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Die Bilder entstanden während der Generalprobe am 16. März 2024 - Foto © O-Ton

Musizierte Versöhnung

JESUS-PASSION
(Oskar-Gottlieb Blarr)

Besuch am
17. März 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Stifts­kirche St. Suitbertus Kaisers­werth, Düsseldorf

Atemlose Stille am Ende. Ein ergrei­fender Moment in einer an bewegenden Momenten reichen Aufführung. Es ist Susanne Hiekel am Pult, die das Schweigen nach einer gefühlten Ewigkeits­minute bricht und den Beifall in der vollbe­setzten St.-Suitbertus-Basilika auslöst. Eine Aufführung ganz aus dem Herzen musiziert. Eine, für die sich Kantorei Kaisers­werth mit Kinder- und Jugendchor sowie Basilika-Chor Kaisers­werth unter seinem Leiter Stefan Oechsle zusam­men­getan haben. Ein schönes Zeichen. Ein notwen­diges Zeichen. Tatsächlich stehen katho­lische wie evange­lische Kirchen ja gleicher­maßen in der Verant­wortung, wenn es um die Rücknahme geht von Übergrif­fig­keiten der christ­lichen Kirchen und Theologie, mit denen sie die jüdische Religion ebensowohl verein­nahmt wie entwertet haben. Eine Schuld­geschichte. Gut und gern zweitausend Jahre hat sie für perma­nente Pogrom­stimmung gesorgt. Die absurden Vorwürfe von Christen in Richtung Juden sind Legion. Im Zentrum ein megalo­ma­ni­scher „Gottesmord“-Vorwurf. Er hat für aller­größtes Unheil gesorgt.

Susanne Hiekel – Foto © O‑Ton

Ist das alles Vergan­genheit? – Richtig ist: Im Schatten der Shoah hat sich das christ­liche Gewissen gemeldet. 1956 revidiert Papst Johannes die jahrhun­der­tealte Karfrei­tags­bitte der katho­li­schen Messlit­urgie, ein, bezeich­nen­der­weise ohne Kniebeugung auszu­füh­rendes Fürbit­ten­gebet pro perfidia judaica, für die „Verstocktheit der Juden“. Und auf evange­li­scher Seite? Dauerte es bis in die 1980-er Jahre. Erst dann werden Juden­mission und Substitutions­theologie fallen­ge­lassen. Letztere meint den Anspruch einer protes­tan­ti­schen Theologie, wonach durch den Christus-Glauben der jüdische Glaube angeblich obsolet geworden sei. Ein Antiju­da­ismus, den eine luthe­rische Ortho­doxie zum Dogma erhoben hat und von dem heute noch jede Aufführung einer Bach-Passion schmerzlich Zeugnis ablegt, die betei­ligten Choristen, Musiker wie das Publikum in aller­größte Gewis­sensnöte bringt. Man liebt ja die Musik und erschrickt sich zugleich vor den Worten, der Dramaturgie.

Eine Situation, in der Oskar-Gottlieb Blarr zu Beginn der 1980-er Jahre die einzig richtige Entscheidung fällt. Ermuntert von seinem Kompo­si­ti­ons­lehrer Milko Kelemen – „Lass das den Rilling machen! Schreib Deine Passion!“ – macht sich Blarr, angeregt durch einen ersten Israel-Aufenthalt, an die Kompo­sition einer Passion nicht mehr nach den Evange­listen Markus, Matthäus, Lukas, Johannes, sondern „nach Texten der Heiligen Schrift, des Talmud und jüdischer Lyrik des 20. Jahrhun­derts“. Als solche wird die Jesus-Passion im Juni 1985 in der Düssel­dorfer Johan­nes­kirche urauf­ge­führt, erlebt bis heute zahlreiche weitere Auffüh­rungen. Jetzt auch in Kaiserswerth.

Oskar-Gottlieb Blarr – Foto © O‑Ton

Eine Riesen­an­strengung! Zu musizieren sind drei große orato­rische Szenen. Zusammen einhundert Minuten Musik. Großer gemischter Chor, Kinderchor, großes Orchester in Gestalt der Kaisers­werther Camerata instru­mentale sowie sechs Solisten, die beiden Soprane Sabine Schneider und Andrea Graff, die junge Altistin Pauline Asmuth, Tenor Christian Dietz und ein in Joel Urch und Stefan Adam geteilter Bass. Der Altarraum von St. Suitbertus ist voll. Perso­nal­in­ten­siver könnte es kaum zugehen. Man spürt: Das zu stemmen, ist alles andere als ein Kinder­spiel, auch wenn gerade Kindern als Aus­führenden eine wichtige Rolle zukommt. Denn zum Mut, den Blarr mit dieser, wie er sagt „ersten nicht-antiju­da­is­ti­schen Passi­ons­kom­po­sition“ gezeigt hat, kommt seine Aufrich­tigkeit, Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, wenn er seine frühesten Frömmig­keits­er­fah­rungen im Elternhaus in Ostpreußen ganz selbst­ver­ständlich einwandern lässt in die Partitur. Im zweiten Teil, der Gethsemane-Szene, singt der Chor einen alten ostpreu­ßi­schen Liedsatz: Im Garten leidet Christus Not. Apropos. Nicht nur an seine Ausfüh­renden stellt Blarr Ansprüche, auch an seine Hörer. Lediglich der Chorsatz sowie zwei andere Stücke werden auf Deutsch gesungen; alles Übrige auf Hebräisch, was dem Programmheft in diesem Fall eine promi­nente Rolle zuweist. Man hat sich die Mühe gemacht, die Lautum­schriften einzu­rücken. Tatsächlich nur so, mitlesend, lässt sich der Überblick behalten.

Aller­dings, auch in dieser auskom­po­nierten Verbeugung vor dem jüdischen Erbe gibt es durchaus Passagen, die aus sich selbst verstehbar sind, ja, deren origi­naler Wortlaut aus den Evangelien des Matthäus und Markus geläufig ist. Nur, dass sie hier vom Kontext befreit sind, ganz für sich stehen. Worte aus dem Psalter, aus der Tora. Eine solche Stelle, erschüt­ternd in ihrer Kargheit, begegnet im dritten Teil, der auch bei Blarr noch Kreuzigung heißt, obgleich Pilatus und Rom hier gar nicht mehr vorkommen. Sie sind unter­stellt, müssen unter­stellt sein, weil der Tod am Kreuz eine römische, keine jüdische Hinrich­tungsart gewesen ist.

Bassist Stefan Adam, der meist­be­schäf­tigte Solist an diesem Nachmittag, macht seine Sache ganz großartig, agiert ohne störende Dekla­mation, ganz aus dem Innern heraus. Zunächst den Von-Gott-Verlas­sensein-Ruf „Eli, Eli, lama asabtani“, von Blarr verkürzt zu „Eli, Eli, lama“, „Mein Gott, mein Gott, warum?“ Und im nächsten Moment kommt dann das „Sch’ma Jisrael“, „Höre, Israel“ aus dem 5. Buch Mose, eine begründete Invention von Blarr, der man von Herzen zustimmen möchte. Am Ende steht das Bekenntnis. Das beglei­tende Blech wird tonlos. Der Atem entweicht. Ein Aushauchen. Bewegend, eindrucksvoll musiziert an dieser Stelle wie an allen anderen.

Georg Beck

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