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INSTABIL
(Pascal Touzeau)
Besuch am
7. März 2025
(Uraufführung)
Endzeitstimmung im ES365, dem Kulturzentrum an der Erkrather Straße, in dem sowohl bildende als auch darstellende Kunst ein neues Zuhause gefunden haben. Hier legt Choreograf Pascal Touzeau ein beachtliches Tempo vor, was die Aufführungen seiner Arbeiten angeht. Im November vergangenen Jahres begann er mit What if, legte im Dezember mit Landfall , das im Januar wiederholt wurde, nach und lädt heute zu Instabil, einer Kooperation mit Erotico Inestable, in die ehemalige Wagenhalle ein. Vorausgegangen war eine Filmproduktion, aus der die Idee zu einer neuerlichen Aufführung erwuchs. Hinter Erotico Inestable verbergen sich der Künstler Sebastian Mejia und sein Team, die häufig mit weißgestrichenen Europaletten, Neonleuchten und Fitnessgeräten in surrealen Konstellationen arbeiten. Zu Installationen werden sie in der Kombination mit Fotos, Videos, erweitert oft durch Aufführungen. Mejia verweigert mit dieser Mischung aus Installation, Performance, Skulptur und medialer Kunst bewusst die Einordnung seiner Arbeit in konventionellen Mustern. Die Zusammenarbeit von Touzeau und Mejia ist nicht neu, Mejia hatte schon zuvor an Licht und Bühne bei den Arbeiten Touzeaus mitgearbeitet. Neu ist allerdings die Arbeit auf Augenhöhe.

Nach frühlingshaften 20 °C in der Nachmittagssonne muss man allerdings auf die Einfälle der Compagnie Pascal Touzeau & Co schon ziemlich neugierig sein, um sich auf die Kälte des Aufführungsortes am Abend einzulassen. Und es erfordert Langmut, eine mehr als viertelstündige Verspätung des Vorstellungsbeginns im „Foyer“ auszuhalten. Es ist hier fast so kalt wie in der Wagenhalle, und Sitzgelegenheiten sind ebenso rar wie – wärmende – Getränke. Woran merkt man als Besucher, dass es losgeht? Wenn die Damen am Empfang plötzlich aufspringen und allen anderen voran in den Saal stürmen. Also nichts wie hinterher.
Beim Eintritt erklingt das Präludium in h‑Moll, BWV 544, von Johann Sebastian Bach. Die Szene ist gespenstisch. Dichter Nebel liegt über einer Landschaft aus weißen Europaletten, auf denen Selbstertüchtigungsgeräte verteilt sind. Davor ein „Türrahmen“ aus Neonröhren. Ohne viel Fantasie mag man hier die Überreste eines Fitness-Studios nach der Apokalypse erkennen. Verbliebene Besucher setzen unbeirrt ihr Training fort, teils bis zur Unkenntlichkeit mit obskuren Helmen vermummt. Unter ihnen auch Mejia, der auf seinem Helm einen Monitor trägt. Gegenüber der Szene, zwischen den Zuschauerreihen ist eine Sitzgruppe aufgebaut, auf der wechselweise Akteure Platz nehmen, unter ihnen Touzeau, der heute wohl mit einem ebenfalls geweißten Einkaufswagen den Personentransport übernimmt. Außerdem ist auf dem Gefährt die Musikquelle befestigt.

Die vier Tänzerinnen – Alice Hunter, Caroline Powell, Luise Stehmann und Valeria Di Mauro – sind in Herrenunterwäsche gekleidet. Ärmellose Unterhemden und Hosen, die an die berühmte Schiesser-Feinripp-Unterhose, allerdings ohne den mindestens genauso berühmten Eingriff, erinnern. Neu im Team ist Di Mauro. Sie ersetzt Anri Hirota, die sich in ein Festengagement nach Dresden verabschiedet hat. Es ist kein Überlebenskampf, den die Damen zelebrieren, sondern eher ein Weiter so, als sei nichts geschehen. Etwa in der Mitte der dreiviertelstündigen Aufführung tritt Bassbariton Thomas Huy im weißen Overall auf den Plan, der aus Franz Schuberts Winterreise neue Musik kreiert. Neben Vokalisen und improvisierten Melodien wird Gute Nacht und Lindenbaum erkennbar. Bild- und Klanggewalt lassen die Tänzerinnen „ins Glied“ zurücktreten, zumal sie über Strecken ohnehin kaum mehr als Silhouetten zu sehen sind. Begrüßenswert unbedingt, dass Huys Gesangsqualitäten stärker in den Vordergrund rücken.
Das Finale gerät exorbitant, wenn Huy auf einem Europaletten-Gefährt unter einem Lichtbogen eine Prozession anführt und dazu den Leiermann in eigener Improvisation intoniert. Bekanntlich schließt der Leiermann den Schubertschen Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller von 1827 ab und lässt unter anderem zwei Deutungen zu. Ist der Leiermann – „Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an; und die Hunde knurren um den alten Mann“ – der Gevatter Tod, an den die Frage geht: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen? Willst du zu meinen Liedern deine Leier drehn?“ Oder ist die „ewige Leier“ Ausdruck der Qual eines hoffnungslosen, aber immer fortdauernden, in diesem Fall Überlebens? Die Antwort bleibt aus im erlöschenden Licht und einem im Dunkel ergrauten Nebel.
Wenn der Tanz zugunsten des Gesamtkunstwerks an diesem Abend zurücktritt, gefällt es dem Publikum offenbar. Zumindest scheint der frenetische Applaus Touzeau und Mejia Recht zu geben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in der und um die Ukraine will einem die Freude ob der künstlerischen Leistungen in unterkühlten Räumlichkeiten nicht so recht gelingen.
Da ist schon jetzt die Vorfreude auf die Aufführung Lighttraveler groß, die Pascal Touzeau & Co bereits Ende März in Kooperation mit Desislava Staykova-Learn im ES365 zeigen wird. Vielleicht gibt es dann ein wenig mehr Frühling.
Michael S. Zerban