O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Valeria Isaeva

Trauer in großer Inszenierung

HELLO TO EMPTINESS
(Stephanie Thiersch)

Besuch am
29. April 2022
(Deutsche Erstaufführung)

 

Tanzhaus NRW, Großer Saal, Düsseldorf

Trauer ist universal und vermutlich so alt wie die Menschheit. Dabei gibt es wohl so viele Arten zu trauern, wie es Menschen gibt. Jetzt hat sich die Kölner Choreo­grafin Stephanie Thiersch und ihr Ensemble Mouvoir mit einer Vielzahl von Gästen dieses Themas angenommen. Dabei müssen eine Menge Fragen entstehen, vor allem, wenn man den Begriff nicht eingrenzt. Wie gestaltet sich Trauer im Laufe der Geschichte und in Bezug zum Kultur­kreis, wie verändert sich Trauer, wenn die Gesell­schaft und ihre relevanten Konflikt­stoffe sich ändern? Und nicht zuletzt: Welche Bedeutung hat Trauer für den einzelnen und für die Gemein­schaft? Um solchen Fragen nachzu­gehen, wählt Thiersch in gewohnter Weise einen ganzheit­lichen Ansatz, lässt also alle Genre-Grenzen fallen, und verlässt sich auf ihr längst inter­na­tio­nales Netzwerk. Das kann schon mal zu Schwie­rig­keiten bei der Einordnung und in der Bewertung ihrer Arbeit führen. Wie beispiels­weise bei ihrem neuesten Werk Hello to Emptiness – Sag willkommen zur Leere – das am 16. April seine Urauf­führung an der griechi­schen Natio­naloper in Athen feierte und nun im Großen Saal des Tanzhauses NRW in Düsseldorf zur deutschen Erstauf­führung kommt.

Die Bühne ist ein Traum. In der Mitte, etwas seitlich versetzt, ist eine Wasser­fläche angelegt, die von „Felsen­ge­stein“ aus angemalten Weich­gummi umgeben ist. Hinter der Wasser­fläche wird daraus eine Art Podest. Links davon sind im Hinter­grund fünf Schaukeln als Luftele­mente aufge­hängt. Die dienen aller­dings eher als Versamm­lungsort, als dass sie rechten Einsatz finden. Über der Bühne ist eine Brücke angebracht, die einen Licht­schacht über der Wasser­fläche freigibt. So kann Begoña Garcia Navas immer wieder mit inter­es­santen Licht­ef­fekten glänzen. Bei den Kostümen hat Lauren Steel viel Fantasie walten lassen. Der von Thiersch zusam­men­ge­stellte Chor älterer Bürger aus Düsseldorf und Umgebung ist in lilafarbene, wallende Gewänder gekleidet, die Darsteller tragen türkis­farbene, seidene Stoffe und reichlich Perlen­schmuck. Das hat schon was von Geschichten aus 1001 Nacht. Die Choreo­grafie ist eine Teamarbeit von Thiersch und den Tänzern. Sie ist abwechs­lungs­reich, vielschichtig und in Zusam­menhang mit den Chorbe­we­gungen entstehen hier geradezu opern­hafte Bilder. Bis hierhin ist es eine wunderbare Tanzdar­bietung, die zahlreiche Emotionen über Humor, Wut, Nachdenk­lichkeit, Zagen und Traurigkeit zeigt, eben alles, was in das Umfeld von Trauer gehört.

Foto © Valeria Isaeva

Aber Thiersch reicht das nicht. Denn die Tänzer können mehr. Sie können singen und kompo­nieren. Und damit wird der Tanz zu – ja, was? Grundlage eines „bewegten Konzerts“? Dann wird der Abend den Besuchern nicht gerecht. Denn die Kompo­si­tionen von Martha Mavroidi und Mariana Sadovska vertonen ukrai­nische, italie­nische, türkische, griechische, englische und lediglich einen deutschen Text. Dazwi­schen werden Texte verschie­dener Autoren in verschie­denen Fremd­sprachen rezitiert. Da gibt es für das Publikum keinen Zugang, denn Übertitel fehlen. Das ist bei einem irrsin­nigen Aufwand Perlen vor die Säue. Oder eben doch „nur“ musika­lische Unter­malung. Das aller­dings wird wiederum den großar­tigen Stimmen nicht gerecht. Martha Mavroidi lässt sich durch die Gegend tragen, während sie samtweich singt. Mariana Sadovska lässt eine uralte ukrai­nische Seele erklingen. Manon Parent gibt sich als Biest. Mit samtweichem Bariton glänzt Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola. Und absolut berückend ist Julien Ferranti, ein Counter­tenor, der an diesem Abend mal einen eindrucks­vollen Bass zu Gehör bringt.

Um hier keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Thiersch ist wieder ein außer­or­dent­liches Werk gelungen, das zu Recht gleich durch die halbe Welt tourt. Im September geht es nach Seoul, im November nach Nîmes und im Dezember nach Leipzig. Aber das Gefühl bleibt, dass sie sich hier unter Wert verkauft. Das zahlreich erschienene Publikum, das erfreulich jung ist, applau­diert entschieden, aber kurz. Am 30. April gibt es für Kurzent­schlossene noch die Möglichkeit, sich der Trauer im Tanzhaus hinzugeben.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: