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DAS HERZ GEHT AUF
(Diverse Komponisten)
Besuch am
6. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Zimmerli Sounds ist eine Firma, die sich auf Akustikberatung spezialisiert hat. Sie sitzt in unmittelbarer Nähe zum Düsseldorfer Hauptbahnhof. Und sie gehört zu den 48 Spielstätten von Weltklassik am Klavier, einer Konzertreihe, die, von Kathrin Haarstick veranstaltet, über ganz Deutschland verteilt stattfindet. In Düsseldorf also steigen die Künstler aus dem Zug, laufen über die Straße und finden sich im „Konzertsaal“ wieder. Gut für die Künstler. Seitdem Düsseldorf sich entschieden hat, autofeindlichste Stadt Deutschlands zu werden, kostet der Parkplatz am Straßenrand 4,50 Euro die Stunde, im privaten Parkhaus sind es 3,50 Euro, die nur bargeldlos bezahlt werden können. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, wohin das führt, wenn beispielsweise Besucher aus dem Nachbarkreis Mettmann die dreifache Zeit für eine deutlich unkomfortablere Anreise benötigen. Kommt man aus Düsseldorf, könnte es sein, dass man es in der doppelten Zeit schafft. Aber warum sollte man? Darauf gibt die Stadt keine Antwort, betroffen werden davon vor allem kleinere Spielstätten sein.
Allein daran dürfte es heute nicht liegen, dass es gerade mal elf Menschen in die Geschäftsräume geschafft haben. Bei Temperaturen von 25 °C am Samstag Anfang April gibt es sicher verlockendere Angebote der Freizeitgestaltung als ein Klavierkonzert im geschlossenen Raum. Dabei ist hier im Eingangsbereich alles liebevoll für die Besucher hergerichtet. Eine großzügige Bestuhlung, bei der sich keiner beengt fühlen muss, die Programme liegen bereits auf den Sitzplätzen, in einer Ecke wird Wein und Wasser angeboten. Gewiss, es gibt hier kein Podium, so dass die Künstlerin von den hinteren Reihen aus kaum zu sehen ist, aber dafür ist der Flügel in einer akustisch aufbereiteten Ecke aufgebaut, so dass sich hier ein warmer, voller Klang ergibt. Abgesehen von einem leichten Klirren des Instruments sind das fast so ideale Bedingungen wie im Bechstein-Zentrum der Stadt.
Eingeladen ist heute Sarah (SeulA) Jeon mit ihrem Programm Das Herz geht auf: Pastorale, Erinnerungen, Fantasiestücke. Sie ist im südkoreanischen Seoul geboren und schloss 2013 ihren Bachelor an der Sookmyung Women’s University ab. Den Master erwarb sie an der Weimarer Musikhochschule, ehe sie im vergangenen Jahr das Konzertexamen an der Musikhochschule Mannheim ablegte, bekanntlich der höchstmögliche Bildungsabschluss für das praktische Musik-Studium. Bei Weltklassik am Klavier ist sie bereits zum wiederholten Mal zu Gast, und es wird ungefähr bis zum ersten Anschlag dauern, bis man weiß, warum das so ist.

Nach einer kurzen wie freundlichen Begrüßung der Gastgeberin und einer kurzen Verbeugung der Pianistin beginnt letztere unverzüglich mit einem weniger bekannten Nocturne von Frédéric Chopin. Nocturnes sind romantische Solostücke der Klaviermusik und heute besonders mit dem Namen des Komponisten verbunden, der davon zwischen 1827 und 1846 insgesamt 21 Werke verfasste. Die drei Nocturnes unter der Opus-Zahl 9 waren die ersten, die veröffentlicht wurden. Sie wurden 1832 publiziert. Das zweite Nocturne ist wohl das bestbekannte. Heute darf das Publikum hören, dass ihm das dritte in H‑Dur in nichts nachsteht, vielleicht nicht so verträumt, aber umso lebhafter gestaltet werden kann. Überhaupt hat die Pianistin, die das gesamte Programm auswendig spielt, ein Faible für die Geschwindigkeit.
Das wird spätestens bei Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 15 deutlich, die aus dem Jahr 1801 stammt, heute als Pastorale bezeichnet und selten im Konzertsaal gespielt wird. Unter einer Pastorale versteht man im musikalischen Sinne ein Stück, dass „das Landleben, besonders aber das Hirten- und Schäferleben, in idealisierter oder utopischer Form“ darstellt. In den vier Sätzen darf Jeon ihre Virtuosität abermals ausleben. Mit fröhlicher Leichtigkeit geht ihr das von den Händen, allenfalls, wenn sie zwischen zwei Sätzen ein paar Sekundenbruchteile länger braucht als zwischen anderen, wird deutlich, mit welch hoher Konzentration sie zu Werke geht.
Das gilt auch für die Variationen über ein beliebtes Thema von Rode – La ricordanza, opus 33 von Carl Czerny. Der Beethoven-Schüler schrieb seine Variationen basierend auf dem Air varié opus 10 von Pierre Rode. Leicht und schnell erklingt das Werk fast wie ein Intermezzo, bevor es etwas dramatischer wird. Die acht Fantasiestücke opus 12 von Robert Schumann sind der erste Klavierzyklus, den der gebürtige Sachse und spätere Generalmusikdirektor von Düsseldorf verfasste. Jeon lässt in ihrer Interpretation durchaus Dramatisches anklingen, verpasst dem Stück Modernität und fesselt das Publikum bis zur letzten Note. Irgendwie klingt an diesem frühen Abend so gar nichts nach dem 19. Jahrhundert. Also alles richtig gemacht. Und Sarah Jeon setzt noch eins drauf, wenn sie ihre Lieblingszugabe zum Besten gibt. Es sind die Träumereien von Schumann, die sie mit großer Zärtlichkeit zu Gehör bringt.
Die Besucher wissen ihr nicht nur für einen wunderbaren Vortrag zu danken, sondern auch dafür, dass sie damit unter zwei Stunden bleibt. Während die Pianistin allmählich zusehen muss, dass sie ihren Zug nach Mannheim erreicht, eilen die Besucher zu ihren Autos. Das ist also die neue Lebensqualität in Düsseldorf. Schön, dass man nach einem solch gelungenen Konzert eine große Gelassenheit an den Tag legen kann.
Michael S. Zerban