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Foto © O-Ton

Grenzenlose Trauer

HELLO TO EMPTINESS
(Stephanie Thiersch)

Besuch am
19. Februar 2022
(Offene Probe)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf, Studio 6

Während sich die öffentlich-recht­lichen Medien schon mal langsam wieder in Kriegs­rhe­torik üben und mit Lust Bilder von Panzern, Truppen­be­we­gungen und zerstörten Häusern in der Ukraine zeigen, fühlen viele Menschen in Deutschland eine seltsame Leere. Sie fühlen sich schlecht infor­miert, haben ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung und wollen ganz sicher keinen neuen Krieg in Europa, der sich wie ein Zündfeuer über die ganze Welt ausbreiten könnte. Unver­gessen ist die Trauer, die der letzte Weltkrieg über die Menschen brachte. Bis heute eine grenzenlose Trauer.

In deutschen Theatern herrscht derweil Konfusion. Klein denken, um im Falle neuer staat­licher Repres­sionen gewappnet zu sein. Auf allzu Bewährtes bauen, um das verbliebene Publikum in die Säle zu locken. Anstatt den großen Wurf zu wagen, stürzen sie sich auf die ideolo­gische Sprach­ver­ge­wal­tigung, die ihnen die Regierung vorgibt, ungeachtet, dass ihr Publikum eine Geschlech­ter­sprache ablehnt. So kann man Subven­tionen retten. Und dass erst das Fressen und dann die Moral kommt, mussten uns nicht erst die Kultur­ar­beiter beibringen. Das gilt sicher auch für Stephanie Thiersch, weil es ja auch legitim ist. Mit dem Unter­schied, dass Thiersch sich nicht von klein, klein diktieren lässt.

Ihr neues Stück heißt Hello to Emptiness – Sag willkommen zur Leere. Es wird ein „Perfor­mance-Konzert“, das sie und ihr Team um die Welt führt. Wie von Thiersch gewohnt, denkt sie groß und lässt sich auf das Thema Trauer ein. Im Studio 6 des Tanzhauses NRW stellt sie erste Szenen ihres Werks bei einer offenen Probe vor. Das Tanzhaus hat das Publi­kums­in­teresse falsch einge­schätzt, und so müssen tatsächlich Menschen wieder wegge­schickt werden. Anschließend werden von Thiersch die Ausfälle verkündet, zumeist Corona-bedingt. Was vom Abend bleibt, ist aufregend genug.

Manon Parent und Julien Ferranti – Foto © O‑Ton

Das Studio ist mit weißem Licht tageshell ausge­leuchtet. In der Mitte ist ein Wasser­becken angelegt, an dessen Rückseite es ein kleines Podium gibt. Ein Versprechen. Mehr ist es im Moment noch nicht. So wie vom Stück bis heute kaum die Hälfte steht. Aber was Thiersch zeigt, begeistert schon jetzt. Zunächst lässt sie einen etwa viermi­nü­tigen Film vorführen, in dem die Akteure eine Prozession absol­vieren. Das ist noch wenig beein­dru­ckend, zumal Lauren Steel noch keine Kostüme angefertigt hat. Anschließend darf der Düssel­dorfer Bürgerchor, so kündigt Thiersch die älteren Herrschaften an, auf der Bühne wandeln, während Mariana Sadovska, Manon Parent und Julien Ferranti sich auf dem Podium versammeln, um ein griechi­sches Lamento zu singen und sich anschließend unter das Volk mischen. Das kann was werden. Dann dürfen Parent und Ferranti zeigen, wie man Trauer auf die Bühne bringt. Sie legen ihre Bekleidung ab, Parent steht mit Bikini und Shorts am einen Ende, Ferranti in Badehose mit drei Streifen – also hier muss Steel wirklich noch ran – am andern Ende, kommen aufein­ander zu und gestalten einen „pas de deux“, der alles bietet, was Trauer bedeutet. Sie können vonein­ander nicht lassen, auch wenn der Blick schon in die Ferne schweift, weil Abschied das Signal der Stunde ist, sie klammern sich anein­ander, voller Sehnsucht, das Loslassen will einfach nicht gelingen. Trauer bedeutet, sexuelles Verlangen zu haben, ohne die Erfüllung zu bekommen, Nähe zu suchen, die nicht mehr da ist, den festhalten zu wollen, der gegangen ist. Allein dieser Auftritt der beiden recht­fertigt jedes Stück über Trauer. Da geht es schon ganz nahe an die Gänsehaut. Gegen die Trauer kommt nicht einmal die Verliebtheit der ersten Stunden an, weil man niemals verliebter ist als zu Zeiten des Abschieds. Das ukrai­nische Lamento, leise vorge­tragen von Sadovska am Rande des Schlacht­felds der Emotionen, unter­streicht den tänze­ri­schen Auftritt ungemein.

Ein franzö­si­sches Lamento, also ein Klage­gesang, schließt den Proben­vortrag ab. Hier darf sich Ferranti stimmlich austoben, während die drei sich durch den Wasser­spiegel wiegen. Am Ende des Abends gibt es weniger zu sehen als erwartet, aber das Wenige ist mehr als vielver­spre­chend. Insgesamt werden in der Endfassung wohl fünf Solisten und ein Chor alter Bürger auf der Bühne zu sehen sein. Die Urauf­führung ist am 16. April an der Griechi­schen Natio­naloper in Athen geplant, die deutsche Erstauf­führung soll am 29. und 30. April im Tanzhaus NRW in Düsseldorf zu sehen sein. Ach so, wie ein Stück über Trauer enden muss? „Lustig, natürlich“, sagt Thiersch lachend. Ob sie es ernst meint, wird im April zu erfahren sein.

Michael S. Zerban

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