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Größer können die Gegensätze kaum sein. Bouchra Ouizguen ist eine marokkanische Choreografin. Üblicherweise lebt und arbeitet die Autodidaktin in Marrakesch. Carte Blanche ist die größte norwegische zeitgenössische Tanzkompanie mit Sitz in Bergen. Deren künstlerischer Leiter, Hooman Sharifi, hat die Choreografin eingeladen, mit Carte Blanche eine Arbeit zu entwickeln. Beide Seiten fühlen sich einigermaßen hilflos. Wie kann man im jeweils anderen Land überleben, wenn man sich ohne Sprachkenntnisse, ohne Wissen über die Kultur und auch noch in einem gänzlich ungewohnten Klima zurechtfinden muss? Ja, ein großartiges Thema, findet das ungewöhnliche Team und macht sich an die Arbeit.
Die Tänzer reisen nach Marokko. Wie der Titel der Choreografie vermuten lässt, nach Jerada. Eine Provinz mit gleichnamiger Hauptstadt an der algerischen Grenze, über die Autobahn mehr als 800 Kilometer von Marrakesch entfernt, vorbei an Sehnsuchtsorten wie Fes, Rabat oder Casablanca. Hier, in wahrhaft tiefster Provinz, in einer Welt, die mit der Seen- und Bergwelt Norwegens nicht mehr das Geringste zu tun hat, wird die These Ouizguens greifbar, dass der Kreis in individueller wie in kollektiver Ausformung eine Möglichkeit bietet, das Überleben der Gruppe zu gewährleisten.
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Das Ergebnis der Arbeit wird nun auch am Tanzhaus NRW vorgestellt. Die Bühne einschließlich der Seitenbühnen im großen Saal ist komplett geräumt. Mauerwerk, wohin das Auge blickt. Deutlicher kann man Wüste kaum vermitteln. Eric Wurtz simuliert einen Sonnenaufgang, ehe er das Weißlicht immer wieder behutsam wechselt, ohne die Sichtbarkeit ernsthaft zu gefährden. Musik setzt ein. Es sind Männergesänge, die von rhythmischen Stockschlägen begleitet werden. Dakka Marrachkia nennt sich die landestypische Musik, die von der Dakka Marrachkia Baba’s Band eigens für das Stück eingespielt wurde und nun über die Lautsprecheranlage erklingt. Bei den ersten Aufführungen wohl noch live gespielt, erklingt sie zunächst fokussiert aus der linken, hinteren Ecke.

Ein junger Mann mit einem dreiviertellangen Mantel betritt die Bühne und beginnt einen Tanz, der an Derwische erinnert, die sich nicht nur um sich selbst drehen, sondern auch immer weitere Kreise ziehen. Faszinieren zunächst die verschiedenartigen Perspektiven, die er mit ausgestreckten Armen und fliegenden Mantelschößen erreicht, wird es nach satten 20 Minuten einer einstündigen Aufführung doch eher ermüdend. Weitere Tänzer lösen sich aus den Publikumsreihen, bleiben dabei, sich mehrdimensional zu drehen. Kaum eine Bewegung gleicht der anderen, allen gemein ist der Kreis, in welche Richtung auch immer er getanzt wird.
Nach einer halben Stunde verglimmt die Musik, wird auf einen Pulsschlag reduziert. Erst wenn die Choreografie in der zweiten Hälfte wieder Fahrt aufnimmt, wird deutlich, dass die Tänzer ihr Überleben in der Gruppe suchen. Die Wendekreise werden immer vielfältiger, ehe sie vorübergehend zusammenbrechen. In der letzten Viertelstunde nimmt die Choreografie Fahrt auf, Kleidungsstücke werden hin und her geworfen, Farbigkeit kehrt ein. In der wieder einsetzenden Musik wird der Rhythmus härter. Die Tänzer kennen kein Halten mehr. Scheinen sich in einen Rausch zu tanzen. Der auch die Besucher ergreift. Immer schneller werden die Bewegungen, ohne den Kreis zu verlassen. Die Betrachtung einer Sportstunde könnte nicht spannender sein.
Am Ende tanzt sich das Individuum aus – hat also das Modell von Ouizguen funktioniert? Die Frage verliert sich nach Minuten im Dunkel. Das spärlich erschienene Publikum des Abends kennt die Antwort nicht, applaudiert aber die athletische Leistung.
Michael S. Zerban