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IN NOT
(Simon Hartmann, Daniel Ernesto Müller)
Besuch am
20. Dezember 2017
(Uraufführung am 19. Dezember 2017)
Im Dreieck von Capitol und Tanzhaus NRW herrscht gespenstische Ruhe. Im Musical-Haus gibt es keine Aufführung, die Parkplätze sind verwaist, die Kurse im Tanzhaus sind für dieses Jahr abgeschlossen und das eben neu eröffnete Café hat geschlossen. Der künstlerische Alltag hat sich hier verabschiedet. Nur auf der Studiobühne – im Herzen des Tanzhauses – gibt es noch einen letzten Pulsschlag.
Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller lernten sich 2006 während ihres Studiums an der Folkwang-Universität der Künste in Essen kennen und gründeten 2011 ihre Kompanie HARTMANNMUELLER in Düsseldorf. Am Vorabend fand die Uraufführung ihrer neuesten Produktion in noT statt, jetzt steht die Reprise auf dem Programm. Die menschenleere Bühne von Felix Ersig, der später selber Bestandteil davon werden wird, ist in gleißendes Weißlicht getaucht. Auf einer weißen Kehle steht mittig ein Tisch. Darauf links ein hoher Tonklumpen, in Plastikfolie eingeschlagen. Am rechten Bühnenrand ein einfacher, weißer Stuhl.
| Musik | ![]() |
| Schauspiel | ![]() |
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Ein Darsteller betritt, mit einem Koffer in der Hand, die Bühne und schreitet zum Tisch. Er öffnet das Koffer und entnimmt ihm verschiedene Gegenstände, um den Tonklumpen zu bearbeiten, den er zuvor vom Plastik befreit. Am Ende der gemessenen Aktion ist aus dem Tonklumpen mit viel Fantasie so etwas wie ein Kopf mit zwei Hörnern entstanden. Am einen Horn ist eine Maske angehängt. Der schwarzgekleidete Mann besprüht den Lehm ein letztes Mal mit Wasser und tritt ab. Ein neues Kapitel beginnt, wie auch im Übrigen fein säuberlich durch Hell-Dunkel-Effekte des Weißlichts von Philipp Zander abgetrennt. Ein zweiter Mann betritt die Bühne und beginnt mit der Zumutung für den Zuschauer. Denn dieses Kapitel dauert annähernd 20 Minuten, ohne dass Wesentliches passiert. Der Darsteller stiert den Stuhl an, setzt sich und schläft ein. Abschließend erwacht er zur eingespielten Disco-Musik von Orson Hentschel, der auch für die sparsamen akustischen Effekte sorgt, und legt ein Trommel-Solo von Händen auf Oberschenkeln hin. Im Zwischenspiel bekommt er die Maske von dem ersten Darsteller übergestreift, ehe er mit einer Art Singsang, der das Wort Hallo in vielfachen Variationen intoniert, beginnt. Endlich hat das Publikum etwas zu lachen.

Allerspätestens im Moment des Einschlafens wäre es an der Zeit für den Zuschauer, den Saal zu verlassen. Wenn ein Drittel der Aufführungszeit von einer Stunde mit Zuwarten verbracht wird, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Aus Sicht der Künstler mag es der dramaturgischen Vorbereitung des großen Effekts dienen, aus Sicht des Publikums ist es Langeweile, Provokation oder Diebstahl der eigenen Lebenszeit. Keiner erhebt sich, keiner wehrt sich. Alles wartet auf den nächsten Lacher.
Die Demontage beginnt. Der zweite Darsteller „enthauptet“ den Tonklumpen, plättet das Material mit dem Hammer, um es sich anschließend wie eine Maske um den Kopf zu legen. Simon Hartmann, der ihn hier verkörpert, kann jetzt nichts mehr sehen. Die Metamorphose hat angefangen. Der erste Darsteller, Daniel Ernesto Müller, betritt die Szene, um in die nächste Phase einzutreten. Seit 1913 fordert Claire Waldoff die Menschheit in ihrem bis heute witzigen Chanson auf, nicht mit Lehm zu schmeißen. Müller interessiert das nicht die Bohne. Er bewirft den Maskierten mit dem Bastelmaterial. Dass er Hartmann schließlich Hörner aufsetzt, geschieht wohl ausschließlich im Rahmen der Verwandlung und weniger als Metapher. Das alles wirkt so skurril wie brutal.
Wenn der Maskierte zum Tonklumpen zurückkehrt und damit eine Koexistenz eingeht, mag sich der Titel erklären, weil in noT sich verwandelt zu in Ton, der Sinn erschließt sich nicht. Wenn das Stück eine Lehre vermitteln kann, dann sicher die, dass die Produktionen der so genannten Freien Szene längst eine Komplexität erreicht haben, bei der man mit einem Abendzettel nicht mehr hinkommt. Will diese Freie Szene ihre Publika mitnehmen, braucht es mehr Kommunikation als ein paar verquaste Sätze auf einem Abendzettel. Das Publikum wird es ihr danken – es muss ja nicht das teure Programmheft aus dem Opernhaus sein; intelligente Lösungen, die andere Theater längst gefunden haben, eröffnen ganz andere Horizonte.
Das Publikum dieses Abends, das eher eine Melange aus Freunden und Familie darstellt, applaudiert freundlich. Das ist zu wenig.
Michael S. Zerban