Auf dem Weg

KLÄR.
(Michael Schmidt)

Besuch am
22. August 2018
(Urauf­führung)

 

Tatraum-Projekte Schmidt, Opern­tunnel, Düsseldorf 

Der Sommer ist die bevor­zugte Jahreszeit der ungewöhn­lichen Spiel­stätten. Gerade für Stadt­ver­wal­tungen mithin eine Zeit des Schre­ckens. Denn natürlich ist es nicht damit getan, mal eben für zwei Stunden einen Schlüssel auszu­hän­digen. Da gilt es, Prüf- und Entschei­dungs­ver­fahren durch­zu­führen, zusätz­liches Personal zu bestellen und nicht zuletzt die Zustimmung der eigent­lichen Nutzer der impro­vi­sierten Spiel­stätte einzu­holen. Auch auf Seiten des Veran­stalters werden irgendwann die Nerven blank liegen. Die logis­ti­schen Heraus­for­de­rungen sind enorm, Proben­aus­fälle können bei engge­strickten Zeitplänen schnell an den Rand der Katastrophe führen, die Spiel­stätte zeigt ihre Schwächen spätestens bei den techni­schen Anfor­de­rungen. Und das Publikum wird sich anschließend kaum dankbar zeigen, muss es doch auf die üblichen Annehm­lich­keiten wie bequeme Sitzmög­lich­keiten oder eine gewohnte Verpflegung verzichten. Es muss sich also schon um ein ganz beson­deres Stück handeln, wenn man solche Unbill auf sich nimmt.

Michael Schmidt und sein Ensemble Tatraum-Projekte haben für ihre Perfor­mance ein Stück des Opern­tunnels in Düsseldorf ausge­wählt. In den 1960-er Jahren konzi­piert, um die beiden Museen Kunst­halle und K20 mit dem Opernhaus zu verbinden, wurde der Opern­tunnel ein Zugang von den beiden dazuge­hö­rigen Parkhäusern zum Opernhaus, ehe er 1991 vollständig geschlossen wurde, weil die zuneh­mende Verwahr­losung den Tunnel zunehmend unattraktiv erscheinen ließ. Seit 2003 arbeitete die Oper daran, den Tunnel wieder in Betrieb zu nehmen, 2011 eröffnete sie ihn in Eigen­regie. Seither wird er bei Vorstel­lungen auf der großen Bühne eine Stunde vor Beginn und bis etwa 20 Minuten nach Vorstel­lungsende geöffnet, während­dessen durch drei Mitar­beiter gesichert und bleibt ansonsten geschlossen. Für das neue Tatraum-Projekt wird das Teilstück vom äußeren Eingang vor der Oper bis zu den Zugängen zu den Parkhäusern geöffnet, woraus sich ein L‑förmiger „Bühnenraum“ ergibt.

POINTS OF HONOR

Musik



Perfor­mance



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Klär oder die perfor­mativ-poetische Suche nach Schrö­dingers Katze nennt Schmidt seine neueste Insze­nierung. Sieben Darsteller sind nötig, um den Ausflug in die Quanten­me­chanik zu verwirk­lichen. Auf dem langen Flur sind seitlich Plastik­kisten mit Acces­soires unter­ge­bracht, am Ende des Flurs wabert Licht als Projektion. Im Knick ist die Technik aufgebaut, hier hält sich auch der Großteil der Zuschauer auf, um den bestmög­lichen Einblick in beide Flure zu haben. Sieben Menschen halten knieend ihre Köpfe in trans­pa­rente Plastik­kisten, in denen Handschein­werfer abgelegt sind. Eine Licht­dusche. Mit dem Ende der Prozedur wandern sie mit den Kisten in das kurze Flurstück, an dessen Ende jetzt Bilder proji­ziert werden. Videos der Darsteller, die sich unter der Wasser­ober­fläche eines Hallen­bades in Kleidern aufhalten. Davor sind Aquarien aufgebaut. Die Darsteller entkleiden sich bis auf Badehosen und Badeanzüge. Sehr gemächlich, also eher meditativ geht das.

Foto © Tatraum

Isabel Wamig greift zur Geige, singt gemeinsam mit Oliver Bedorf Unver­ständ­liches, aber melodisch und eingängig. So bleibt der Atem eines der Grund­motive des Abends. Denn so will Schmidt am ehesten das Prinzip von Schrö­dingers Katze verdeut­lichen. 1935 stellte Erwin Schrö­dinger ein Modell vor, in dem er, stark verein­facht, versucht, eine Katze in einer Versuchs­an­ordnung im Lebend- und Tot-Status gleich­zeitig darzu­stellen. Zurück im langen Flur greifen Wamig und Miriam Gronau das Problem in einer Schau­spiel­szene auf. Disku­tieren, was passierte, wenn die Linea­rität von Ereig­nissen aufge­brochen werden würde. Damian Veens, Rolf Schulz, Adrián Castelló und Cornelius Schaper bleiben stumme Unter­stützer in den Szenen. Auch dann, wenn die Sema, der kreisende Tanz der Derwische angedeutet wird, die die Einheit von Leben und Tod sucht. Vielleicht kommen die Apnoe-Taucher dem gleich­zei­tigen Sein von Tod und Leben am nächsten. Die Performer versuchen es, indem sie ihre Köpfe möglichst lange in mit Wasser gefüllte Plastik­kisten stecken. Einen ähnlichen Zustand erreicht man, indem man es mit der Hyper­ven­ti­lation übertreibt. Also auch das ein Versuch.

Durch­brochen wird das durchweg meditative Treiben durch einzelne Gesänge, die auch schon mal an Zwischenrufe erinnern, und zugespielte Klang­fetzen, die mehr suggestiv als hörbar erklingen. Zwar wird das Publikum zu Beginn des Abends ausdrücklich aufge­fordert, sich frei im Raum zu bewegen, aller­dings beharren die Darsteller auf den geprobten Stationen und so verpufft der vielleicht erwünschte Effekt der Integration. Statt­dessen heißt es, einein­viertel Stunden zu stehen. Das nimmt viel von der Konzen­tration, und da wird auch schon mal lieber getuschelt, als sich in die Vorgänge zu vertiefen. Aber so ist das halt mit origi­nellen Spiel­stätten. Und letztlich gelingt es den Darstellern eindrucksvoll, die „perfor­mativ-poetische“ Suche umzusetzen, die versprochen war. Für die Quanten­me­chanik haben die Tatraum-Projekte Schmidt keine neuen Fans gewinnen können. Aber das war ja wohl auch nicht beabsichtigt.

Michael S. Zerban

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