnte sich der typische Klang in der Sakralmusik, abgesehen von Gospels, nicht. In Verbindung mit dem Leslie-Lautsprecherkabinett allerdings setzte sich das Instrument in den unterschiedlichsten Musikrichtungen durch und gilt heute als etabliert.
Und was hat nun Bert Kaempfert mit der Hammond-Orgel zu tun? Zunächst einmal herzlich wenig. 1923 als Sohn eines Malergesellen in Hamburg geboren, studierte er Klavier, Klarinette, Saxofon und Akkordeon. Er begann, unter anderem für den NWDR und Polydor zu komponieren und zu arrangieren. Damit fing seine Karriere als Orchesterleiter, Musikproduzent, Arrangeur und Komponist an. Neben James Last wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg der erfolgreichste deutsche Orchesterchef und gehört zu den Pionieren des Easy Listening, ein Begriff der leichten Unterhaltungsmusik, den vor allem Last für sich reklamierte. „Eine Musik, die nicht stört“, nannte Kaempfert diesen Stil.
Neben dem Umstand, dass er als Entdecker und erster Produzent der Beatles gilt, verdanken wir ihm viele weltbekannte Melodien, die heute eher mit ihren berühmten Interpreten verbunden werden. Sein Gesamtwerk umfasst rund 400 Kompositionen und 750 Orchester-Arrangements, weltweit wurden bis zu seinem Tod im Alter von 56 Jahren 150 Millionen Platten mit seinen Melodien verkauft. Als Gero Körner und seine Freunde auf Bert Kaempfert stießen, beschlossen sie, ein Programm mit eigenen Arrangements zu erstellen: Hammond-Orgel meets Bert Kaempfert.

Nach Nostalgia, mit dem die Musiker beginnen, gibt es L‑o-v‑e, einen Song, den Nat King Cole berühmt machte. Mes emmerdes – zu Deutsch meine Sorgen – war ein Erfolg für Charles Aznavour, der in der deutschen Version Als es mir beschissen ging heißt. Bei Spanish Eyes, dem Dauerschlager, den mal als Schnulze heute noch gerne hört, wird deutlich, warum die Wiedererkennung schwerfällt. Schmalz ist die Sache von Körner nicht. Da wird entschlackt und verjazzt, gerade das Thema oder der Refrain bleiben noch in Fragmenten erhalten.
Körner hat Spaß daran, die Hammond-Orgel möglichst facettenreich zu spielen. Unterstützt wird er am Schlagzeug von Benedikt Hesse, die Trompete beherrscht meisterlich Volker Deglmann und Christine Corvisier begeistert das Publikum nicht nur am Saxofon, sondern auch mit ihren Arrangements. O mein Papa – O mein Papa Ist Eine Wunderschöne Clown treiben die vier den Easy-Listening-Sound aus, lassen daraus eingängigen Jazz werden. Duke Ellington hat Caravan zur Berühmtheit verholfen, heute Abend gibt es eine „moderne“ Fassung zu hören. Und wie es sich für Jazzer gehört, behält keiner der Schlager seine Originallänge um die drei Minuten dreißig, so dass die erste Dreiviertelstunde rasch verfliegt.
Auch nach der Pause weiß Körner das Publikum mit kleinen Anekdoten zu begeistern. Nach Billie’s Bounce und Proud Mary kommt das, was man wohl als den Höhepunkt des Abends bezeichnen darf. Bei Stranger in the Night übernimmt Deglmann die Hauptrolle und sorgt dafür, dass es mindestens so gut klingt wie bei Frank Sinatra, nur eben anders. Mit Pussycat weicht das Ensemble von der bisherigen Ordnung ab und spielt eine Komposition von Gero Körner. Mit La belle vie und Softly geht der offizielle Programmteil mit vielen gefeierten Soli nach zwei Stunden zu Ende. Und allmählich müssen die Besucher, die mit dem ÖPNV anreisen, zusehen, dass sie Land gewinnen, wenn sie nicht eine halbe Stunde Wartezeit an der Haltestelle in Kauf nehmen wollen. Das mindert die Begeisterung über einen großartigen Abend mit Orgel nicht. Und so mancher wird nach diesem Abend noch einmal das Programmheft gründlicher studieren.
Michael S. Zerban