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KLASSIK ON THE BEACH
(Diverse Komponisten)
Besuch am
10. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Vielbeschworen ist der Sommer in der Stadt. Wenn die Menschen aus ihren Wohnungen in die Cafés und Biergärten strömen, um sich gemeinsam an lauschigen Abenden zu erfreuen. Dem trägt in Düsseldorf der Stadtstrand Rechnung. Das Konzept ist so einfach wie einleuchtend. An drei Stellen am Rheinufer werden ein paar Container aufgestellt, Liegestühle und ähnliches Mobiliar sorgt für eine behagliche Atmosphäre – und Veranstaltungen wie Konzerte oder Tanzabende sorgen für den gastronomischen Umsatz. Wer hierher kommt oder beim Vorübergehen einfach mal ein bisschen länger verweilt, zahlt keinen Eintritt, aber der Kauf von Getränken und Speisen sowie eine Hutspende für die Künstler wird erwartet.
Neu in diesem Sommer ist die Konzertreihe Klassik on the Beach am Düsseldorfer Tonhallenufer im Schlagschatten der Oberkasseler Brücke, kuratiert von Thomas Huy im Auftrag der Stadtstrand-Betreiber und unter anderem in Kooperation mit der Düsseldorf Lyric Opera. Zur Eröffnung der Reihe stehen bekannte Melodien aus der Welt der Oper, des Musicals und der Operette auf dem Programm. Eine Ankündigung, die offenbar Neugierde weckt. Das Publikumsinteresse, Handy-Videos aufzunehmen oder nein, an der Musik ist groß, und so müssen noch rasch zusätzliche Stühle aufgebaut werden. Dass sich der Beginn um eine halbe Stunde verzögert, stört hier niemanden. Auch, dass die Straßenbahn in unregelmäßigen, aber engen Abständen über die Brücke rumpelt, wird in Kauf genommen.
Die Spielstätte ist interessant und facettenreich. Auf der Oberkasseler Rheinseite kann man bereits die Silhouette der einen Tag später beginnenden Rheinkirmes bestaunen. Das Tonhallenufer ist ab der Tonhalle für den Autoverkehr gesperrt. Unter der Brücke sieht ein paar Gerüste für Skateboarder aufgebaut. Gleich im Anschluss beginnt das Areal des Stadtstrandes. An der Mauer sind etliche Container aufgebaut, die Platz für die Bühne, eine Bar und einen Imbiss bieten. An der Wasserseite sind die Stühle aufgestellt. Der Mittelgang bleibt für den Durchgangsverkehr frei. Das heißt für diejenigen, die sich trauen, zwischen Publikum und Bühne hindurchzugehen. Die anderen können hinter der Veranstaltung am Ufergeländer noch einen schmalen Weg finden.

Bass-Bariton Thomas Huy ist Kurator, Moderator und Sänger in einer Person. Dass es die erste Veranstaltung an diesem Ort für ihn ist, merkt man ihm nicht an. Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Pianist Vlad Solodovnykov eröffnet mit dem Instrumentalstück Fly von Ludovico Einaudi, bevor Tenor Frank Schnitzler mit Granada den ersten Hit schmettert. Resonanzräume sucht man hier vergeblich, und die Nebengeräusche sind beträchtlich. Da ist es schön, dass die Sänger über eine ausreichende Zahl an Mikrofonen verfügen, die den Klang über eine stattliche technische Ausstattung satt und sauber verstärken. Da klingt dann auch Ol Man River herrlich über den Platz, wenn Huy eine erste Kostprobe seiner tiefen Stimme präsentiert. Sopranistin Paula Pineda Torres nimmt das Publikum mit Je veux vivre von Charles Gounod aus seiner Oper Romeo und Julia für sich ein, und Karen Bandelow sorgt mit ihrem Sopran und Summertime für echtes Sommerabendwohlgefühl. Aus der Oper Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart interpretieren Huy und Torres das weltbekannte Duett Là ci darem la mano und können so auch das unkundige Publikum für den Kunstgesang begeistern. „Andiam! Andiam!“ heißt es da, und Schnitzler lässt sich nicht zwei Mal bitten. Mit O sole mio sorgt er für Italianità.
Nach einer Pause sorgt Solodovnykov mit dem Mad Max Theme Piano Cover für die nötige Konzentration, damit Mezzosopranistin Phillipa Thomas im leuchtenden Orange ihrer Robe, unter der sich Nachwuchs ankündigt, Hör ich Zymbalklänge aus der Operette Zigeunerliebe von Franz Lehár singen kann. Nach der hinreißenden Darbietung stimmt Stephan Lux, der sämtliche musikalische Begleitung am Klavier an diesem Abend übernimmt, Vous qui faites l’endormie aus Gounods Faust an, das Huy interpretiert. Danach hat Thomas leichtes Spiel, das Publikum zu faszinieren, wenn sie die Habanera aus George Bizets Carmen erklingen lässt. Und nach Quel guardo il cavaliere aus Gaetano Donizettis Don Pasquale sorgen Thomas und Huy mit Papagena, Papageno, dem Bravourduett aus der Zauberflöte für viel Spaß. Der zweite Teil endet mit Soave sia il vento, dem Terzett aus Così fan tutte, zu dem sich Huy, Torres und Thomas zusammenfinden.

Vom Publikum unbemerkt, spielt sich derweil auf der Brücke ein Drama im richtigen Leben ab. Die Brücke wird gesperrt, auf Höhe des wenige Meter entfernten Fortuna-Büdchens versammeln sich Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, während der Schiffsverkehr auf dem Rhein eingestellt wird und Boote der Wasserpolizei und der DLRG den Fluss sichern. Auf der Brücke wird es derweil bis über das Ende der Veranstaltung hinaus nicht gelingen, einen einzelnen Mann in Unterhemd und Jeans zur Aufgabe zu bewegen.
Unten auf der Bühne beginnt Solodovnykov den dritten Teil des Abends mit Light of the Seven aus Game of Thrones. Anschließend schlüpft Huy in die Rolle des Don Giovanni, der Donna Elviras Zofe mit seiner Canzonetta Deh! vieni alla finestra im zweiten Akt verführen möchte. Der Best-of-Abend lässt sich mit Nessun dorma, von Schnitzler dargeboten, aus Giacomo Rossinis Turandot noch steigern, und Thomas legt mit O mio babbino caro gleich nach. Mit der Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen und All I ask of you aus dem Musical Phantom der Oper folgen gleich zwei Duette von Bandelow und Thomas respektive Torres und Huy. Dahinschmelzen darf man bei Bandelows Somewhere over the rainbow und süßlicher als mit Lippen schweigen von Huy und Torres geht es wohl kaum, aber hin und wieder muss ein bisschen Kitsch auch mal erlaubt sein. Immerhin ersparen die beiden dem Publikum den gemeinsamen Walzer, in den Opernsänger an dieser Stelle gern mal verfallen. Wer sich als Zugabe ein Trinklied gewünscht hat, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es ein gemeinsames und damit nicht ganz textsicheres, erneutes O sole mio, um dem Sommerabend den rechten Ausklang zu verleihen.
Das Publikum feiert lang und ausgiebig einen großartigen Gesangsabend vor passender Kulisse einschließlich eines recht spektakulären Sonnenuntergangs. Ein ausgesprochen gelungener Auftakt einer neuen Konzertreihe, die den Besuchern die Welt der Oper, des Musicals und der Operette ohne moralischen Zeigefinger nähergebracht hat. Chapeau! Und es geht weiter. Am 30. Juli wird Stephan Lux gemeinsam mit der Geigerin Natalia Demina ein Tanzkonzert zur Musik von Johann Strauss darbieten, und am 7. August darf es dann experimentierfreudig werden, wenn Pianist Vlad Solodovnykov Neoklassik auf dem Klavier mit Gesängen von Thomas Huy aus dem Barock und der Renaissance kombiniert. So viel sei schon verraten: Es funktioniert hervorragend.
Michael S. Zerban